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Ortstermin: ausstellung im Schadow-Haus
Eva Bräth/Lucas Lypp
Fototechnik ohne Kamera

Heute ist sie vom Brandenburger Tor nicht mehr wegzudenken: Die Quadriga, das Vierergespann auf dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Das war nicht immer so. Als die Figuren des königlichen Bildhauers Johann Gottfried Schadow 1793 auf das Tor gesetzt wurden, beklagten viele Berliner den Anblick des "nackten Kutschers da oben". Daraufhin verpasste Schadow der spartanisch bekleideten Friedensgöttin das bis auf den Boden reichende Gewand, das sie bis jetzt noch "trägt".

In dieser Gestalt ist die Figur heute ein beliebtes Postkartenmotiv. Aus ganz anderer Perspektive kann man sie in der Ausstellung "Ferner Zeiten Schatten" mit Werken des Künstlers Floris Neusüss betrachten. Der experimentelle Fotograf hat die Hauptfigur sowie die Pferdeskulpturen der Quadriga auf Fotogrammen abgebildet. Dabei handelt es sich um eine Fototechnik, bei der Bilder ohne Kamera entstehen. Ein Gegenstand wird stattdessen zwischen eine Lichtquelle und das noch unbelichtete Fotopapier gebracht. Angestrahlt durch die Lichtquelle wirft er ein Schattenbild auf das Fotopapier, so dass ein Negativ-Bild entsteht: Die Silhouette des Schattenwurfes wird weiß abgebildet, da das Fotopapier an dieser Stelle nicht oder wenig belichtet wurde, der übrige Teil des Fotopapiers hingegen wird belichtet und färbt sich schwarz. Besonders in den 1920er Jahren haben Dadaisten und Bauhaus-Künstler mit dieser Technik experimentiert. Neusüss gilt als einer der bekanntesten zeitgenössischen Vertreter.

"Die Arbeiten von Neusüss begeistern durch die besondere Art des Künstlers, die Dinge zu erblicken, zu erfassen und zu hinterfragen", sagte Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD) bei der Ausstellungseröffnung. Sein Schaffen sei Beispiel dafür, "wie der Dialog zwischen Politik und Kunst funktioniert".

"In der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages füllt die Fotokunst von Neusüss nun eine bislang bestehende Lücke zwischen Malerei und Skulptur", sagte der Kurator der Kunstsammlung des Parlaments, Andreas Kaernbach. Zugleich verwies er darauf, dass Neusüss sich seit vielen Jahren mit dem klassizistischen Werk Schadows auseinandersetzt. Erst vor wenigen Wochen entstand nun das ebenfalls ausgestellte Fotogramm der Lutherskulptur des Bildhauers, die auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin steht.

Titelgebend für die Ausstellung ist eine Arbeit, die Neusüss 2012 angefertigt hat. Dafür hatte er Skulpturen der Ecktürme des Reichstagsgebäudes abgebildet und in einem Fries angeordnet. Ein aufwendiges Unterfangen: Auf zwei Hebebühnen wurden mehrere Meter Fotopapier sowie die künstliche Lichtquelle auf Höhe der Türme transportiert. Das Licht der Reichstagskuppel sowie die Straßenbeleuchtung musste ausgeschaltet werden. Dieser komplexe Prozess wird in der Ausstellung ebenfalls dokumentiert.Eva Bräth/Lucas Lypp

Die Ausstellung in der Schadowstraße 12-13 in Berlin-Mitte kann bis 15. April 2018, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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