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Ökumene II
Florian Zimmer-Amrhein
Gefährdete Gemeinschaft im Leipziger Westen

Ausgerechnet zu DDR-Zeiten entstand in Leipzig-Grünau ein Musterbeispiel gelebter Zusammenarbeit der Kirchengemeinden

Im Leipziger Stadtteil Grünau läutet der Kirchturm für Katholiken und Protestanten gleichermaßen. Wenn am Sonntag die Glocken zum Gottesdienst rufen, strömen die Mitglieder gleich zweier Gemeinden herbei. Die evangelisch-lutherische Pauluskirche und die katholische Sankt Martinskirche stehen in direkter Nachbarschaft, kaum 100 Meter entfernt voneinander, am Rande einer der größten Plattenbausiedlungen Ostdeutschlands. Auch das gemeinsame Wappen am Eingang beider Kirchen - zwei Fische, die sich schwimmend umkreisen - hat eine klare Botschaft: Die Grünauer Christen gehören zusammen.

Sonntag, 10 Uhr, Ortsbesuch in der katholischen Sankt-Martins-Kirche. Pfarrer Eberhard Thieme erwartet ein volles Haus, die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Gemeinde verabschiedet die langjährige Leiterin des christlichen Kindergartens. Die Trägerschaft des Kindergartens liegt zwar bei der Sankt-Martins-Gemeinde, die Kinderbetreuung findet aber überkonfessionell statt. Insbesondere sind es die Nachbarn aus der Paulus-Gemeinde, die das Betreuungsangebot mitnutzen.

Etwa zur selben Zeit tritt nebenan in der Pauluskirche Pfarrer Matthias Möbius vor seine Gemeinde. Möbius kam 1985 als junger Vikar nach Grünau und ist heute der letzte von einst drei evangelischen Pfarrern vor Ort. Fragt man ihn nach den Gründen dafür, warum die Grünauer Christen enger verbandelt sind als anderswo, verweist er auf die noch junge Gründungsgeschichte der beiden Gemeinden. "Kirchenarbeit in Grünau war von Anfang an ökumenisch", sagt Möbius.

Das war angesichts der damaligen politischen Umstände auch kaum anders möglich. In der DDR hatten Christen einen schweren Stand. Wer sich offen zu Gott und Kirche bekannte, musste Repressionen fürchten. Mitte der 1970er Jahre entspannte sich das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Kirchen aber zeitweilig. Zum einen, weil vor allem die evangelische Kirche unter dem Motto "Kirche im Sozialismus" der SED-Führung die Hand reichte. Zum anderen entdeckte der klamme Staatsapparat die Kirchen als Devisenquelle für Westgeld. Das wurde unter anderem dringend benötigt, um die Wohnungsnot in der DDR in den Griff zu bekommen.

Eines der größten Neubauprojekte in der DDR war Leipzig-Grünau. 1976 wurde der erste Grundstein auf den Äckern im Leipziger Westen gelegt, drei Jahre später lebten bereits 16.000 Menschen hier, bis zur Wende sollten es 90.000 werden. Unter strengen Auflagen erlaubte der Staat auch den Kirchen, in den Neubaugebieten zu bauen. "Neue Kirchen für neue Städte" lautete die Losung des Sonderbauprogramms, das sich als gutes Geschäft für den Staat entpuppte. Allein die Evangelische Kirche in Westdeutschland habe damals zehn Millionen D-Mark für zehn neue Gotteshäuser in den Osten überwiesen, erzählt Pfarrer Möbius. Die DDR tauschte das Geld eins zu eins in Ostmark um und behielt den Differenzwert ein.

Im Grünauer Siedlungsgebiet mussten sich die Christen erst einmal finden. Kaum waren die ersten Wohnblöcke gebaut, wurden eine ökumenische Planungsgruppe, Hauskreise und Besuchsdienste ins Leben gerufen. Katholiken und Protestanten gingen gemeinsam von Tür zu Tür, notierten Kirchenmitglieder und Sympathisanten. "Die ursprüngliche Idee war es, eine gemeinsame Kirche zu bauen, mit zwei Sakralräumen, die durch Gemeinschaftsräume verbunden sind", erzählt Möbius. Dass es mit einer solchen Simultankirche in Grünau nicht geklappt hat, bedauert Möbius bis heute. Letztlich sei es am Willen der Landeskirchen gescheitert, die eine gemeinsame Finanzierung abgelehnt hätten.

Schlüssel überreicht 1983 wurde die Pauluskirche geweiht, zwei Jahre später die Sankt-Martins-Kirche. Gleich beim ersten Gottesdienst in der Sankt-Martins-Kirche überreichten sich die damaligen Pfarrer feierlich die Schlüssel ihrer Kirchen. Das damalige Credo "Mein Haus ist Dein Haus" hat bis heute Bestand. So feiert die Paulus-Gemeinde beispielsweise ihren Hauptgottesdienst an Heiligabend traditionell in der größeren Sankt-Martins-Kirche. Für die Chorproben oder die zahlreichen ökumenischen Veranstaltungen, über die das gemeinsame Gemeindeblatt informiert, weicht man dafür auf die Pauluskirche aus.

Matthias Möbius und Eberhard Thieme betonen allerdings auch: Längst nicht alle Gemeindeglieder seien überzeugte Ökumeniker. Es sei vielmehr ein enger Kreis an Engagierten, der das gemeinsame Programm am Leben halte. Zudem würden die weiterhin bestehenden theologischen Differenzen zwischen den beiden Konfessionen zuweilen eine engere Zusammenarbeit verhindern, auch wenn die im Gemeindeleben kaum eine Rolle spielen. Gern würden die Pfarrer in ihren ökumenischen Gottesdiensten gemeinsam das Abendmahl feiern. Doch das scheitert bisher am Votum der katholischen Kirche, nach deren Selbstverständnis nur römisch-katholisch ordinierte Priester die Sakramente spenden dürfen.

Seit der Wende haben der Stadtteil und seine Kirchen dramatische Veränderungen durchlebt. Die Bevölkerung schrumpfte auf weniger als die Hälfte, und mit ihr auch die Gemeinden - die Pauluskirche von rund 6.000 Mitgliedern auf 2.760, die Sankt-Martins-Gemeinde von 2.000 auf 1.200. Die Grünauer Christen, die dageblieben sind, sind mittlerweile alt geworden. Neben dem weiterhin überproportionalen Leerstand hat Grünau zunehmend ein Altersproblem.

Den Gemeinden stehen einschneidende Strukturreformen bevor. Eberhard Thiemes Pfarrei wurde bereits mit einer anderen zusammengelegt. Bald sollen weitere Fusionen folgen. Dasselbe Schicksal könnte auch Matthias Möbius ereilen. Schon jetzt komme er mit der dringend benötigten Seelsorge in den Seniorenheimen nicht mehr hinterher. Er fordert: Nicht nur die Politik, auch die nationalen Kirchenverbände müssten sich Grünau wieder stärker zuwenden. Um dem aktuellen Wandel zu trotzen, müssen die Grünauer Christen mehr denn je zusammenrücken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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