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Kirchen
Gernot Facius
Die Kluft vertieft sich

Verschiedenes Eheverständnis der christlichen Religionsgemeinschaften. Katholische Bischöfe verteidigen biblisches Familienbild

Der 30. Juni 2017 markiert eine Zäsur für die Kirchen in Deutschland. An diesem Tag hat der Bundestag mit großer Mehrheit die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften beschlossen - ausdrücklich mit dem Segen der EKD. Ökumene-Begeisterte traf das wie eine kalte Dusche. Denn ausgerechnet im Jahr des Reformationsjubiläums, das die beiden Großkirchen einander näher bringen sollte, wurde die Kluft zwischen Katholiken und Protestanten vertieft - zumindest auf der Ebene der Kirchenleitungen. In einer wichtigen ethischen Frage stünden die christlichen Kirchen "wie auf zwei Kontinentalplatten, die auseinander driften", kommentierte die "Zeit". Die EKD habe sich dem Zeitgeist hingegeben, schrieb die "Tagespost" aus Würzburg, ein Blatt, das traditionell die Meinung der katholischen deutschen Bischöfe wiedergibt: "Man muss davon ausgehen, dass die amtliche evangelische Kirche für die katholische Kirche als Partner auch in Zukunft überall da ausfällt, wo Dissens mit der säkularen Welt etwas kostet." Kirchenpolitische Kämpfe sind angesagt, möglicherweise auch jeinm Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht, auf das die katholische Deutsche Bischofskonferenz setzt . Sie legte der CSU eine Klage nahe.

»Ein weltlich Ding« Katholiken und Protestanten trennt freilich nicht erst seit gestern, sondern seit fünf Jahrhunderten ein unterschiedliches Eheverständnis; die evangelische Begeisterung für die "Ehe für alle" hat die Kluft nur noch weiter vertieft. Der Reformator Martin Luther, verheiratet mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, verfocht den Grundsatz: Die Ehe ist zwar Teil von Gottes guter Schöpfungsordnung, aber ein "weltlich Ding" und kein Sakrament (heiliges Zeichen), wie in der Kirche von Rom.. Aber auch für ihn war klar: Ehe ist eine Verbindung von Mann und Frau. Da stimmte der Wittenberger ganz mit seinen ehemaligen katholischen Glaubensgeschwistern überein. Luther und seine Frau wurden zum Urbild des evangelischen Ehepaares, sie lebten die Ehe als ideale christliche Existenz. Der christliche Haushalt wurde bei ihnen zur kleinsten Einheit von Kirche - mit klarer Rollenverteilung für Männer und Frauen. Der Mann gestaltet das Gemeinwesen, wirkt in der Öffentlichkeit. Die Frau findet ihre natürliche Erfüllung im Haushalt und beim Gebären. Damit kommt Luther im Protestantismus von heute nicht mehr gut an. Die meisten evangelischen Landeskirchen haben den Ehegedanken "fortentwickelt": Sie haben alles daran gesetzt, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zur Ehe aufzuwerten, obwohl die EKD noch 1996 unter ihrem damaligen Ratsvorsitzenden Klaus Engelhardt gefordert hatte: "Die Institution Ehe muss heterosexuellen Paaren vorbehalten bleiben." Heute steht der Rat der EKD, also die Leitung des Verbunds von Gliedkirchen, auf dem Standpunkt, mit der Öffnung werde die Bedeutung der Ehe zwischen Mann und Frau "keineswegs geschmälert". Im Gegenteil, sie werde "noch einmal unterstrichen".

Dieser Argumentation können sich allerdings nicht alle kirchlichen Amtsträger anschließen - zum Beispiel der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing und der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit. Für Abromeit ist "die Ehe in der Bibel und auch in den lutherischen Bekenntnisschriften der Bund zwischen Mann und Frau mit der Perspektive, Leben weiterzugeben. Dies kann nicht beliebig interpretiert werden." Es fällt vielen schwer, Ehe als "geniale Schöpfungsordnung" anzuerkennen oder wie Dietrich Bonhoeffer von einem göttlichen "Mandat" für alle Zeiten zu sprechen. Den meisten sei nicht klar, welche Konsequenzen die Bundestagsentscheidung habe, meint der evangelikale Theologieprofessor Stephan Holthaus (Gießen): Wer die Ehe "für alle" wolle, werde in Kürze Anträge auf Anerkennung weiterer Ehekonstellationen auf dem Tisch haben, auch für die Anerkennung von polygamen Ehen von Muslimen. "Wer wollte dem aber etwas entgegensetzen. Eine Ablehnung wäre doch Diskriminierung!" Ähnliche Fragen sieht auch die "Süddeutsche Zeitung" kommen: "Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?" Ein hartes Urteil fällte der Hamburger Pastor Ulrich Rüß: In seiner Kirche herrsche die "Diktatur des Zeitgeistes, nicht die Leitung durch den Heiligen Geist".

Die katholische Bischofskonferenz mit ihrem Vorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx (München), hält geschlossen an der Vorstellung von Ehe als "Lebens- und Liebesgemeinschaft von Mann und Frau" fest und setzt damit einen Kontrapunkt zum evangelischen Partner. Marx: Es sei " zu bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen". Zu einem heftigeren Protest schwang sich der Episkopat allerdings (noch) nicht auf. Gleichwohl bekam er von evangelisch-freikirchlicher und pietistischer Seite Lob für die "konsequente Haltung" seiner Kirche. Die Debatte über die Haltung gegenüber Homosexuellen und gleichgeschlechtlichen Paaren hat auch vor katholischen Kirchentüren nicht Halt gemacht. Bereits 2014/15 hat eine Umfrage in 42 Ländern ergeben, dass die Mehrheit der Katholiken den kirchlichen Vorgaben zu den Themen Ehe, Familie und Sexualität nicht mehr folgt. Unter deutschen Katholiken lag die Zustimmung zur sogenannten "Homo-Ehe" schon 2013 bei 70 Prozent, folgt man den Recherchen des "Religionsmonitors" der Bertelsmann-Stiftung - also acht Prozent hinter jener der Protestanten.

Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass nach wie vor als katholische Nationen geltende Länder wie Spanien, Irland und Frankreich die Ehe für Homosexuelle geöffnet haben. Auch der deutsche Katholizismus - der verstorbene Publizist Johannes Gross, Mitglied der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, nannte ihn 1992 die "protestantischste Provinz der Weltkirche" - scheint gegen die "Ehe für alle" nicht mehr unbedingt resistent zu sein - zumindest deuten die Sympathien von Vertretern katholischer Laienorganisationen darauf hin. Und der emeritierte Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, erregte Aufsehen mit einer Wortmeldung in der Bistumszeitung "Glaube und Leben", man müsse sich dem Thema Homosexualität "im Ganzen neu stellen". Bereits vor der vatikanischen Familiensynode im Jahr 2015 forderten mehrere Bischofskonferenzen einen Dialog mit den Humanwissenschaften, "um eine differenziertere Sicht des Phänomens Homosexualität entwickeln zu können". Es wird gestritten über einen neuen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, geprüft werden soll "der Weg zu einer zweiten oder dritten Ehe mit Bußcharakter", wie er in einigen orthodoxen Kirchen möglich ist, war während der Familiensynode zu hören. Die Nichtzulassung zu den Sakramenten für Katholiken, die in einer "irregulären" Ehesituation leben, werde von den Gläubigen nicht verstanden, wurde in einem Synoden-Papier eingestanden. Die Kenntnis der kirchlichen Positionen zur Familie sei allgemein sehr spärlich. Selbst viele Katholiken, denen sie vertraut seien, hätten Schwierigkeiten, sie "ganz anzunehmen" Plädiert wurde in Rom für behutsame "Aktualisierungen" oder gar Änderungen der kirchlichen Praxis. Einen "Denkanstoß" lieferte der Präsident des Familienbunds der Katholiken, Stefan Becker: Die Kirche solle unter anderem über "neue liturgische Formen" wie Segnungen für homosexuelle Paare und die Bedeutung einer "von Gott gewollten Beziehung" nachdenken. Entscheidend sei für ihn, dass Kinder in guten und stabilen Verhältnissen aufwachsen würden.

Doch gegenwärtig, in der deutschen Diskussion über die "Ehe für alle", geht die römisch-katholische Amtskirche trotz aller Modernisierungsratschläge den geraden Weg, sie sucht ihre Lehre von der Ehe als Ort der Schöpfung und Bewahrung des Lebens zu verteidigen. Und es formieren sich neue Allianzen - zwischen katholischen Bischöfen und Teilen der Evangelikalen. In dogmatischen Fragen bleiben die Unterschiede schier unüberwindlich, in ethischen Fragen zeigt sich weitgehend Übereinstimmung. Fazit: Seit der von prominenten EKD-Repräsentanten bejubelten Bundestagsentscheidung vom 30. Juni gehen in punkto Ehe und Familie die ökumenischen Uhren anders.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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