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Colonia dignidad
Susann Kreutzmann
Dunkles Kapitel deutscher Außenpolitik

Die Verbrechen der Sekte in Chile sollen nach dem Willen des Bundestages aufgearbeitet werden. Erstmals können die Opfer auf Entschädigung hoffen

Es war ausgerechnet ein Spielfilm, der eine festgefahrene und politisch unbequeme Debatte wieder in Gang brachte. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte das Polit-Drama "Colonia Dignidad" im Auswärtigen Amt Premiere. Auch wenn nicht alle Szenen der historischen Wahrheit entsprechen, brennen sich die Grausamkeiten der Terrorsekte ins Gedächtnis. Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Zwangsadoption, Entführung und Mord - die Liste der unfassbaren Verbrechen in der von dem deutschen Laienprediger und gesuchten Kinderschänder Paul Schäfer gegründeten Sekte ist lang. Während der chilenischen Militärdiktatur unterhielt die Geheimpolizei DINA auf einem streng abgeschotteten Gelände am Rande der Anden ein Folterlager. In einem Massengrab sollen mindestens 112 Oppositionelle verscharrt worden sein.

Die "Kolonie der Würde" gehört aber auch zu den dunklen Kapiteln der neueren deutschen Außenpolitik. Deutsche Diplomaten hätten "bestenfalls weggeschaut", sagte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bei der Filmpremiere und versprach Aufklärung.

Im November vergangenen Jahres reiste eine Delegation des Rechtsausschusses unter Leistung der Grünen-Abgeordneten Renate Künast in die ehemalige Kolonie, die heute "Villa Baviera" heißt. Immer noch leben dort rund 150 ehemalige Sektenbewohner. Sie schilderten, wie sie seit frühester Kindheit gefoltert, gedemütigt und psychisch gebrochen wurden. Die Abgeordneten zeigen sich auch heute noch emotional aufgewühlt, wenn sie davon erzählen. "Ich habe in meinem Leben schon eine Menge gesehen und bin eigentlich gar nicht so leicht zu erschüttern", sagte Künast am vergangenen Donnerstag im Bundestag. Man habe schon "sehr viel Tuch über die Augen legen müssen", um die Verbrechen dort jahrzehntelang nicht zu sehen, urteilte sie.

Es dauerte danach noch Monate, bis sich die Fraktionen auf einen Antrag zur Aufarbeitung der Verbrechen einigen können. Es waren vor allem die Fragen nach der deutschen Schuld und dem Recht auf Entschädigung, die eine gemeinsame Linie schwierig machten. Vergangene Woche stimmten schließlich alle Fraktionen für einen Antrag (18/12943) von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen. 92 Abgeordnete von Linksfraktion, Grünen sowie die SPD-Abgeordnete Ulli Nissen hatten einen eigenen Antrag (18/11805) vorgelegt, der jedoch keine Mehrheit fand. "Wir wollen, dass durch ein einheitliches Votum dieses wichtige Signal gesetzt wird", begründete der Linken-Abgeordnete Harald Petzold die Zustimmung seiner Fraktion. Auf der Besuchertribüne verfolgen mit Rainer Schmidtke und Heinz Wagner zwei ehemalige Bewohner die Reden.

Mit ihrem Beschluss fordern die Abgeordneten die Bundesregierung auf, "nach dem Bekenntnis zur moralischen Verantwortung den Worten Taten folgen zu lassen". Bis zum 30. Juni 2018 soll eine Expertenkommission Vorschläge für einen Hilfsfonds für die Opfer und dessen Finanzierung vorlegen. Auf dem Gelände der Kolonie soll eine Gedenkstätte errichtet werden.

Der Beschluss könne "nur der Anfang für weitere Aufarbeitung" sein, betonte der SPD-Abgeordnete Christian Flisek. Er wies darauf hin, dass die Opfer "heute in schwersten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben".

Michael Brand (CDU) nannte es eine "schreiende Ungerechtigkeit", dass eine 70-jährige Frau, die jahrzehntelang Zwangsarbeit geleistet habe, heute 112 Euro Rente bekomme. "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Täter weiter unbehelligt bleiben", verlangte er. Einig waren sich die Abgeordneten, dass ihre strafrechtliche Verfolgung auch in Deutschland vorangetrieben werden sollte.

Keine Handhabe Sektengründer Schäfer starb 2010 in chilenischer Haft. Nach Deutschland absetzen konnte sich seine rechte Hand, Klinikchef Hartmut Hopp. Seit Jahren lebt der 73-Jährige unbehelligt in Krefeld. Wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch wurde Hopp in Chile zwar zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt; ein internationaler Haftbefehl liegt vor. Weil Deutschland aber nicht in Länder außerhalb der EU ausliefert, ist unklar, ob er jemals seine Haftstrafe verbüßen wird.

Zuständig für die Ermittlungen ist die Staatsanwaltschaft Krefeld. Die Verfahren stagnierten, weil das Rechtshilfeersuchen von den chilenischen Behörden noch nicht umfänglich bearbeitet worden sei, berichtet Oberstaatsanwalt Axel Stahl. Vor einem Jahr sei aber der Vollstreckungsantrag beim Landgericht eingereicht worden.

2011 wurde zusätzlich im Namen des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin Anzeige gegen Hopp wegen des Verschwindenlassens von Menschen erstattet. Das ECCHR vertritt in einem Musterverfahren fünf Betroffene. "Wir sind sicher, dass die Vorwürfe ausreichend sind, um Anklage gegen Hopp zu erheben", sagte Andreas Schüller vom ECCHR dieser Zeitung. Er meint: "Die deutsche Justiz hat in den vergangenen Jahren viel zu wenig getan, um das Verfahren voranzutreiben."

Da das "Verschwindenlassen" in Deutschland keinen Straftatbestand darstellt, hätten die Anwälte Mord angezeigt, "weil er nicht verjährt", erklärt Schüller. Doch die Beweislage sei schwierig, weil viele Leichen verbrannt worden seien. Schüller und die Opfer hoffen, dass die Ermittlungen durch den Bundestagsbeschluss beschleunigt und forensische Tests auf dem Kolonie-Gelände erfolgen können.

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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