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entwicklungSPOLITIK
Florian Zimmer-Amrhein
Religion als neuer Schwerpunkt

Lokale religiöse Organisationen werden für den Staat als potenzielle Partner immer wichtiger

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller (CSU), ist bekennender Katholik. Das ist nicht bloß eine biografische Randnotiz, wenn man bedenkt, dass unter seiner Führung das Thema Religion zu einem Schwerpunkt in der deutschen Entwicklungspolitik geworden ist.

"Religion kann Brücken bauen und Menschen motivieren, sich für Andere einzusetzen. Dieses Potenzial haben wir viel zu lange vernachlässigt", wird Müller in einer der vielen Broschüren, die sein Ministerium in den letzten zwei Jahren zum Thema veröffentlicht hat, zitiert. Es sind Worte, die einen gewissen Paradigmenwechsel verkünden. In der Entwicklungszusammenarbeit galt lange die Annahme, dass mit der technischen und sozialen Modernisierung in den Entwicklungsländern automatisch ein Bedeutungsverlust der Religionen einher gehen würde, so wie man es in vielen westlichen Ländern beobachtet hatte.

Steigender Einfluss Viele Studien aus den vergangenen Jahren belegen, dass das nicht der Fall ist. Während die Säkularisierung in den Industrieländern voranschreitet, nimmt der Einfluss von Religion in den ärmsten Regionen der Welt zu. In Nigeria beispielsweise geben 97 Prozent der Bevölkerung an, das Religion eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt. Ähnlich sieht es in anderen afrikanischen Staaten wie Uganda oder im Kongo, aber auch in Ländern wie Sri Lanka oder Bangladesch aus.

Laut des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) fühlen sich 80 Prozent der Weltbevölkerung einer Religionsgemeinschaft zugehörig. Die internationalen Forschungen zum Thema zeigen auch: Religiöse Institutionen wie Kirchen und Moscheen, aber auch kleinere, religiös motivierte Organisationen genießen in Entwicklungsländern oft ein weitaus größeres Vertrauen in der Bevölkerung als staatliche Behörden oder große internationale Hilfsorganisationen.

In manchen Ländern, insbesondere im Subsahara-Raum Afrikas, finanzieren und verwalten religiöse Träger weite Teile des Gesundheits- und Bildungssystems. Als lokale Akteure sind sie Teil einer Infrastruktur, sind mit den regionalen Gepflogenheiten, der Sprache und den individuellen Bedürfnisse der Menschen vor Ort vertraut und bleiben für diese auch dann ein Ansprechpartner, wenn die internationalen Helfer wieder abgezogen sind. Das alles sind Vorteile, die Müller für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit in Zukunft stärker nutzen möchte.

Mittlerweile hat sein Ministerium eine ganze Reihe an Studien und Projekten initiiert, die ausloten sollen, unter welchen Bedingungen religiöse Akteure vor Ort künftig besser in die Entwicklungszusammenarbeit eingebunden werden können. Seit 2014 gibt es im BMZ eine Task Force zum Thema. Auch die Zivilgesellschaft wurde im Rahmen einer Themengruppe mit an den Tisch geholt. Die staatliche Entwicklungsorganisation Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat den Auftrag bekommen, die Bedeutung von Religion in der Entwicklungszusammenarbeit besser zu erforschen und die eigenen Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren. Seit Januar 2016 liegt nun auch ein Strategiepapier vor, in dem das BMZ Leitlinien und Maßnahmen für die künftige Arbeit mit religiösen Partner absteckt.

Bei den großen Entwicklungsorganisationen der deutschen Kirchen "Brot für die Welt" und Misereor begrüßt man die Vorstöße des BMZ, äußert aber auch Bedenken. Grundsätzlich sei es gut, dass das BMZ Religion als gesellschaftspolitischen Faktor nun auch systematisch mitdenke. Seit 1962 arbeiten Staat und Kirche bei der Entwicklungshilfe eng zusammen. Im Jahr 2016 unterstützte das BMZ die Arbeit der kirchlichen Hilfswerke mit 225 Millionen Euro. Weitere Mittel kamen aus verschiedenen Sonderinitiativen hinzu. Bei den damit finanzierten Projekten mischt sich der Staat in die Durchführung nicht ein. Die kirchlichen Hilfswerke arbeiten eigenverantwortlich und sind in diesem Rahmen auch für die Auswahl der zivilgesellschaftlichen Partner vor Ort zuständig.

Grenzen der Kooperation Dass das BMZ nun selbst stärker auf religiöse Akteure zugehen und eigene Partnerschaften knüpfen möchte, sieht man bei den Hilfswerken skeptisch. Dies dürfe nicht dazu führen, dass Religion für staatliche Interessen instrumentalisiert und lokale Partner gegeneinander ausgespielt werden, kritisiert Misereor. Es sei bisher unklar, wo das BMZ die Grenzen der Kooperation zwischen Staat und Religion ziehe. Ein wenig schwingt auch die Befürchtung mit, dass das Ministerium künftig an den Hilfswerken vorbei arbeiten könnte.

Das BMZ versichert dagegen, an der guten Zusammenarbeit mit den Kirchen werde sich nichts ändern. Die neuen Vorhaben stünden nicht in Konkurrenz zu deren Arbeit, sondern seien zusätzliche Anstrengungen. Diese seien nötig, wenn man die Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung erreichen wolle, die die Vereinten Nationen 2015 beschlossen hat und die unter anderem vorsieht, extreme Armut und Hunger bis 2030 weltweit zu beenden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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