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Susanne Güsten
Am Ende bleibt nur der Galgenhumor

Der Völkermord an der christlichen Volksgruppe von 1915/16 ist in der Türkei weiter ein Tabu-Thema

Als der armenisch-türkische Journalist Hayko Bagdat im vergangenen August von einer Auslandsreise nach Istanbul zurückkehrte, nahmen ihn bei der Einreise zwei Grenzbeamte beiseite. "Mitkommen", hieß es, auf der Wache wurde ihm der Reisepass abgenommen. "Mir soll nun keiner mehr sagen, ich solle doch rübermachen und in einem anderen Land den Mund aufreißen", witzelte Bagdat auf Twitter. "Das geht jetzt nämlich nicht mehr."

Bagdat hatte Glück und bekam seinen Reisepass im Gegensatz zu vielen anderen kritischen Intellektuellen schon am nächsten Tag wieder. Bei allem Galgenhumor hatte der Armenier aber erkannt, was die Stunde geschlagen hatte. Inzwischen lebt er in Berlin und gibt dort zusammen mit dem türkischen Journalisten Can Dündar die Oppositionszeitung "Özgürüz" heraus.

Im Parlament niedergebrüllt Den neuen Wind, der in der Türkei seit den erbitterten Wahlkämpfen von 2015 und noch schärfer seit dem Putschversuch vom Juli 2016 weht, bekommen auch die rund 60.000 verbliebenen Armenier des Landes zu spüren. So etwa der armenisch-stämmige Abgeordnete Garo Paylan, als er im Januar bei der Parlamentsdebatte über die Einführung des Präsidialsystems das Wort ergriff und mit Verweis auf die Grauen der Geschichte vor der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie warnen wollte. In seltener Eintracht brüllten die Abgeordneten aller Parteien außer der kurdischen HDP den Armenier nieder, weil er dabei das Wort "Völkermord" erwähnte. Dann beschlossen sie mit großer Mehrheit, ihn für drei Sitzungen vom Plenum zu suspendieren. Pünktlich zum zehnten Jahrestag der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink beantwortete die Volksvertretung damit die Frage, welche Fortschritte die Türkei im Umgang mit der Vergangenheit gemacht haben mag.

Dink wurde am 19. Januar 2007 in Istanbul vor seiner Wochenzeitung "Agos" erschossen, mit der er sich für eine gesellschaftliche Aufarbeitung der osmanischen Massaker an den Armeniern von Anatolien eingesetzt hatte. Wie kein anderer stand Dink für Vergangenheitsbewältigung und Versöhnung, doch das türkische Tabu, das auf den Geschehnissen von 1915 lastet, erwies sich als stärker. Sein jugendlicher Mörder wurde in manchen Kreisen als Nationalheld gefeiert, doch viele Türken waren von der Tat schockiert und gingen dagegen auf die Straße. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte Dink im Tod bewirken, was er im Leben nicht geschafft hatte, und eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit anstoßen.

Diese Hoffnung ist nun vom Winde verweht. "In diesem Land hat es nie einen Völkermord gegeben", schrien Abgeordnete aus den Reihen der Regierungspartei AKP und der nationalistischen MHP sowie Vertreter der kemalistischen CHP den armenischen Abgeordneten nieder. "Hören Sie auf, die Geschichte dieser Nation zu beleidigen!" Schließlich schaltete sich Parlamentsvizepräsident Ahmet Aydin ein, der die Sitzung leitete: "Kollege Paylan, bitte berichtigen Sie ihre Worte", wies Aydin den armenischen Abgeordneten an. "Es hat keinen Völkermord gegeben." Schließlich wurde abgestimmt: Mit großer Mehrheit suspendierte die Volksvertretung Paylan vom Parlament. Seine Ansprache wurde aus dem Parlamentsprotokoll gelöscht.

Mangelnde Aufarbeitung Dies markiert einen Rückschritt in der türkischen Vergangenheitsbewältigung, die nach der Ermordung von Hrant Dink einige Fortschritte gemacht hatte. In der Öffentlichkeit und in der Forschung wurden die Ereignisse von 1915 seither offener diskutiert - einige der besten und kritischsten aktuellen Forschungsarbeiten zu dem Thema stammen heute von jungen türkischen Wissenschaftlern, die sich auch nicht scheuen, vom Völkermord zu sprechen. Und erstmals seit einem halben Jahrhundert wurden im Juni 2015 drei armenische Abgeordnete in das türkische Parlament gewählt, darunter Paylan. Doch als Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan dieses Parlament nach wenigen Monaten auflöste, um neu wählen zu lassen, drehte sich der Wind wieder hin zum extremen Nationalismus.

Das Armenier-Thema sei in der Türkei nicht ansatzweise bewältigt, sagte Paylan dieser Zeitung und gab zu bedenken: "Deutschland ist ein anderes Land geworden, indem es sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Verbrechen auseinandergesetzt hat." In der Türkei stehe die Aufarbeitung ein Jahrhundert später noch immer aus. "Es war gut, dass der Bundestag letztes Jahr die deutsche Mitverantwortung anerkannt und die Türkei aufgerufen hat, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen", fügte Paylan mit Blick auf die Armenien-Resolution (18/8613) hinzu, die mit breiter Mehrheit angenommen wurde. Dass die Türkei dieser Einladung in absehbarer Zeit nachkommt, ist allerdings nicht zu erwarten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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