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Montenegro
Danja Antonovic
»Mit diesen Leuten will ich nichts zu tun haben«

Seit dem Nato-Beitritt des Landes meiden Russen - bisher häufig Gäste - das Land. Auch die Bevölkerung ist gespalten angesichts des Westkurses von Premier Djukanovic

Montenegro im August: Sommer, Sonne, Balkan-Food und Balkan-Rhythmen - Hochsaison und volles Haus bei Branka und Dragan Petrovic im idyllischen Küstenort Petrovac. Die beiden Rentner vermieten ihre vier Appartements für gehobene Ansprüche, Meeresblick auf weitläufigen Terrassen inklusive. Von Mai bis Oktober kommen die Gäste, die meisten von ihnen seit Jahren - es sind vor allem Russen.

Als Montenegro 2006 ein eigenständiger Staat wurde, entdeckten sie das Land. Russische Oligarchen investierten in die Wirtschaft, ihre Superyachten schaukelten in der mondänen Marina "Porto Montenegro". Etwa 70.000 Grundstücke und Immobilien, vor allem an der Küste, wurden an russische Staatsbürger verkauft, bis zu 30.000 leben heute dauerhaft in Montenegro. In Budva gibt es russische Makler, Läden, Kindergärten und Schulen, Medien, sogar Yogastunden auf Russisch. Auf montenegrinischen Stränden war lange fast nur Russisch zu hören, das orthodoxe Montenegro war ein beliebtes Reiseziel. Seitdem die montenegrinische Regierung einen Westkurs ansteuert, und vor allem seit das Land im Juni in die Nato aufgenommen wurde, hat sich das geändert. "Unsere besten Gäste werden spürbar weniger", beklagt sich Branka Petrovic. "Heute können wir nur davon träumen, dass das Haus vom Mai bis Oktober durchgehend vermietet ist." Weil die Touristen aus Russland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land sind, ließ Montenegros Außenminister Srdjan Darmanovic nach dem Nato-Beitritt offiziell verlauten, dass für russische Touristen keine Visumpflicht eingeführt werde. Geholfen hat es nicht viel.

Ungebrochene Liebe Montenegro hat rund 620.000 Einwohner, die zweitgrößte Volksgruppe sind Serben. Seit den Montenegrinisch-osmanischen Kriegen, die zur Unabhängigkeit führten, war "Mütterchen Russland" die Schutzmacht, der sie blind vertraut haben. 1948 brach Tito mit Stalin und unzählige Serben aus Montenegro wanderten wegen ihrer Liebe zur Sowjetunion im Gefängnis.

Als Montenegro 2009 Nato-Beitrittskandidat wurde, gab es heftige Proteste. Auch Branka Petrovic war dagegen, vor allem wegen der Bomben, die die Nato im Kosovokrieg 1999 auf Serbien und Montenegro - damals ein Staat - geworfen hat. "Ich war in Belgrad bei meinen Verwandten. Immer wenn die Sirenen heulten, rannten wir in den Keller und zitterten am ganzen Körper. Auf dem Weg sahen wir die Stadt brennen. Mit diesen Leuten will ich nichts zu tun haben." So wie Branka haben viele das nicht vergessen.

Trotz aller Widerstände wurde im April 2017 in der alten Königsstadt Cetinje der Nato-Beitritt beschlossen. Im Parlament war die Mehrheit knapp: Von 81 Abgeordneten votierten 46 dafür, die Opposition boykottierte die Abstimmung.

Lang anhaltende Demonstrationen nutzten nichts. Milo Djukanovic, der seit 25 Jahren als Premier, Präsident oder Parteichef an den Schalthebel der Macht sitzt, rudert unbeirrt weiter gen Westen. Das einstige Ziehkind des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic hat Montenegro nicht nur in die Nato geführt. Seit 2012 ist das Land auch EU-Beitrittskandidat.

Moskau ist um seine Sicherheit besorgt - die Westgrenzen Russlands sind von Nato-Staaten umringt und Montenegro ist von dieser Grenze nur 1.500 Kilometer entfernt. Russland hat Premierminister Dusko Markovic und 46 Abgeordnete, die für den Nato-Beitritt gestimmt haben, inzwischen zu unerwünschten Personen erklärt, ein hoher Funktionär der Regierungspartei DPS wurde aus der Russischen Föderation ausgewiesen. Montenegro konterte und erklärte 149 Russen und Ukrainer zu unerwünschten Personen. Russland untersagte wiederum die Einfuhr montenegrinischen Weins. Doch darüber können die Montenegriner nur lachen: Das Weingut "Plantaze", mit 2.300 Hektar und einer Produktion 17 Millionen Flaschen jährlich ein Weingigant, macht seit drei Jahren lukrative Geschäfte mit China.

Das für die Nato-Aufnahme entscheidende Zünglein an der Waage, geopolitisch und militärstrategisch gesehen, waren die Adriahäfen in Montenegro. In Tivat, am Eingang der Kotorbucht, haben Österreicher im 19. Jahrhundert einen Kriegshafen gebaut, der später vom jugoslawischen Militär ausgebaut wurde. Bar, die Hafenstadt gegenüber Bari, lebt vom Schiffs- und Containerverkehr, wird als das "Tor der Adria" bezeichnet.

Die Gegner des Nato-Beitritts befürchten, dass die Häfen zu Allianz-Stützpunkten werden sollen. Eine andere Sorge ist, dass die mit der Rüstung zusammenhängenden Kosten in die Höhe schießen. Auch Branka Petrovic ist beunruhigt: "Jetzt können sie die Grenzen zu Serbien benutzen, um hier im Falle eines Falles westliche Truppen zu stationieren. Die ganze Adria ist sowieso unter Kontrolle der Nato." Tatsächlich sind nur 20 Kilometer der Adriaküste, die zu Bosnien und Herzegowina gehören, nicht in Nato-Hand.

Die Augusthitze hat sich verzogen, der September bringt kühlere Nächte. Auf der Terrasse von Branka und Dragan gibt es ein Gläschen Grappa, türkischen Kaffee und die Frage, was die Europäische Union Montenegro bringen soll. Branka ist skeptisch: "In Kroatien haben wir das schon gesehen. Seitdem die in der EU sind, brauchen Russen ein Visum und kommen gar nicht mehr. Das wird bei uns auch passieren und deshalb sind wir gar nicht so scharf auf die EU."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Belgrad.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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