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Johanna Metz
»Der Trend zur Entfamiliarisierung ist eine Legende«

Für den Zukunftsforscher Horst Opaschowski bleibt die Familie trotz der Vielfalt der heutigen Lebensformen Basis für gelebten Gemeinsinn

Professor Opaschowski, Sie beschäftigen sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Wandel der Familien. Was sind die wesentlichsten Veränderungen?

Auf dem Höhepunkt der Jugendarbeitslosigkeit in den 1970er Jahren war die Familie Flucht- und Rückzugsort sowie Not- und Solidargemeinschaft. Heute hat sich der Familienbegriff grundlegend gewandelt. Die Familie ist keine Haushaltsgemeinschaft von "Eltern mit Kindern" mehr. Sie wird eher als verlässliche Lebensgemeinschaft mit starken Bindungen verstanden, in der Menschen verantwortlich füreinander sorgen. Ehe und Familie sind jetzt "für alle" möglich, auch als Wahlfamilie durch Nachbarschaft oder Hausgemeinschaften in einem Mehrgeschosshaus, in dem Enkel- Kinder- und Familienlose in die Wahlverwandtschaft aufgenommen werden.

Dennoch ist die klassische Konstellation "Mann, Frau, Kind(er)" für viele immer noch das Ideal einer Familie.

Ja, trotz der Vielfalt möglicher Lebensmodelle - von Familien mit Kindern, kinderlosen Paaren, Patchwork-Familien, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Ehen bis hin zu Freundeskreisen als zweiter Familie - gilt nach wie vor für die Mehrheit der Bevölkerung die "Ehe mit Trauschein und Kindern" als die erstrebenswerteste Lebensform. Aber Kinder muss man sich auch leisten können und wollen. Beide Partner sind auf Geld angewiesen, um eine Familiengründung wagen zu können.

Was bedeutet das für die Familien von morgen?

Wenn sich die Babyboomer um 2030 vom Erwerbsleben verabschieden, ist Vollbeschäftigung angesagt und die Wirtschaft wird verzweifelt nach Fach- und Führungskräften suchen. Spätestens dann kommt es zu einem Paradigmenwechsel in der Einstellung zum Berufsleben: Aus dem Alleinverdiener-Leitbild wird das Doppelverdiener-Ideal. Beide Partner werden und wollen berufstätig sein - unter der Bedingung, dass eine Ganztagsbetreuung der Kinder gewährleistet ist. Kaum eine Frau wird noch allein mit den Kindern zu Hause bleiben wollen.

Werden dann mehr oder sogar noch weniger Kinder geboren als heute?

Insbesondere Akademikerfrauen werden wieder mehr Kinder bekommen. Wegen des Arbeitskräftemangels werden Unternehmen Frauen mehr Flexibilität einräumen und ihnen Beschäftigungsgarantien in Aussicht stellen. Auch ohne staatliche Frauenquote wird um 2030 mindestens jeder dritte Spitzenjob mit einer Frau besetzt sein. Das wird nicht ganz konfliktfrei verlaufen, denn die Luft für männliche Karrieren wird damit dünner. Statuskämpfe nach oben und unten werden zum Alltag in der Partnerschaft gehören. Die Rollenverteilung - wer ist Versorger, wer Zuverdiener - muss neu definiert werden.

Nach dem Scheitern einer Beziehung wachsen heute viele Kinder in Patchwork-Familien auf. Sind sie die schlechteren Familien?

Sie sind um keinen Deut schlechter oder besser, aber zeitökonomisch und kommunikativ mehr gefordert. Manche Patchwork-Familie gleicht einem Unternehmen: Da sind massive Managementfähigkeiten gefragt, um der Stressrallye im Alltag und an Wochenenden zu entgehen. Spannungen zwischen Zeit und Zuwendung, Eigeninteressen und der Suche nach Gemeinsamkeiten müssen ausgehalten werden. Das Leben in Patchwork-Familien ist öfter unruhig, aber auch weniger langweilig.

Auch die Zahl älterer Menschen ohne Partner und ohne Kinder beziehungsweise mit weit entfernt lebenden Kindern nimmt zu. Welche Folgen hat das?

Generationenbeziehungen werden in Zukunft wieder wichtiger sein als Partnerbeziehungen. Die Zwei-, Drei- oder gar Vier-Generationenfamilie wird zum Stabilitätsanker mit einer Mischung aus Fürsorge und Vorsorge, Hilfs- und Pflegedienst, Geldanlage und zuverlässiger Lebensversicherung. Der vermeintliche Trend zur Entfamiliarisierung ist eine Legende. In welcher Lebensform auch immer - die Familie bleibt das Grundmodell für gelebten Gemeinsinn.

Welche Aufgaben ergeben sich aus Ihren Einschätzungen für die Politik?

Familienpolitik ist Zukunftspolitik. Sie muss wegen des demografischen Wandels mehr zur Generationenpolitik werden und beispielsweise das Thema Wohnen neu und weiter denken. Familien haben schließlich am meisten unter dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu leiden. Gut wäre es, in der Nähe von Mietwohnungen "zumietbare" Wohnbereiche bereitzustellen, die es erwachsenen Kindern ermöglichen, pflegebedürftige Eltern aufzunehmen. Vielleicht wird es schon bald ein eigenes Ministerium für Generationenbeziehungen geben, mit dem das alte Wortungetüm BMFSFJ - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - ersetzt wird. Und nicht zuletzt: Wenn Generationenbeziehungen zum Synonym für Zusammenleben und Zusammenhalt werden, muss auch im Steuersystem über eine neue Art von "Generationensplitting" nachgedacht werden.

Das Gespräch führte

Johanna Metz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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