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Ökumene I
Hans-Peter Großhans
Was sie eint, was sie trennt

Katholische und evangelische Kirche kooperieren erfolgreich. Doch grundsätzliche Differenzen über Priesteramt, Abendmahl und Kirchenverfassung bleiben bestehen

Das 500-jährige Reformationsjubiläum ruft nicht nur viele positive Impulse in Erinnerung, die aus der Reformation im 16. Jahrhundert hervorgingen. Ein Blick fällt auch auf die Konflikte, die mit dem reformatorischen Aufbruch in eine neue Zeit einhergingen. Menschen wurden wegen ihrer anderen Konfession unterdrückt, verfolgt, vertrieben oder gar getötet. Diese Ereignisse haben wiederum Narrative hervorgebracht, die bis in die Gegenwart die Wahrnehmung der jeweils anderen Konfession einseitig prägen. Unter der Überschrift "Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen" haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz 2016 deshalb eine gemeinsame Studie publiziert, die der wechselseitigen Vergebung der Schuld und des Leids dienen soll, die in der Geschichte der Konfessionalisierung Europas entstanden sind. Die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD sehen im Jubiläumsjahr den Zeitpunkt für eine Heilung dieser belastenden Erinnerung gekommen.

Kooperation in Deutschland Trotz ihrer Konfliktgeschichte praktizieren die evangelischen Kirchen und die katholische Kirche in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten vertrauensvolle Kooperationen. Dazu gehören Begegnungen der Kirchenleitungen, theologische Dialoge und vielfache Begegnungen evangelischer und katholischer Kirchengemeinden vor Ort. Dennoch sind in Deutschland die Erwartungen an eine irgendwann erfolgende Heilung der vor 500 Jahren erfolgten Kirchenspaltung besonders hoch. Anders als beispielsweise in Skandinavien oder in den romanischen Ländern ist Deutschland ein konfessioneller Flickenteppich. Das Bild von der Spaltung der Kirche suggeriert dabei, dass etwas gewaltsam gespalten wurde, was nun heilend wieder zusammengebracht und homogenisiert werden sollte. Im Gegensatz dazu wird die Reformation von anderen Zeitgenossen als ein erfreulicher Pluralisierungsprozess interpretiert. Demnach wird durch die Reformation deutlich, dass das Christentum gar keine einheitliche Organisationsform anstrebt, sondern sich als Bewegung in vielfältigen Organisationsformen entfalten will.

Die Frage, wie die Einheit der Kirche aussehen soll, gehört ohnehin zu den strittigsten und unklarsten Themen in den evangelisch-katholischen Dialogen. In der katholischen Kirche ist das Modell der Unionskirchen am populärsten, auf evangelischer Seite das Modell der "Einheit in versöhnter Verschiedenheit". Eine gemeinsame Auffassung ist aktuell nicht absehbar.

Lutheraner und Katholiken haben aber inzwischen gelernt, dass sie mehr verbindet als trennt. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund konnten der Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib Younan, und Papst Franziskus auf 50 Jahre intensiven bilateralen Dialog zurückblicken. Dieser Dialog war eine Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort war die katholische Kirche von der Exklusivität ihres Wahrheitsanspruchs abgerückt und hatte sich zudem die Wiederherstellung der Einheit aller Christen zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht. 1967 wurde von der katholischen Kirche dann der erste theologische Dialog auf Weltebene mit dem LWB aufgenommen. Dialoge mit der Methodistischen Kirche, dem Reformierten Weltbund und der Anglikanischen Kirche folgten.

In Deutschland war bereits 1946 der später dann so genannte "Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen" (ÖAK) initiiert worden. Dieser Arbeitskreis hat mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen mit einer ganzen Reihe wechselseitiger theologischer Verurteilungen aufgeräumt und zur ökumenischen Verständigungen über zentrale theologische Themen beigetragen.

Allerdings sind einige der verbleibenden Differenzen von ganz grundsätzlicher Art. Eine ökumenische Annäherung ist bei ihnen nicht zu erwarten. Die für die Öffentlichkeit sichtbarste Differenz betrifft das Priesteramt. Die evangelischen Kirchen in Deutschland ordinieren Männer und Frauen ins Pfarramt, während in der katholischen Kirche nur Männer zu Priestern geweiht werden können. Dasselbe gilt für das Bischofsamt.

Differenz beim Abendmahl Mit der sehr unterschiedlichen Bedeutung des Priester- und Bischofsamtes hängen die grundsätzlichen Differenzen zusammen, die einer Abendmahls- beziehungsweise Eucharistiegemeinschaft von evangelischen und katholischen Christen im Wege stehen. Zwar liegen das evangelische und das katholische Verständnis des Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie sachlich kaum auseinander. Doch aus katholischer Sicht erfüllen evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer nicht die Bedingungen des Priesteramtes und können deshalb keine Eucharistiefeiern durchführen. Zudem darf an katholischen Eucharistiefeiern nur teilnehmen, wer als Mitglied der katholischen Kirche den vollen katholischen Glauben teilt. Zu evangelischen Abendmahlsfeiern sind alle eingeladen, die in irgendeiner christlichen Kirche getauft worden sind. Selbst moderate Vorschläge einer wechselseitigen eucharistischen Gastfreundschaft bei familiären Feiern oder der Begegnung von evangelischen und katholischen Kirchengemeinden werden von der katholischen Kirche meist gleich verworfen.

Die grundsätzlichen Differenzen setzen sich fort beim Verständnis der Kirche überhaupt. Offensichtlich ist dies bei den Kirchenverfassungen. In evangelischen Kirchen liegt die gesamte Kirchengewalt bei den Synoden, in denen Laien (Nicht-Geistliche) die deutliche Mehrheit haben. Zudem sind die meisten evangelischen Kirchen - insbesondere die lutherischen - strikt gewaltenteilig verfasst. Entsprechende Änderungen sind derzeit bei der katholischen Kirche nicht vorstellbar. Umgekehrt ist aus evangelischer Sicht eine Akzeptanz des Papstamtes nicht denkbar. Aus evangelischer Sicht ist es zudem besonders irritierend, dass die katholische Kirche die evangelischen Kirchen nicht wirklich als Kirchen betrachtet und als gleichwertige Organisationen anerkennt.

Globaler Blick Es könnte im Jubiläumsjahr hilfreich sein, den Blick über Deutschland und über das evangelisch-katholische Verhältnis hinaus auf die globale ökumenische Bewegung zu richten. Deren zentrale Institution ist der 1948 gegründete Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der heute 348 Mitgliedskirchen hat. Leider hat sich die römisch-katholische Kirche einer Beteiligung am ÖRK verweigert, weil die Idee eines gemeinsamen Forums aller gleichberechtigten christlichen Kirchen der Welt ihrem eigenen globalen Anspruch widerstreitet. Die globale ökumenische Bewegung spiegelt sich freilich auch schon innerhalb Deutschland wider. Unter den Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschlands gekommen sind, sind auch Christen, die beispielsweise zur altorientalischen Syrisch-Orthodoxen Kirche gehören. Es gehört zur ökumenischen Kooperation, dass evangelische und katholische Kirchengemeinden syrisch-orthodoxe Christen und Gemeinden willkommen heißen und ihnen ihre Räumlichkeiten für ihre Gottesdienste und Begegnungen zur Verfügung stellen. Ganz ähnlich wurde mit orthodoxen Gemeinden verfahren. Selbiges gilt im Blick auf viele andere christliche Migrationsgemeinden, seien es asiatische, afrikanische oder südamerikanische. Diese reichhaltige Ökumene in Deutschland zeigt, dass christliche Kirchen trotz aller Unterschiede höchst produktiv miteinander kooperieren und so ihre Einheit auch ohne eine gemeinsame Organisationsform zum Ausdruck bringen.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Er leitet das Institut für Ökumenische Theologie und ist Mitglied des Exzellenzclusters "Religion und Politik" an der Universität Münster.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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