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Gated Communities
Jan Rübel
Die Sehnsucht nach dem kleinen Dorf in der großen Stadt

Ein Rezept aus unsicheren Ländern wird in Deutschland beliebter. Eingezäunte Reihenhaussiedlungen als Ausdruck der Provinzialisierung

Neulich hatte ich ein Problem mit meinem Salat. In der Mittagspause hatte ich ihn im Supermarkt gekauft und wollte, mit dem Rad unterwegs, im Grünen eine Pause einlegen. Doch als ich in Berlin die nächste Straße hinauffuhr, war da nichts mit Grün. Erster Versuch: Ein mit Tor versehener Garten, auf der Klingel stand: "Willkommen! Namenssuche mit ??" Hinter dem Tor residierten Anwälte, ein Softwarehersteller, ein Beratungsunternehmen für den öffentlichen Sektor und eine Einrichtung der Lebenshilfe, kurz: alles, was das neue Berlin ausmacht. Nur kannte ich niemanden und kam mit meinem Salat nicht in den Garten hinein.

Das neue Berlin Auch das ist wohl das neue Berlin, dachte ich. Die Straße weiter kam ich endlich an rechter Seite zu einem gepflasterten Vorhof, dahinter nun ein Pärkchen, durch zwei offene Tore begehbar; in einer installierten Hängematte kam ich zu meiner Pause. "Marthashof", hatte auf dem Schild am Eingang gestanden. Ein Blick aufs Smartphone erzählte mir: Abgeschottetes Gelände sei der Marthashof, eine "Gated Community", der neuste Trend urbanen Lebens und eine Absage an die Idee der Stadt als offenes Gemeinwesen.

Hoppla, dachte ich und schaute mich um. Spielzeugbagger und ein Puppenbuggy lagen achtlos herum. Links und rechts weiße Neubauten mit Fenstern bis zum Boden, grau eingerahmt. Hin und wieder knallten schwere Eingangstüren, aus ihnen traten Menschen, die aussahen wie die Passanten draußen. Eine Gated Community stellte ich mir anders vor.

Gated Communities in Deutschland? Berlin setzt dafür zumindest den Trend für den Weg dorthin. In den 1970ern in den USA erfunden, wurde das Konzept eines geschlossenen Wohnkomplexes in Länder mit sozialen Spannungen exportiert. Die Vorzeichen sprechen für eine Expansion gen Deutschland: Die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich, die Zahl der angezeigten Einbrüche verzeichnet zwar 2016 im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um zehn Prozent, aber dafür ist die "gefühlte" Unsicherheit gestiegen. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach befürchteten im Januar 2017 rund 82 Prozent der Befragten, dass Gewalt und Kriminalität zunehmen werden. Die Geschichte der Städte war immer eine von Reibung und Konflikten, diese beiden Elemente hatten auch durchaus immer positive Seiten. Heute aber gibt es eine Sehnsucht nach neuer Gemütlichkeit, nach einem Leben in einem Dorf in der Stadt. Daher Namen wie "Marthashof", "Prenzlauer Gärten" oder "Arcadia".

Als ich den Marthashof betrat, fühlte ich mich nicht wirklich wie ein Eindringling. Anders aber war es in den "Prenzlauer Gärten", einer Privatstraße am Volkspark Friedrichshain, zweieinhalb Kilometer südöstlich vom Marthashof gelegen: 60 neoklassizistische Wohnhäuser, auf Neudeutsch "Townhouses". Bei der Einfahrt grüßte ich einen misstrauisch äugenden Wärter aus einem Wachhäuschen, dessen Blick im Rücken anhielt. Das Areal umschlossen von einer weißen Mauer mit schwarzem Metallzaun, links und rechts die Townhouses mit dem immer gleichen Bauprinzip: unten eine Garage, vorwiegend Autos der oberen Mittelklasse und der Oberklasse, daneben eine Treppe hinauf zum Hauseingang und darüber zwei Stockwerke - so stellte ich mir Reihenhäuser in der Luxusvariante vor, kleinstädtisches Wohnen, nur gut betucht.

"Was tun Sie da?", fragte eine ältere Dame, als ich mit dem Rad kurz anhielt. Nein, über ihr Wohnen in den "Prenzlauer Gärten" wolle sie nicht reden, "es wird doch eh alles aufgebauscht". Was sei dagegen einzuwenden, sagte sie nun doch, wenn man ruhig und trotzdem mittendrin wohnen wolle, mit einem Gefühl reeller Sicherheit, da abends das Tor zur Straße zugesperrt wird. "Da drüben", sagte sie und zeigte auf einen Altbau gegenüber, "wird sicherlich schon mal eingebrochen. Bei uns habe ich nie Entsprechendes gehört"; was die Raubzüge im Altbau betraf, hatte ich meine Zweifel: Es war das "Haus für Demokratie", bei den rund 70 Nichtregierungsorganisationen war sicherlich weniger zu holen.

Eine 24-Stunden-Wache, ein "Doorman"-Service, der auch schon mal die Pakete vorbeibringt oder den Wasseranschluss repariert, dazu Bewegungssensoren und Kameraüberwachung - die neuen Wohnanlagen in Deutschland sind keine echten "Gated Communities", aber sie sind der Weg dorthin. Noch ist nicht klar, wer sich von wem abgrenzt, die "Prenzlauer Gärten" zum Beispiel, die auf die Altbauten des Viertels Prenzlauer Berg schauen, erzielten nicht wirklich höhere Immobilienkaufpreise als anderswo im Kiez. Noch immer unterliegt der Prenzlauer Berg einem Hype, der die Hauptstadt als Ganzes erfasst: Nach Angaben des Internet-Portals "Immowelt" sind die Immobilien-Kaufpreise im ersten Halbjahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 3.260 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Speerspitze ist das Areal hier: Die Stadtsoziologin Christine Hannemann hat einmal vor Jahren gesagt, ganz Prenzlauer Berg entwickle sich sozial und kulturell aus der Stadt heraus.

Was die "Prenzlauer Gärten" verraten: Misstrauische Bewohner, spielende Kinder auf einer Straße, die kaum ein Auto befährt - kein Laden, kein Gewerbe und keine Parkplatzsuche. Die neuen Wohnanlagen stehen für eine Provinzialisierung der Stadt. Sie genügen sich selbst und versprechen mehr Komfort. Und wollen dennoch auf das pulsierende Leben, auf die Kultur gleich nebenan nicht verzichten; auf das Gefühl jederzeit partizipieren zu können, wenn man will. Drinnen und draußen, dieses Prinzip ist bei den "Prenzlauer Gärten" klar geregelt. Daher wirkt das Wohnquartier tatsächlich wie ein Fremdkörper in der Stadt, wie ein Bollwerk der Provinzialität.

Anders dagegen ein ähnlich geschlossenes Gebilde in Kreuzberg: Nicht weit vom Paul-Lincke-Ufer erstreckt sich eine mausgraue Fassade, dahinter ein "Car-Loft". Hin und wieder rauschen Autos die Einfahrt hinein - zu einem Fahrstuhl, der das Gefährt zum Apartment auf der gleichen Etage fährt. Auch hier versperrt ein Metalltor den Zugang, reguliert durchs bekannte Display "Willkommen! Namenssuche mit ??" Doch etwas wirkt anders hier als im Prenzlauer Berg. Der Bau kommt reichlich verschüchtert daher: Zwar ähnlich ein Fremdkörper, doch weniger wirksam. Wie selbstverständlich behauptet sich gleich nebenan ein "Kiez-Net Spätkauf" mit günstigem Bier und gegenüber die Kneipe "Schultheiss Quelle", die ausschaut, als trotze sie seit vielen Jahrzehnten dem Lauf der Zeit, eben auch einer "Car-Lodgia". Hier, in Kreuzberg, wirkt die Stadt stark. Das Urbane bleibt, die Provinzialität des neuen Wohlfühlhauses greift kaum über. Entlang der Quelle schlurft ein alter Mann mit akkuratem Hut. "Och, die Bengels da drüben", sagt er und zeigt aufs Townhouse, "die stören kaum. Die sind ganz jung und schüchtern". An der Fassade des Car-Loft prangern zwei große rote Farbkleckse als Spuren einer Beutelattacke.

Kampf um den öffentlichen Raum Echte Gated Communities in Deutschland sind noch Zukunft. Die ersten Versuche gibt es - und wie mächtig sie wirken, hängt von der Souveränität ihrer urbanen Nachbarschaft ab. Der Kampf um den öffentlichen Raum, der sich hier und da wie nebenbei in private Zonen verwandelt, hat jedenfalls schon begonnen. Erbittert geführt wird er nicht überall. Gegen den "Marthashof" zum Beispiel, eine so genannte Gated Community, hatte sich eine Anwohnerinitiative gegründet. Ich schrieb sie an, wollte mehr über ihre Unzufriedenheit mit dem Neubau und seinen Folgen erfahren, doch ich erhielt keine Antwort. Entweder gab man auf. Oder gewöhnte sich langsam an den Bau .

Aus Politik und Zeitgeschichte

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