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STADTENTWICKLUNG
Kristina Pezzei
Schöner Schrumpfen

Das thüringische Suhl verliert seit Jahren an Bevölkerung. Wie eine Stadt abseits der Metropolen damit umgeht, dass sie immer weniger wird

Der Domberg bietet zwar keinen Dom, aber eine formidable Aussichtsplattform. Vom Bismarckturm öffnet sich der Blick auf die geduckten Gassen der Altstadt von Suhl, die Einfamilienhäuser, die die daran anschließenden Hänge zieren, die für den Osten nach wie vor typischen Plattenbauten als abschließenden Rand an der Hügelkrone. Eingerahmt wird das Ensemble vom dunklen Thüringer Wald, bei dem man nie weiß, ob er märchenhaft oder bedrohlich wirkt. Ein nahezu pittoreskes Bild offenbart sich von hier oben aus, unspektakuläre mitteleuropäische Stadt mit regionaler Prägung - und genau das ist das Besondere: Dass Suhl seit der Wende ein Drittel seiner Einwohner verloren, dutzende Häuser abgerissen und Gewerbehallen rückgebaut hat, sieht man aus der Perspektive nicht.

Dabei macht die etwa 45 Minuten südwestlich von Erfurt gelegene Stadt damit regelmäßig Schlagzeilen. Lag die Bevölkerungszahl zur Wende noch bei etwa 55.000, ist sie in der Zwischenzeit auf etwa 36.000 gesunken. Die Bevölkerung ist noch dazu stark gealtert - die jungen, lernbereiten und lebenshungrigen Menschen waren die ersten, die Suhl verlassen haben. Damit einher gingen leergezogene Plattenbauten, die wie Geisterblocks in der Gegend stehen, von Unkraut überwucherte Fabrikgelände, verblichene Schaufenster in der Fußgängerzone. Ein sich selbst verstärkender Effekt: Ein verfallendes Stadtbild motiviert Wegzugswillige schwerlich, an der Heimat festzuhalten.

Auch aus Remo Gerstenbergs Abiturklasse sind 90 Prozent der Jugendlichen aufgebrochen. Der heute 38-Jährige ist geblieben. "Daran war der Handball schuld", sagt Gerstenberg. Der sportlich-kräftige, agile Mann, kurze dunkle Haare, Hemd und Krawatte, fing als Kind an, im Verein zu spielen. Für eine Profi-Laufbahn reichte es nicht, doch aufgeben wollte Gerstenberg das im Verein Erreichte auch nicht. Er begann bei der örtlichen Bank eine Ausbildung, heiratete und gründete eine Familie. Zugleich verstärkte er sein Engagement im Verein und übernahm den Vorstand. "Es gibt Leute, die meckern, oder man macht etwas", sagt er im Rückblick und mit einem Achselzucken. "Von einer negativen Stimmung habe ich nie etwas mitbekommen."

Zurückgebaute Plattenbauten Dass das so ist, geht zu einem gewissen Teil auch auf das Konto von Ralf Heymel. In den Jahren, in denen Gerstenberg beschloss zu bleiben, tüftelte Heymel gemeinsam mit Planern und Mitarbeitern der Stadtverwaltung daran, wie er Suhl möglichst geräuschlos der leerstehenden Plattenbauten entledigen kann. Heymel leitet die städtische Wohnungsbaugesellschaft GeWo, eins von zwei großen Wohnungsunternehmen der Stadt. "Wir haben immer gesagt: Was hier passiert, ist keine Katastrophe, sondern eine Zurückentwicklung." Die Stadt schwoll bis zur Wende auf mehr als 55.000 Einwohner an, die auf Bestreben der DDR in Kombinaten und Verwaltung arbeiten sollten. So wurden in Suhl etwa die Simson-Motorräder hergestellt. Die Neubewohner sollten in schnell errichteten Plattenbauten im Gebiet Suhl-Nord wohnen, in besten Zeiten ein schauderhaft eindrucksvolles Bildmotiv sozialistischer Städteplanung: Block an Block, so weit das Auge reicht.

Die Neubürger waren häufig die ersten, die die Stadt in der Nachwendezeit verließen - außer dem Arbeitsplatz hatten sie keinerlei Bindung an den Thüringer Wald. Die ersten Blocks in Suhl-Nord fielen brach und boten sich zum Rückbau an. Heymel kam das entgegen. "Wenn die Menschen am Rand in einer Plattenbausiedlung leben, haben sie nie die Verwurzelung, wie wenn sie in der Stadt wohnen", sagt er. Von außen nach innen, entlang der Versorgungsachsen, begannen die GeWo und die Arbeiterwohnungsgenossenschaft (AWG) "Rennsteig" mit dem Abriss von Häusern. Mehr als zwei Drittel der knapp 5.000 Wohnungen in Suhl-Nord sind seitdem verschwunden. Bis 2035 soll der Stadtteil komplett in ein Gewerbegebiet umgewandelt werden.

"Das schwierigste an der Situation war, die Maßnahmen zu vermitteln", sagt Heymel. In zahlreichen Gesprächen und Versammlungen versuchte er, den Betroffenen zu erklären: Das Stadtbild eines Schweizer Käses wird für alle teuer. Zu teuer. Doch auch in der Verwaltung regte sich Widerstand: Die Stadträte fürchteten, mit dem Abriss von Plattenbauten ginge preiswerter Wohnraum verloren. Auch hier argumentierten Heymel und seine Kollegen mit gesamtwirtschaftlichen Kosten - und setzten sich durch.

Heute liegt der durchschnittliche Mietpreis in GeWo-Wohnungen zwischen 4,10 Euro und 6,50 Euro pro Quadratmeter bei sanierten Objekten. Im Innenstadtbereich setzt die Stadt auf Verdichtung und zum Teil Lückenschlüsse mit Eigenheimen, Suhl-Nord entwickelt sich auch dank der Nähe zur Autobahn zum Gewerbegebiet. Die Nachfrage nach den städtischen Wohnungen ist Heymel zufolge rege. Die "Platte" genießt nach wie vor ein akzeptables Image. In die höherwertig sanierten und damit teureren Objekte ziehen vermehrt Menschen aus dem Umland, die ihr Eigenheim aus Altersgründen aufgegeben haben und in die Stadt möchten. Oder sie kommen für den Ruhestand von noch weiter her, so wie das Ehepaar Schumann: 15 Jahre lang arbeiteten die beiden Suhler in Stuttgart als Hausmeister. "Unseren Garten in der Heimat haben wir immer behalten, und mit der Rente wollten wir unbedingt zurück", erzählt Monika Schumann. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in der obersten Etage eines sanierten Plattenbaus mit Fahrstuhl, mit Blick auf ein großflächiges Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite. Die Stadt habe sich verändert in der Zwischenzeit, sagen beide. Viele Freunde seien weg. An die Bindungen mit den verbliebenen Garten-Nachbarn will das Paar nun anknüpfen.

Remo Gerstenberg bleibt für entspannte Gartenarbeit kaum Zeit; das Grün um sein Haus aus dem 19. Jahrhundert dient eher als Spielfläche für den inzwischen zweifachen Nachwuchs. Gemeinsam mit seiner Frau hat er die zentral gelegene Immobilie vor fünf Jahren gekauft und mit Hilfe von Vereinskollegen monatelang renoviert. "Für uns war die Lage entscheidend", sagt Gerstenberg. "Wir können alles zu Fuß erledigen." Auch seine Partnerin arbeitet mittlerweile in Suhl, nachdem sie jahrelang ins gut 60 Kilometer entfernte Bad Neustadt gependelt ist. Bei der Bank betreut Gerstenberg inzwischen Firmenkunden, im Handballverein hat er das Vereinsleben mit Ausflügen und Veranstaltungen neu zum Leben erweckt. 80 Kinder trainieren wieder, Tendenz steigend. Die Herrenmannschaft sei mit sechs ungarischen und einem syrischen Spieler quasi international aufgestellt. "Wir haben die Spieler bewusst hierher geholt, wollen ihnen eine Perspektive geben", sagt Gerstenberg. Selbstlos ist das Vereinsengagement nicht - denn junge Menschen verlassen weiterhin in Scharen nach der Schule Suhl und stellen die Herrenmannschaften damit vor Personalprobleme. Längst nicht alle kommen nach Ausbildung oder Universität zurück. Nicht ohne Grund titelte die Süddeutsche Zeitung vor fünf Jahren "Einsam in Suhl" über einem Text über die Bevölkerungsentwicklung in deutschen Städten: Das durchschnittliche Alter in Suhl liegt mit gut 50 Jahren bis zu zehn Jahre über dem Altersdurchschnitt mancher Universitätsstadt im Westen.

Niedrige Löhne Zwischenzeitliche Pläne für eine Hochschule in Suhl wurden nie verwirklicht, damit fehlt der Stadt ein wichtiges Bindeinstrument. Auch Bürgermeister Jens Triebel bedauert das. Genauso wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) verweist der parteilose Politiker darauf, dass der wiedererstarkte kleinteilige Mittelstand nach Fachkräften suche: Die Arbeitslosigkeit in Suhl liegt bei fünf Prozent. Vor dem Hintergrund, dass die Löhne teils deutlich unter Großstadt-Niveau liegen und Menschen von außerhalb schwer in den Thüringer Wald zu locken sind, wären gut ausgebildete Einheimische der ideale Beschäftigtenpool. Die für Südthüringen zuständige IHK, in einem zentral gelegenen Neubau ansässig, verweist auf die dynamische Entwicklung vor allem umliegender Gemeinden wie Zella-Mehlis oder Meiningen. Auch für die kreisfreie Stadt Suhl würde sich IHK-Geschäftsführer Ralf Pieterwas ein beherzteres Vorgehen der politischen und der Verwaltungsspitze wünschen. Die Zeit sei wegen der konjunkturellen Situation und der Stimmung günstig. Zusätzlich komme hinzu, dass in den Unternehmen nach und nach die Jungen das Ruder übernähmen, sagt Pieterwas. "Die neue Generation spricht Englisch."

Dem Oberbürgermeister mangelt es dabei nicht an Visionen. Seine Kritiker sagen, er schaffe es nicht, diese Ideen zu vermarkten und andere mitzureißen. Beherzter, zupackender wünschen sie sich den Mann an der Spitze. Triebel, der gelernte Förster und leidenschaftliche Ausdauersportler, ist eher vom Typ Denker. Und er leidet am Image der Stadt. Ausladend und verärgert erzählt er von Artikeln, die das seiner Meinung nach ungerechtfertigte Bild eines aussterbenden Ortes zementieren. Triebel legt Statistiken vor, die andere Schlüsse zulassen, redet von Städten, die sich ähnlich entwickelten wie Suhl und dabei seltener als Negativbeispiele herhalten müssten: Schrumpfen kostet Selbstbewusstsein.

Die Fehde mit umliegenden Gemeinden - befeuert von den dortigen Stadtspitzen - tut ihr übriges. Anstatt bei Gewerbeansiedlungen, Verwaltung und Tourismusentwicklung an einem Strang zu ziehen, scheinen sich die Südthüringer lieber einander wo immer möglich das Wasser abzugraben. Der gemeine Suhler bekommt davon im Alltag wenig mit. Die hübsch sanierte Fußgängerstraße ist tagsüber belebt, zwischen Einzelhändlern sitzen Menschen an Café-Tischen, stehen beim Bäckerwagen am Markt an und plauschen mit dem Obstverkäufer. Abends treffen sich Jugendliche in Grüppchen auf dem Grünstreifen entlang des Stadtteichs, trinken Bier, unterhalten sich, die Atmosphäre ist entspannt. Klar würden sie nach der Schule erst mal weggehen, hier sei ja nicht so viel los. Vielleicht kämen sie danach aber wieder. Was man eben so sagt als junger Mensch in der Kleinstadt. Bis 2035 soll die Bevölkerung Suhls um noch einmal etwa zehn Prozent schrumpfen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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