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Ditib
Ulrich Pick
Im Zwielicht

Der Islamverband war lange Gesprächspartner, wenn es um die Integration muslimischer Bürger ging. Nun gibt es Ermittlungen wegen Spionageverdachts

Die Orte Betzdorf und Fürthen im Westerwald sind seit einigen Wochen zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt. Denn hier soll der deutsch-türkische Islamverband Ditib Mitglieder der "Hizmet"-Bewegung des Erdogan-Gegners Fetullah Gülen bespitzelt haben. In schriftlichen Mitteilungen an den türkischen Religionsattaché in Köln, die dem Autor vorliegen, werden namentlich neun beziehungsweise sieben Personen nebst ihrer familiären Herkunftsorte in der Türkei genannt. Die Spitzeleien in Betzdorf und Fürthen sind kein Einzelfall. Insgesamt soll der Islamverband in mehr als drei Dutzend Fällen Informationen für die Regierung in Ankara gesammelt haben. Der Landesverfassungsschutz Düsseldorf bestätigte, dass allein in Nordrhein-Westfalen und im Norden von Rheinland-Pfalz 13 Imame tätig waren. Daraufhin wurden die Wohnungen von vier Imamen polizeilich durchsucht. Der Grünen-Politiker Volker Beck hatte im Dezember Anzeige wegen Spionageverdachts gestellt. Die Bundesanwaltschaft nahm in Karlsruhe Ermittlungen auf.

Inzwischen ist eine intensive Diskussion entbrannt, wie mit dem Islamverband umgegangen werden soll. Mehrere Bundesländer sind auf Distanz gegangen und lassen prüfen, ob die Ditib noch ein geeigneter Partner für die Einführung des Islamunterrichts an öffentlichen Schulen ist. Denn nicht nur in Betzdorf und Fürthen, von wo die spitzelnden Imame unterdessen zurück in die Türkei gegangen sein sollen - angeblich, um sich vor Strafverfolgung zu schützen -, herrscht mittlerweile eine Atmosphäre des Misstrauens. Dabei war die Ditib über lange Jahre willkommener Gesprächspartner, wenn es um die Integration muslimischer Bürger ging. Der Islamverband, der knapp 1.000 von insgesamt rund 2.600 Moscheen in Deutschland unterhält, galt stets als Vertreter eines gemäßigten Islams - wenngleich in vereinzelten Ditib-Moscheen Jugendliche gewisse Sympathien für Salafisten gezeigt hatten.

Einfluss der Türkei Ins Zwielicht geraten ist der Verband, weil er teilweise offensiv die Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan vertritt. So wurden 2016 Bundestagsabgeordnete vom Fastenbrechen im Ramadan ausgeladen, da sie die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet hatten. Zudem betreibt die Ditib seit dem türkischen Putschversuch im Juli 2016 Stimmungsmache gegen Anhänger des Predigers Fetullah Gülen. In der zentralen Freitagspredigt hieß es: "Die Menschen wurden durch Instrumentalisierung der religiösen und nationalen Werte belogen, um die eigenen Ziele und teuflischen Pläne zu verwirklichen." Vielen Gülen-Anhängern verwehrte man den Zugang zu Ditib-Moscheen mit der Begründung, sie seien Vaterlandsverräter. Darüber hinaus wird die "Hizmet"-Bewegung auf der Ditib-Webseite mit Attributen bezeichnet, die man bislang nur aus der türkischen Innenpolitik kannte: Sie sei, so heißt es, eine "Terrorgruppe", die "keinerlei Moral enthält" und eine "krankhafte Struktur" hat.

Seit ihrer Gründung 1984 ist die Ditib sozusagen der deutsche Arm des Amtes für religiöse Angelegenheiten in Ankara (Diyanet), das direkt dem Ministerpräsidialamt untersteht. Die Imame in deutschen Ditib-Moscheen sind mehrheitlich türkische Staatsbeamte und werden für drei bis fünf Jahre nach Deutschland entsandt. Zwar beteuert die Ditib, sie sei unabhängig, doch die Diyanet hat auf den meisten Ebenen ihres deutschen Ablegers eigene Leute positioniert. Entsprechend kann das türkische Religionsministerium bei wichtigen Personal- und Strukturfragen mitbestimmen. Wie stark der Einfluss aus der Türkei ist, hat die Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt, Susanne Schröter, beschrieben: So ist der Vorsitzende des Ditib-Vorstands Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten in der türkischen Botschaft in Berlin. Ehrenvorsitzender ist der jeweils amtierende Diyanet-Präsident selber. Alle Vorstandsmitglieder werden zudem von einem Beirat vorgeschlagen, dem auch der Diyanet-Präsident vorsteht. Fast alle Beiratsmitglieder sind türkische Religionsattachés und Vertreter von Generalkonsulaten, die ein verbrieftes Mitspracherecht haben.

Scharnier Gerade die Religionsattachés bilden eine wichtige Scharnierfunktion zwischen türkischer Politik und Seelsorge in Deutschland. Denn die Ditib-Imame sind ihnen rechenschaftspflichtig. Kein Wunder, dass die Vorbeter aus Betzdorf und Fürthen ihre Information dem Kölner Attaché zukommen ließen. Die dominante Stellung zeigte sich auch vergangenen Sommer in Hessen, als der dortige Ditib-Landesvorsitzende ausgewechselt wurde. Dem zuständigen Attaché soll er zu liberal gewesen sein.

Die Diskussion um den Islamverband Ditib zeigt, dass Deutschland inzwischen zum Schauplatz innertürkischer Konflikte geworden ist. Sie zeigt zudem, dass die deutsche Politik Fragen nach der Finanzierung von Moscheen und Imamen zu lange vor sich hergeschoben hat - mit unliebsamen Folgen. Solange nämlich Imame aus dem Ausland bezahlt werden, dürfte die Integration von Muslimen unnötig schwierig bleiben. Getreu dem Ausspruch "Wes' Brot ich ess' , des Lied ich sing" werden sich die Vorbeter im Konfliktfall eher nach ihren Geldgebern richten statt nach den Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft. Deshalb ist immer öfter zu hören, die Ditib möge sich von der Türkei lossagen. Dies ist aber leichter gesagt als getan. Denn wie sollen dann die Imame des Islamverbandes bezahlt werden? Noch gibt es kein alternatives Finanzierungskonzept.Ulrich Pick

Der Autor ist Redakteur in der Redaktion "Religion" beim SWR. Er war zuvor Hörfunkkorrespondent der ARD in Istanbul.

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