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Alexander Weinlein
Kurz Rezensiert

Eine provokante These ist immer ein probates Mittel, um den Leser zu fesseln. Auch Martin Rupps wählt dieses Mittel. Bei den kommenden Bundestagswahlen im Herbst dieses Jahres entscheide das Wahlvolk einmal mehr "über gar nichts", behauptet der Historiker, Politikwissenschaftler und Journalist lapidar zum Auftakt seiner "Kanzlerdämmerung". Neu ist diese Provokation wahrlich nicht, sie ist vielfach mit den unterschiedlichsten Argumenten aufgestellt und begründet worden. Sei es, weil die beiden großen Volksparteien angeblich zu ähnlich sind oder weil die wahre Macht nicht in Regierung und Parlament angesiedelt ist, sondern in den Vorstandsetagen großer Konzerne und Banken. Rupps führt jedoch ein anderes Argument an: Die Regierenden, allen voran die Bundeskanzler, seien bei ihrem Amtsantritt geistig-politisch bereits Auslaufmodelle. Sie gehörten einer Generation an, deren politischen Überzeugungen nicht mehr zu den jeweils aktuellen Problemen und den Entwicklungen in der Gesellschaft passten. So gesehen sei Deutschland nicht nur eine "verspätete Nation", sondern auch ein Land der zu spät gekommenen Regierungen.

Rupps reiht sich aber nicht in den Chor der Politikverdrossenen ein. Er weiß sehr wohl um die Stärken des politischen Systems der Bundesrepublik und benennt diese auch. Aber er attestiert der Politik und ihrer Protagonisten nicht weniger als ein Demographieproblem. Vereinfacht ausgedrückt: Die politische Führungsriege ist zu alt. Dieses Problem sei mit der Wahl des 73 Jahre alten Konrad Adenauer zum ersten Kanzler der Bundesrepublik quasi in die Wiege gelegt worden. Rupps propagiert allerdings keinen übertriebenen Jugendlichkeitswahn. Die Erfahrungen der Älteren seien wichtig. Aber es fehle als Ausgleich an jüngerem Personal in den Führungsetagen von Parteien und Institutionen. Da Quereinsteiger allzu oft aus Ämtern herausgemobbt würden und die Parteikarrieren zu lange dauerten, plädiert Rupps unter anderem für eine Quote für die U40-Generation. Man muss Rupps nicht in allen Punkten folgen, aber lesenswert ist sein Buch allemal.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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