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Wahltag
Eva Bräth
Lange Nacht

In rund 88.000 Wahllokalen können Bürger bei der Bundestagswahl abstimmen. Schon Monate im Voraus hat die Planung dafür begonnen

Gemütlich Frühstücken, auf dem Sonntagsspaziergang im nah gelegenen Wahllokal das Kreuz machen und ab 18.00 Uhr gespannt auf die Hochrechnungen warten. So wird für viele Wähler der kommende Sonntag aussehen. Die Wahlbehörden in Gemeinden, Ländern und auf Bundesebene bereiten seit Monaten akribisch die Bundestagswahl vor. Wenn dann am Wahltag die 61,5 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland dazu aufgerufen sind, über die künftige Zusammensetzung des Parlaments zu entscheiden, arbeiten die Organisatoren mit Hochdruck und nach einem Sondereinsatzplan. Kein sonntägliches Erholungsprogramm, sondern ein langer Arbeitstag steht für die Mitarbeiter der Wahlämter sowie für die rund 650.000 ehrenamtliche Wahlhelfer an.

Besonders lang dürfte die Nachtschicht für Bundeswahlleiter Dieter Sarreither und sein Team werden. Als Leiter des Statistischen Bundesamts ist der 65-Jährige zugleich auch Cheforganisator der Bundestagswahl. Wenn in den frühen Morgenstunden des 25. September alle 299 Wahlkreise ausgezählt sind, wird er im Berliner Reichstagsgebäude vor die Kameras treten und das Ergebnis verkünden. "Wir arbeiten natürlich permanent an der Vorbereitung des Wahltages", sagt Sarreither. "Wir bringen unsere IT-Infrastruktur auf den neuesten Stand, testen unsere Anwendungssysteme und überprüfen alle Abläufe, damit wir in der Wahlnacht ein vorläufiges Ergebnis präsentieren können." Zehn Mitarbeiter der Wiesbadener Behörde sind hauptberuflich für die Bundestags- und Europawahlen zuständig. Je näher der Wahltermin rückt, umso mehr Personal ist zusätzlich notwendig, vor allem aus der IT-Abteilung. In der Wahlnacht sind rund 200 Personen in Berlin und Wiesbaden im Einsatz. Ob die Kontakte zu den Landeswahlleitern technisch funktionieren und sicher sind, ist eine der wichtigsten Fragen. Weil er am Wahltag fast rund um die Uhr beschäftigt ist, wählt Sarreither per Briefwahl. Seit 1982 im Statistischen Bundesamt tätig, hat der Mathematiker zuletzt vor 33 Jahren bei einer Europawahl seine Stimme im Wahllokal abgegeben.

Lange Vorbereitung Die Vorbereitungen auf den Wahltag laufen in Sarreithers Team schon ganz lange. Vorschläge für eine neue Wahlkreiseinteilung etwa müssen laut Bundeswahlgesetz innerhalb von 15 Monaten nach Beginn einer Wahlperiode vorliegen. Spätestens im Dezember 2014 also musste die zuständige Wahlkreiskommission ihre Empfehlungen einreichen. Weitere wichtige Etappen in der Organisation der Wahl sind laut Sarreither die Sitzungen des Bundeswahlausschusses im Juli und August gewesen. Dieses Gremium entscheidet unter anderem darüber, welche Parteien zur Wahl zugelassen werden. Für einen Wahltag ohne Pannen ist aber vor allem eines unerlässlich: "Wichtig ist zunächst einmal die reibungslose Zusammenarbeit mit den Wahlorganen auf Landes- und Kommunalebene", betont Sarreither.

Tausende Helfer In der Wiesbadener Statistikbehörde laufen alle Fäden zusammen, Stimmabgabe und Auszählung finden aber in den circa 88.000 Wahllokalen statt. Ohne ausgeklügelte Logistik in den Kommunen sowie Hunderttausende ehrenamtliche Helfer wäre das nicht zu stemmen.

"Los geht es für das Wahlteam um sechs Uhr morgens", erzählt Nicole Wargenau, Wahlamtsleiterin in Berlin-Neukölln. Dann trudeln die ersten Anrufe von Wahlhelfern ein. "Leider auch Krankmeldungen", sagt Wargenau. Ehrenamtliche aus anderen Stimmbezirken müssen dann angerufen und umbesetzt werden. Sichergestellt sein muss, dass während der Stimmabgabe mindestens drei, beim Auszählen mindestens fünf Mitglieder des ehrenamtlichen Wahlvorstandes anwesend sind. So schreibt es das Bundeswahlgesetz vor. Rund 1.800 Ehrenamtliche koordiniert allein die Neuköllner Behörde an diesem Tag. Die Wahlhelfer beginnen um 7.00 Uhr morgens damit, das Wahllokal einzurichten (siehe "Ortstermin" Seite 14). Namen mit dem Wählerverzeichnis abgleichen, Stimmzettel ausgeben oder verirrte Wähler in das richtige Wahllokal weiterschicken, heißt es dann ab 8.00 Uhr, wenn die Wahllokale pünktlich geöffnet werden. Zehn Stunden lang sind die Wahlhelfer im Einsatz, meist in zwei Schichten. Wenn Unklarheiten auftreten, ist das Team des Bezirkswahlleiters telefonisch erreichbar. "Es treten viele Fragen rund um die Wahlberechtigung auf", weiß Wargenau. Die meisten, aber nicht alle Zweifel ließen sich schnell klären. "Einmal hat ein Wähler seine Abstimmungsbenachrichtigung aus einem vergangenen Volksentscheid im Wahllokal vorgelegt", erinnert sie sich. Weil das falsche Datum im Wahllokal nicht gleich aufgefallen sei, hätten sie eine Weile gerätselt, warum der Eintrag im Wählerverzeichnis fehlte.

Die Spannung steigt Sobald die Wahllokale um 18.00 Uhr schließen, beginnt der Auszählungsmarathon. In den Urnenwahllokalen ebenso wie in den Briefwahllokalen. Bis die ersten Wahlkreisergebnisse feststehen, dauert es erfahrungsgemäß zwei bis drei Stunden. Während die Wahlhelfer sortieren, Stapel bilden, zählen und kontrollieren, sitzen Zuschauer zu Hause oder in den Parteizentralen schon gespannt vor den Bildschirmen.

Erste Prognosen veröffentlichen die Demoskopen schon bei Wahllokalschließung. Noch bis 17.45 Uhr seien Interviewer dafür in 400 zufällig ausgewählten Stimmbezirken im Einsatz, berichtet Matthias Jung, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen. 140 Mitarbeiter nehmen telefonisch die Ergebnisse entgegen. Die erste Hochrechung, die auf Auszählungen in ausgewählten Stimmbezirken basieren, folgen innerhalb der nächsten halben Stunde. Auch die Meinungsforscher beginnen lange vor dem Wahltermin mit der genauen Planung des Einsatzes. Mit besonderen Schwierigkeiten rechnet Jung bei dieser Wahl nicht, alles sei gründlich vorbereitet.

Die Weitergabe der amtlichen Auszählungsergebnisse verläuft nach einer strengen Choreografie. In einer sogenannten "Schnellmeldung" übermittelt der Leiter des Wahlteams das Ergebnis telefonisch an die Gemeinde. Die Ergebnisse der Wahlbezirke geben die Gemeinden sodann an den Kreiswahlleiter weiter, der es als vorläufiges Ergebnis an den Landeswahlleiter übermittelt. In Neukölln etwa nehmen rund zehn Datenerfasser die Zahlen entgegen. Ab 21.00 Uhr laufen erfahrungsgemäß die Drähte heiß. Die Arbeit endet für Wargenau meistens aber erst gegen 1.00 Uhr nachts, wenn die gesammelten Daten über eine sichere Verbindung an die Wahlleiterin übermittelt wurden. "Erst nach Freigabe durch die Landeswahlleiterin fühle ich mich erleichtert, müde und froh, dass alles gut verlaufen ist", sagt Wargenau.

Offizielle Mitteilung Entspannen können sich dann die Wahlhelfer, nicht aber die Verantwortlichen in den Behörden. Damit das vorläufige zügig zum endgültigen amtlichen Endergebnis wird, müssen Kreiswahlausschüsse und Landeswahlausschüsse die Resultate bestätigen. Und erst wenn der Bundeswahlausschuss im Oktober das amtliche Endergebnis offiziell feststellt, erhalten die Kandidaten auf den Landeslisten und in den Wahlkreisen die sichere Bestätigung über den Einzug ins Parlament.

Die neu Gewählten müssen sich spätestens am 30. Tag nach der Wahl zur Konstituierung des 19. Bundestags in Berlin einfinden. In der ersten Sitzung des Parlaments wählen sie den Parlamentspräsidenten und seine Stellvertreter. Und dann dauert es auch gar nicht mehr so lang, bis der Bundeswahlleiter mit den Vorbereitungen für die nächste Wahl beginnt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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