Inhalt

Frauen in der Türkei
Veronika Hartmann
»Ich gehöre nicht mehr hierher«

In dem Land vollzieht sich ein Paradigmenwechsel im Rollenverständnis

"Die Frau ist Mutter, die Frau ist Hingabe, die Frau ist Boden, die Frau ist Fruchtbarkeit und der Hauptpfeiler unserer Gesellschaft". Diese Worte stammen von Fatma Sahin, ehemalige Familienministerin der Regierungspartei AKP in der Türkei, heute Oberbürgermeisterin der südostanatolischen Stadt Gaziantep. Anlass für diese Einschätzung war Anfang Februar die Eröffnung eines Denkmals zu Ehren der Frauen, die sich vor 96 Jahren am Befreiungskampf beteiligt haben. Damit ist zum einen klar umrissen, was von Frauen heute in der Türkei erwartet wird. Zum anderen wird deutlich, dass sich seit der Zeit, als "das schwache Geschlecht" an der Waffe für sein Land gekämpft hat, ein ernstzunehmender Paradigmenwechsel vollzogen hat.

Das bestätigt auch Nacide Berber, die an der Mimar-Sinan-Universität in Istanbul zur Frauenbewegung in der Türkei forscht. Insbesondere seit dem Putschversuch im Juli vergangenen Jahres hat sich laut ihrer Beobachtung das Klima verändert: "Nicht nur im öffentlichen Raum, auch im familiären Rahmen wird wieder thematisiert, wie Frauen sich kleiden sollen und wohin sie sich bewegen dürfen." Das Rollenmodell definiere sich wieder mehr anhand religiöser, sunnitisch-muslimischer Vorstellungen. Demnach werde die Frau als Teil der Familie betrachtet und ihr kein eigenständiger Bereich zugestanden, sagt Berber. Schon bevor die AKP an die Macht kam, sei der Druck auf Frauen stark gewesen, stell die Forscherin klar. Damals richtete sich dieser aber gerade auf jene Frauen, die ihren Glauben in den Fokus stellten. Ihnen blieben viele Chancen verwehrt. "Aber jetzt richtet sich diese restriktive Politik gegen Frauen, die einen anderen Glauben oder einen anderen Lebensstil haben. Diese Frauen werden in jüngster Zeit tatsächlich ins Visier genommen", so Berber.

Gewalt gegen Frauen Den Anstieg von männlicher Gewalt bewertet die Doktorandin als eine direkte Folge dieses Wertewandels. In den vergangenen 13 Jahren, seit die AKP an der Regierung ist, ist die Rate der Frauen, die Schutz vor häuslicher Gewalt gesucht haben, offiziellen Angaben zufolge um 38 Prozent gestiegen. Aktuell werden täglich 358 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt, es gibt aber türkeiweit nur 2.657 Plätze in Frauenhäusern. Abgesehen von den von der Religionsbehörde betriebenen "Familienberatungszentren" gibt es wenig Anlaufpunkte für hilfesuchende Frauen. Alleine seit 2010 wurden mindestens 208 Frauen getötet, obwohl sie sich schutzsuchend an die Behörden gewandt hatten. Doch Justizminister Bekir Bozdag hält offenbar wenig davon, daran etwas zu ändern: "Wie richtig kann es sein, wenn der Staat mit seiner Polizei, Militär, Richtern, Psychologen, Sozialarbeitern und Experten in Fällen von häuslicher Gewalt und Streitigkeiten zwischen Mann und Frau dazwischen geht?", fragte der Minister im April vergangenen Jahres auf einem Kongress zum Thema "Kinder, Familie und Frau in der Justiz".

Auf dem Arbeitsmarkt spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel ebenfalls wider. Die Arbeitslosigkeit unter Frauen ist im Vergleich zu den Männern überproportional gestiegen: nämlich um drei Prozent auf insgesamt 16 Prozent binnen eines Jahres.

Spürbar verändert hat sich auch das Klima auf den Straßen. "Ich bin kein politischer Mensch", erklärt Deniz K., eine junge Grafikdesignerin aus Istanbul. "Aber ich fühle, dass ich immer weiter eingeschränkt werde." Deswegen machen ihr die Veränderungen im Land Angst: "Neulich hat mich ein Fremder auf der Straße gefragt, warum ich kein Kopftuch trage und vergangenen Sommer habe ich mich erstmals nicht getraut, Shorts anzuziehen." Deniz spürt, dass sich am gesellschaftlichen Konsens etwas geändert hat. Weil sie fürchtet, dass das bis auf Weiteres so bleiben wird, hat sie beschlossen, ihre Heimat zu verlassen. Sie will sich in England ein neues Leben aufbauen. Sie glaubt: "Ich gehöre nicht mehr hierher!"

Die Autorin arbeitet als freie Korrespondentin in Istanbul.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag