Inhalt

Ortstermin: »Landstrich« - ein Film und seine Bilder
Eva Bräth
Spurensuche im Gedächtnis

"Nach dem Krieg hatte meine Großmutter ein schlechtes Gewissen, weil sie noch lebte", erzählt eine kindhaft klingende Frauenstimme. "Ihr Mann hatte ihr eine Pistole gegeben und gesagt, wenn der Russe käme, sollte sie erst die Kinder und dann sich selbst erschießen und das hatte sie nicht getan", fährt die Erzählerin fort. Über die Leinwand "fliegen" Zeichnungen, die das Erzählte illustrieren: Ein von roten Tropfen überdeckter Reichstag, vor dem ein Pferd steht. Plötzlich galoppiert es los, aus der Stadt heraus, zum nächsten Ort der Erzählung, der gerade noch von einem anderen Bild überdeckt war.

So beginnt die bewegte Geschichte einer Familie zwischen Kriegsende und Mauerfall, die Juliane Ebner in ihrem Kurzfilm "Landstrich" erzählt. Film und Zeichnungen der Künstlerin zeigt der Bundestag derzeit in einer Ausstellung, die vergangene Woche von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) eröffnet wurde. Lammert betonte dabei die Bedeutung individuellen Erinnerns. "Wenn ein Staat anfängt, seine Geschichte amtlich formulieren zu lassen, ist sie regelmäßig falsch, mindestens verkürzt oder verzerrt", sagte er. Ebners Film lobte er als einen "unter künstlerischen, historischen und biographischen Gesichtspunkten sehr besonderen und subjektiven Versuch der Auseinandersetzung mit Geschichte".

In der biographisch inspirierten Schilderung steht die individuelle Erinnerung im Vordergrund. Dennoch weist "Landstrich" über das Einzelschicksal hinaus. Der historische Kontext, der das familiäre Geschehen prägt, ist immer präsent: etwa, wenn die Erinnerung an den Onkel auftaucht, der wegen eines Fluchtversuchs aus der DDR in Bautzen inhaftiert war. Die bildhafte Sprache weckt vom ersten Satz an Neugier darauf, wie es wohl weitergeht. Dass der Film Menschen dazu anregt, auch das eigene Gedächtnis zu befragen, ist Ebners Wunsch.

"Landstrich" ist Ergebnis eines Pilotprojekts: Im Jahr 2015 hatte der Kunstbeirat des Bundestags Künstler beauftragt, sich in eigenen Werken mit Geschichte und Gegenwart des Parlaments auseinanderzusetzen. Damit begann Ebners Spurensuche, die sie bis ins Jahr 1933 zurückführte. Ausgerechnet der Reichstagsbrand bewahrte nämlich ihre epilepsiekranke Mutter davor, Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde zu werden. Denn der Onkel, Gutachter im Reichstagsbrandprozess, habe ein Wort für die Nichte eingelegt, heißt es in der Geschichte, die Realität und Fiktion vermischt. Ein "richtiger Nazi" sei der Onkel natürlich nicht gewesen, heißt es weiter. Ohnehin sei es ein "phantastisches Phänomen", dass die Deutschen nach eigener Einschätzung fast nie einen Nazi in der Familie hätten - "obgleich es sie irgendwo gegeben haben muss". Diese Ironie, mit der Ebner deutsche Geschichte kommentiert, ist erfrischend. "Es ist so befreiend, einem Kunstwerk zu begegnen, dass sich der Eindeutigkeit entzieht", sagte Journalistin Elisabeth von Thadden bei der Premiere. In Ebners Blick auf Geschichte bekomme die Ambivalenz so viel Raum, dass sogar ein Lachen möglich werde.Eva Bräth

Die Ausstellung kann bis 30. April im Mauer-Mahnmal am Schiffbauerdamm dienstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr, besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag