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Claus Peter Kosfeld
Mit Witz und Verstand

Roman Herzog war ein weitsichtiger Mahner

Der oft so strenge Blick des Mannes täuschte über seinen wahren Charakter hinweg: Roman Herzog (1934 - 2017) war ein ausgesprochen humorvoller Mensch, der gerne Anekdoten preisgab, auch vor selbstironischen Kommentaren nicht zurückscheute und Lebensweisheiten mit kluger Weitsicht zu verbinden wusste. Stets selbstbewusst und mit klarer Ansprache, ein intellektueller "Klassenbester" und zugleich ein Mann des Volkes mit einfachen, konservativen Botschaften: So lernten ihn die Deutschen kennen, als er 1994 zum 7. Bundespräsidenten gewählt wurde.

Geboren 1934 im niederbayerischen Landshut, fiel Herzog früh als sehr guter Schüler auf, legte scheinbar spielend eine juristische Karriere hin und wurde 1965, mit gerade 31 Jahren, Staatsrechtsprofessor in Berlin. Jura-Studenten kamen später an Herzog als Mitverfasser eines viel beachteten Grundgesetzkommentars kaum vorbei. Nach verschiedenen Ämtern in der Evangelischen Kirche und in der Politik, darunter als Minister für Kultur und Sport (1978-1980) sowie als Innenminister (1980-1983) in Baden-Württemberg, wechselte Herzog 1983 als Vizepräsident zum Bundesverfassungsgericht. 1987 wurde er zum Präsidenten des höchsten deutschen Gerichtes ernannt, bevor er sieben Jahre später das höchste deutsche Staatsamt übernahm, das er bis 1999 innehatte. Er prägte also gleich zwei Verfassungsorgane mit.

Obwohl Herzog nur eine Amtszeit absolvierte, schaffte er ein enormes Arbeitspensum und begründete nachhaltige Neuerungen wie die Berliner Rede und vor allem den Holocaust-Gedenktag, den er 1996 einführte und auf den 27. Januar festlegte, jenen Tag, an dem 1945 die Rote Armee die überlebenden Insassen des Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz befreit hatte. Damals proklamierte Herzog: "Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt." Seither kommt der Bundestag jedes Jahr an dem Tag zu einer Gedenkstunde in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zusammen. Herzog bemühte sich daneben auch um die Versöhnung mit Polen und bat das polnische Volk am 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes 1994 um Vergebung für die Gräueltaten der Nazis.

Den meisten Deutschen wird Herzog aber in Erinnerung bleiben mit seiner berühmten Ruck-Rede, die er 1997 im Berliner Hotel Adlon hielt und in der er nachdrücklich für gesellschaftliche Veränderungen warb. Die folgenden Präsidenten übernahmen die Idee einer jährlichen Grundsatzrede. Der in zweiter Ehe mit Alexandra Freifrau von Berlichingen verheiratete Roman Herzog starb am 10. Januar 2017 mit 82 Jahren in Bad Mergentheim. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. In einer Kondolenz an die Witwe schrieb Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), ihr Mann habe als große Persönlichkeit wichtige Reformdebatten angestoßen, die bis heute fortwirkten (siehe auch Debattendokumentation). Am Dienstag findet zu Ehren Herzogs ein Staatsakt im Berliner Dom statt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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