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Exil
Susanne Güsten
Endloser Kreislauf der Rache

Viele Oppositionelle sind in den Westen emigriert, aber die politischen Feindschaften bestehen auch dort weiter

Noch vor ein paar Jahren war Adem Yavuz Arslan ein geachteter Mann in Ankara. Als Hauptstadt-Korrespondent der Zeitung "Bugün" flog er in der Regierungsmaschine mit und war gefragter Talkshow-Gast im türkischen Fernsehen. Heute schlägt er sich als Chauffeur beim Fahrdienst Uber durch - in der US-Hauptstadt Washington, wohin er sich mit seiner Frau und drei Kindern vor der drohenden Verhaftung in der Türkei geflüchtet hat. Seine Zeitung stand der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen nahe, dem einstigen Verbündeten und jetzigen Intimfeind von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan; seine daheim gebliebenen Kollegen sitzen inzwischen hinter Gittern.

An unbekannten Orten Nicht nur Gülen-Anhänger bevölkern in zunehmender Zahl als Emigranten die Hauptstädte der westlichen Welt. In Washington etwa sitzt auch Amberin Zaman, langjährige Korrespondentin des britischen "Economist", die wegen ihrer Berichte über die syrischen Kurden auf der Abschussliste der türkischen Regierung landete und nicht mehr nach Hause kann. In eine südeuropäische Stadt, die er nicht genannt wissen will, hat sich Yavuz Baydar vor der drohenden Festnahme gerettet; er war einst leitender Redakteur bei den Massenblättern "Milliyet" und "Sabah". Der Verleger Ragip Zarakolu hat Zuflucht in Stockholm gefunden - er wird wegen seiner Mitarbeit bei der Kurdenzeitung "Özgür Gündem" mit Haftbefehl gesucht. Can Dündar, zuletzt Chefredakteur der kemalistischen "Cumhuriyet", hat sich in Berlin niedergelassen.

Und das sind nur einige der prominentesten Emigranten, die Spitze des Eisberges. Viele türkische Journalisten sind nach Schätzungen aus der Exilgemeinde in den Westen geflohen. Nicht alle geben das öffentlich bekannt. Seine früheren Kollegen seien über die ganze Welt versprengt, sagt Ali H. Aslan, bis Frühjahr 2016 noch Washington-Korrespondent der Gülen-nahen Zeitung "Zaman" und nun selbst im Exil. "Zu einigen Kollegen habe ich Kontakt, aber zu vielen auch nicht", sagt Aslan. "Viele haben Angst und wollen ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben."

Von einer Opposition im Exil kann schon deshalb keine Rede sein. "Wir sind noch im Schock", sagt Aslan. "Die Leute sind vollauf damit beschäftigt, ihre Familien in Sicherheit zu bringen und ein neues Leben aufzubauen." Nur die wenigsten seien schon so weit, dass sie politisch oder publizistisch aktiv werden könnten. Das könnte sich ändern, wenn das Trauma der Flucht verarbeitet sei, meint Aslan, doch andere Emigranten bezweifeln das. "Ich will nicht riskieren, dass ich meinen Job hier verliere oder in den USA als Unruhestifter auffalle", sagt Emre Uslu, der früher Kolumnist der regierungskritischen Zeitung "Taraf" war und nun an einer Universität in Virginia lehrt.

Von einem gemeinsamen Vorgehen sind die türkischen Emigranten ohnehin weit entfernt, denn selbst im Exil bleiben sie aufgespalten in ihre politischen Lager: Kemalisten, Kurden, Islamisten und Linke. "Die Emigranten versammeln sich wieder einmal in kleinen Gemeinden von Gleichgesinnten und schließen Andersdenkende aus", sagt Yavuz Baydar, der sich an sein letztes Exil in Schweden nach dem türkischen Putsch von 1980 erinnert fühlt und entsprechend verbittert ist. Die verschiedenen Lager der entstehenden intellektuellen Diaspora seien noch immer damit beschäftigt, die alten Rechnungen zu begleichen, statt gemeinsam zu handeln. "Das ist ein Holzweg", sagt Baydar. "Aber ich fürchte, es wird sich nichts daran ändern."

Die entstehenden Exilmedien sind von dieser Fragmentierung geprägt. Im Gülen-Lager werden mehrere Internetzeitungen produziert. In Berlin starteten 2017 gleich zwei türkische Oppositionsmedien aus dem säkulären Spektrum nebeneinander her: die linke "gazete.taz" der deutschen "taz" und "Özgürüz" von Can Dündar, der aus der kemalistischen Ecke stammt. Fernab all dieser Gruppen arbeiten die Medien der kurdischen Nationalisten, die schon seit Jahrzehnten im Exil sind und daher mit einer Nachrichtenagentur, gedruckten Tageszeitungen und einem Satelliten-TV-Sender großen Vorsprung haben.

Neue Internetmedien Ein Prüfstein für die Exilmedien werde es deshalb sein, ob sie auch andersdenkenden Emigranten ein Forum bieten, meint Amberin Zaman: "Werden sie auch kurdische oder islamistische Dissidenten dort schreiben lassen?" In Köln startete eine neue Internetzeitung, die zumindest diesen Anspruch formuliert. "Arti Gercek" heißt das Portal des Journalisten Celal Baslangic, der zum Sendestart versprach, allen Oppositionsgruppen ein Forum zu bieten - von kritischen Islamisten bis hin zu Sozialisten, von Kurden bis zu Armeniern.

Amberin Zaman hofft, dass die gemeinsame Exil-Erfahrung ihre Kollegen veranlasst, ihr Gewissen zu erforschen. Denn bis sie selbst von der Verhaftung bedroht wurden, hätten viele Journalisten weniger Engagement für Pressefreiheit und Demokratie an den Tag gelegt. So hatten die Kemalisten früher nichts dagegen, dass Islamisten, Kurden und Linke verfolgt wurden; die Gülenisten applaudierten der Verhaftung von Kemalisten, Kurden und Linken. Wenn die Emigration nicht zur Selbstkritik genutzt werde, werde es so weitergehen, fürchtet Zaman, die nun an einer Washingtoner Denkfabrik tätig ist - "ein endloser Kreislauf der Rache".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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