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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Erst denken, dann wählen

Mit Wahlkampfparolen ist es so eine Sache - die gehen gerne nach hinten los. Diese Erfahrung musste schon die Piratenpartei machen, als sie auf Wahlplakaten verkündete: "Wir sind die mit den Fragen. Ihr seid die mit den Antworten." Seitdem haben die Piraten von den Wählern eine Menge Antworten bekommen - allerdings waren die alles andere als hochprozentig.

Auch der aktuelle Wahlslogan "Digital first. Bedenken second" von FDP-Frontmann Christian Lindner hat so seine Tücken. Früher oder später sehen sich Eltern ja dazu veranlasst, ihren Kindern den wohlgemeinten Rat "Erst denken, dann reden" auf den Weg zu geben. Aber mit einer solch autoritären Erziehung mögen sich echte Liberale eben nicht anfreunden. Welch verheerende Wirkung eine dermaßen digital-liberale Geisteshaltung jedoch entfalten kann, lässt sich seit geraumer Zeit an den täglichen Twitter-Einträgen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ablesen. Oder an diversen Facebook-Einträgen, die unter der Kategorie "hate speech" laufen. Ein paar Bedenken vor der digitalen Freisetzung wären da schon wünschenswert gewesen. Ganz zu schweigen von der meist reichlich bedenklichen Rechtschreibung.

Eines sollten die Freunde der liberalen Digitalisierung in jedem Fall aber bedenken. Gewählt wird in Deutschland - ganz last century - noch immer analog. Bevor die Wähler ihr Kreuz auf dem Wahlzettel aus Papier mit einem klassischen Stift machen, werden sie ihre Entscheidung gründlich bedenken. Sollten sie zumindest. Wie formulierte es der französische Philosoph René Descartes doch so schön? "Ich denke, also bin ich."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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