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Gastkommentare - Contra
Reinhard Bingener, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"
Überzeugende Praxis

Staat und Kirche strikt trennen?

An der Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche fällt auf, dass sie derzeit viel zurückhaltender geführt wird als noch vor wenigen Jahren. Die Leistungen zehntausender kirchlicher Ehrenamtlicher in der Flüchtlingskrise sowie das Aufbrechen ungeklärter Identitätsfragen in der deutschen Gesellschaft haben viele Kritiker einstweilen verstummen lassen. Angesichts des fortschreitenden Mitgliederverlusts der Kirchen dürfte es sich jedoch lediglich um eine Atempause handeln. Die jüngsten Ereignisse sollten aber zu mehr Augenmaß führen, etwa bei der Beurteilung der Religionsgemeinschaften: Die großen Kirchen haben sich in Krisensituationen - nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der friedlichen Revolution und nun in der Flüchtlingskrise - bewährt. Zudem entsprechen alte Feindbilder von den Kirchen als repressiven Institutionen nicht mehr der Wirklichkeit. Die Kirchen sind längst zu unverzichtbaren Ankerpunkten zivilgesellschaftlichen Engagements geworden.

Auch im internationalen Vergleich überzeugt das deutsche Religionsverfassungsrecht. Im Unterschied zu staatskirchlichen Systemen wahrt es die weltanschauliche Neutralität des Staates und erlaubt eine gleichberechtigte Einbindung anderer Religionen. Darin liegt auch der Vorzug gegenüber einem strikten Laizismus wie in Frankreich, zu dessen gesellschaftlichen Folgekosten auch der wild wuchernde islamistische Fundamentalismus in den Vorstädten gehört. Religion ist eben auch in modernen Gesellschaften zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen. Auch das spricht für eine partnerschaftlich ausgestaltete Trennung zwischen Staat und Kirche, wie sie in Deutschland praktiziert wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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