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NAHOST
Frank Nordhausen
Kurswechsel ins Ungewisse

Ankaras Flirt mit arabischen Nachbarn dauerte nur kurz. Heute ist die Türkei tief in die Konflikte der Region verstrickt

Unter normalen Umständen wäre ein nationaler Aufschrei der Empörung zu erwarten gewesen, aber die türkischen Zeitungen spielten das Ereignis herunter. Am 9. Februar bombardierte ein russischer Kampfjet eine türkische Stellung am Rand der nordsyrischen Kleinstadt Al-Bab. Drei türkische Soldaten starben, elf weitere wurden verletzt. Doch die AKP-Regierung in Ankara und die weitgehend gleichgeschalteten Medien verbreiteten eine Erklärung des türkischen Generalstabs, es habe sich bei dem Beschuss um ein Versehen gehandelt, und protestierten nur lau, als der Kreml behauptete, die Zielkoordinaten von der türkischen Armee bekommen zu haben.

Die Umstände sind eben nicht normal. Die Türkei hat sich in Syrien in ein militärisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang verstrickt. Ihre Operation "Euphratschild" steht beispielhaft für die Nahostpolitik Ankaras seit dem Arabischen Frühling: Außer der Eindämmung kurdischer Gebietsansprüche gibt es kaum klar definierte Ziele, keine Exit-Strategien. Nicht selten widersprechen sich sogar amtliche Aussagen verantwortlicher Politiker und Militärs.

Die frühere türkische Nahostpolitik folgte der Maxime "Null Probleme mit allen Nachbarn" des damaligen Außenministers Ahmet Davutoglu, der die Türkei als ein Land mit vorwiegend wirtschaftlichen Interessen definierte, das seine "soft power" dafür einsetzen müsse, ein friedliches regionales Umfeld zu schaffen, damit türkische Händler und Unternehmen davon profitieren könnten. Mit dem Beginn der Aufstände in Tunesien und Ägypten Ende 2010 änderte sich diese Sichtweise.

Neo-Osmanismus Damals vollzogen Davutoglu und sein Premier Recep Tayyip Erdogan einen außenpolitischen Paradigmenwechsel, der als "Neo-Osmanismus" bekannt wurde. Als sunnitische Vormacht wollten sie den schiitischen Rivalen Iran in seine Schranken weisen, die Türkei zur wichtigsten Regionalmacht erheben und so verlorene imperiale Größe neu beleben. Die AKP-Regierung begann, sich in die Rebellionen einzumischen und Gruppen zu unterstützen, die ihr ideologisch nahestanden: Ägyptens Muslimbrüder und ihre Schwesterparteien in Libyen, Syrien oder Tunesien. Das "türkische Modell" versprach den Kampf gegen autoritäre Strukturen und für "sunnitischen Pluralismus".

Anfangs schien diese Strategie aufzugehen. Im September 2011 bereiteten Zehntausende Ägypter Erdogan in Kairo einen begeisterten Empfang. Der damalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül sprach von einer "Achse der Demokratie zwischen den beiden größten Nationen unserer Region", während Erdogan den demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern nach Kräften unterstützte. In Syrien kappte er nach einem kurzen Vermittlungsversuch alle Verbindungen zum Präsidenten Baschar al-Assad und unterstützte fortan Rebellen ohne Ansehen ihrer ideologischen Ausrichtung, solange sie nur dessen Sturz betrieben.

Zugleich ließ Erdogan bis heute mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge in die Türkei. 2012 ermittelte eine türkische Denkfabrik, dass die Türkei in sieben arabischen Staaten, darunter Ägypten, das populärste Land war. "Im Nahen Osten kann kein Thema mehr ohne die Türkei diskutiert werden", frohlockte Davutoglu im März 2013. Doch der Flirt mit den arabischen Nachbarn dauerte nur kurz.

Die AKP-Politiker unterschätzten die politischen und gesellschaftlichen Dynamiken der Region, auch die Interessen ihrer sunnitischen Rivalen in Riad und Kairo. Heute sind Erdogans Erzfeinde von Assad in Syrien bis zum Militärherrscher al-Sissi in Ägypten weiter an der Macht und können ihre Position mit russischer, US-amerikanischer, iranischer und arabischer Hilfe konsolidieren. Auch im Irak machte sich Erdogan zuletzt keine Freunde, als er eine umstrittene türkische Militärgarnison nahe Mossul verstärkte, dabei Ansprüche auf die zweitgrößte Stadt des Iraks geltend zu machen versuchte und den Grundlagenvertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 in Frage stellte. Iraks Premier Haider al-Abadi sprach daraufhin von einem möglichen Krieg mit der Türkei, "falls nötig" und forderte den Abzug aller türkischen Truppen.

Tief verstrikt So wurden aus "null Problemen mit den Nachbarn" Konflikte mit fast allen Anrainern. Als sich die Türkei immer weiter isolierte, wechselte Erdogan seinen Premier Davutoglu im Frühjahr 2016 durch Binali Yildirim aus, der die Wiederannäherung an Russland und Israel besorgte. Doch die Beziehungen zu Ägypten sind weiter gespannt, und Ankaras sunnitische Verbündete Katar und Saudi-Arabien fördern weiter salafistische Netzwerke, die inzwischen die Türkei selbst bedrohen. Sie ist heute tief in die nahöstlichen Konflikte verstrickt: Sunniten gegen Schiiten, Ost gegen West. Ob sie sich als Friedensstifter für Syrien im Dreiergespann mit Russland und dem Iran bewährt, bleibt abzuwarten.

Vor allem die Kurden-Frage hat das Potential, die nähere Region in ihren Grundfesten zu erschüttern. Gleichwohl halten regierungsnahe türkische Kommentatoren daran fest, dass die Verbindung mit Russland Ankara helfe, die US-Politik im Nahen Osten auszubalancieren. Der tödliche Zwischenfall von Al-Bab hat einige nun ins Grübeln gebracht, ob das wirklich den Tatsachen entspricht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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