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Karl-Otto Sattler
Kurz Notiert

Ein digitaler Maschinenstürmer ist Steven Hill nicht. Der Wirtschaftsjournalist schätzt Smartphones und sieht sehr wohl, dass "smarte" Technik hilft, das Sehvermögen zu verbessern, Epidemien vorherzusagen, Krankheiten zu erkennen oder Autos ohne Fahrer zu steuern. Start-up-Firmen und die Internetökonomie vermögen der Wirtschaft Impulse zu geben, meint der US-Amerikaner. Trotzdem setzt er sich kritisch mit der Kehrseite der Digitalisierung auseinander, der Vernichtung von Arbeitsplätzen, der Schaffung prekärer Jobs, der finanziellen Austrocknung des Sozialstaats. Was den Verfasser besonders ärgert, ist die gläubige Anbetung des neuen Mekka Silicon Valley durch Manager und Politiker.

Hills gründliche Analysen lenken den Blick auf Millionen gut ausgebildete, aber miserabel vergütete "digitale Tagelöhner", die über Internetplattformen Jobs finden. Für diese Crowdworker existieren keine Mindestlöhne, keine Unterstützung bei Erwerbslosigkeit, kein Anspruch auf bezahlten Urlaub, keine Mitbestimmungsrechte. Die Freelancer können am Computer vollständig überwacht werden und leben in ständiger Unsicherheit, da sie von Aufträgen abhängen, um die viele Konkurrenten kämpfen. Hill scheut sich nicht, gewisse Parallelen zur Kinder- und Sklavenarbeit auszumachen.

Laut Hill enden 70 Prozent der Start-ups im Konkurs, 90 Prozent sind nie profitabel. Die Konzerne Apple, Google und Facebook haben zusammen knapp 140.000 feste Beschäftigte. Die "alte" Industrie bietet hingegen weitaus mehr Stellen, Siemens, Volkswagen oder Daimler jeweils mehrere hunderttausend. Im Übrigen zahlen "plattformkapitalistische Unternehmen" kaum oder gar keine Steuern und Sozialabgaben - was den Sozialstaat zu unterminieren droht, warnt Hill. Rettung verheiße der soziale Kapitalismus nach deutschem Muster. Die Bundesrepublik müsse eine Führungsrolle bei der sozialen Gestaltung der Digitalisierungs-Ära übernehmen. Eine Herkulesaufgabe, die Deutschland jedoch überfordern dürfte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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