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Informelles Siedeln
Dagmar Dehmer
Kampf mit dem Bulldozer

Immer mehr Menschen leben in Slums. Die Städte finden hierfür ganz unterschiedliche Lösungen

In Brasilien heißen sie Favelas, in Argentinien Villa Miseria, im Volksmund oft einfach nur Slums: Rund 830 Millionen Menschen leben laut einem Bericht des Wohn- und Siedlungsprogramms der Vereinten Nationen (UN-Habitat) aus dem Jahr 2010 in sogenannten informellen Siedlungen. Sie wohnen häufig in selbstgebauten Behausungen aus Holz, Karton oder Wellblech, ohne Genehmigung der Eigentümer oder der Stadt. Oft gibt es weder fließendes Wasser, noch Strom oder eine Kanalisation.

Allein in Mumbai, der zweitgrößten Stadt Indiens mit mehr als 20 Millionen Einwohnern, wohnt die Hälfte der Einwohner in Slums. Der Anteil der in informellen Siedlungen lebenden städtischen Bevölkerung in den Entwicklungsregionen ist zwischen 2000 und 2014 zwar gesunken - von etwa 39,4 auf 29,7 Prozent. Doch da auch die Weltbevölkerung in diesem Zeitraum angewachsen ist, wohnen in absoluten Zahlen inzwischen deutlich mehr Menschen in Slums als bisher.

Tierhaltung in der Stadt Der frühere Professor für Stadtplanung an der Technischen Universität Dortmund, Einhard Schmidt-Kallert, beschreibt in einem aktuellen Beitrag für das Online-Magazin "Citiscope" eine "Urbanisierung neuen Typs" in den Megastädten, aber auch den kleineren Städten im globalen Süden. Die Bewohner der informellen Siedlungen würden dort den städtischen mit dem ländlichen Lebensstil verbinden. Zwischen eng zusammenstehenden Hütten oder Häusern kultivierten sie Gemüse und Obst und hielten Tiere. Tatsächlich ist kaum eine afrikanische Stadt vorstellbar ohne Ziegen, Schafe, Hühner und Esel auf den Straßen.

Die wild anwachsenden Elendsviertel stellen die Städte vor große Herausforderungen: Wie wieder Planungshoheit über die eigene Entwicklung gewinnen? Die Antworten fallen regional sehr unterschiedlich aus. Während sich in Lateinamerika in vielen Groß- und Megastädten eine pragmatische Herangehensweise durchgesetzt hat, wird der Kampf in vielen afrikanischen Großstädten weiter mit dem Bulldozer ausgetragen.

Medellín, die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, war in den 1990er Jahren vor allem bekannt für brutale Drogenkriege und eine der höchsten Mordraten der Welt. Ende der 1990er Jahre entschloss sich die Verwaltung, die Kontrolle über ihre Stadt zurückzugewinnen. Heute folgt jeder dritte Bürgermeister der Stadt einem langfristig angelegten Entwicklungsplan. Er sieht vor, dass Stadtverwaltung, Polizei und Sozialarbeiter in einen informellen Stadtteil gehen und ihre Ideen vortragen. Im Dialog mit den Bewohnern werden die nächsten Schritte vereinbart. Die Polizei dient oft als Vorhut: Nicht selten musste sie in der Vergangenheit erst einmal die Strukturen der kriminellen Drogenbanden oder politischen Milizen zerschlagen, bevor ein solcher Dialog möglich war.

Anschluss an den Nahverkehr Die Stadtoberen von Medellín bieten den Slum-Bewohnern einen Deal an: Wenn sie sich bereiterklären, in Zukunft Grundsteuern für ihr Haus zu entrichten, erhalten sie einen Besitztitel dafür beziehungsweise für das Land, auf dem es steht. Sind sich alle einig, schließt das Stadtwerk die Siedlung an das Strom-, Trinkwasser- und Abwassernetz an, die Stadt baut eine Verbindung an den Nahverkehr. In den meisten Siedlungen wird das durch Seilbahnen realisiert - die Stadt ist so dicht bebaut, dass Busse gar nicht durch die Straßen kämen. Die Seilbahnen führen zu einer Straßenbahnstation, von der aus die Slumbewohner in die Innenstadt oder einen anderen Stadtteil fahren können. Die Fahrzeit zu den jeweiligen Arbeitsplätzen hat sich so von oftmals mehreren Stunden auf unter eine Stunde verkürzt.

Die Stadtverwaltung hat damit die teilweise schon vor 20, 30 Jahren illegal errichteten Siedlungen als eine Realität anerkannt. Eine Strategie, die freilich nicht ohne Risiko ist: So werden immer neue illegale Siedlungen in Erwartung auf eine nachträgliche Legalisierung errichtet.

In der kenianischen Hauptstadt Nairobi geht die Stadtverwaltung einen anderen, radikaleren Weg. 200 Slums gibt es hier, in denen 60 Prozent der Stadtbewohner leben. Allein im größten Slums Afrikas, Kibera, sind es schätzungsweise 200.000 Menschen. Die Bewohner der Armenquartiere müssen täglich mit einem Bulldozer-Kommando rechnen, das ihre Hütten dem Erdboden gleichmacht, um Platz für neue Straßen zu schaffen. Oft haben sie nicht einmal Zeit, vorher ihren wenigen Besitz zu retten.

Die Autorin ist Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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