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Parlamentarisches Profil
Franz Ludwig Averdunk
Der Reiter: Benjamin Strasser

Benjamin Strasser, soeben 31 Jahre alt geworden, ist kein heuriger Hase in Sachen Untersuchungsausschuss. Die FDP-Bundestagsfraktion kann auf einen Mann mit einschlägiger Erfahrung setzen bei der Benennung ihres einzigen ordentlichen Mitglieds im neunköpfigen Untersuchungsausschuss, in dessen Mittelpunkt der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 durch Anis Amri steht.

Auf seinem juristischen Weg zum Rechtsanwalt hat der im oberschwäbischen Weingarten geborene Strasser 2014 bis 2016 eine Zwischenstation im Mitarbeiterstab der baden-württembergischen Landtags-Liberalen eingelegt - eingesetzt als Zuarbeiter bei der parlamentarischen Aufarbeitung des heiklen Komplexes Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). "Ich war derjenige, der die ganzen Akten gefressen hat", blickt er zurück. Nicht zuletzt habe er gelernt, "wie man Zeugen so vernimmt, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden".

Ihm schwant schon jetzt, dass es im Amri-Untersuchungsausschuss auch zu "Kämpfen mit Ermittlungsbehörden und Ministerien" kommen wird, "wenn die ihre Akten nicht in dem Umfang herausgeben wollen, wie es wir Abgeordneten verlangen." Damals im Landtag habe es ziemlich gut geklappt, sich gegen Behörden durchzusetzen, "weil alle Fraktionen an einem Strang gezogen haben".

Ob es jetzt im Bundestag auch so laufen wird, ist nun für Strasser die "entscheidende Frage": Der Erfolg des Ausschusses hänge vom "Aufklärungsinteresse" aller Beteiligten ab. "Oder werden Parteipolitik und Polemik im Vordergrund stehen?" Immerhin: Union und SPD hätten zunächst den Untersuchungszeitraum mit dem Tod des Attentäters beenden wollen, seien dann aber umgeschwenkt auf die Linie von Linken, FDP und Grünen. Strasser: "Uns interessiert auch die Zeit danach."

So existierten "Vorwürfe, dass in Berlin Akten frisiert wurden, um die eigene Verantwortung klein zu halten". Oder: Es stehe eine These im Raum, dass der spätere Täter trotz klarer Ermittlungsergebnisse nicht abgeschoben worden sei, um über ihn an weitere Informationen zu kommen - womöglich vorgeschlagen von US-Geheimdiensten, die vielleicht so einen Zugang zum libyschen IS-Netzwerk gesucht hätten.

Die über den Tod hinausgehenden Umfeldermittlungen sollen nach Strassers Vorstellung auch beleuchten, ob aus den zahlreichen Pannen rund um die NSU-Ermittlungen Lehren gezogen wurden.

Dass der Mann mit Wohnort im oberschwäbischen Berg nun das wichtigste FDP-Rädchen im Untersuchungsausschuss dreht: "Das Leben schreibt manchmal Wege, die man so nicht plant", befindet er. Denn fast hätte er seit 2016 im Stuttgarter Landtag gesessen. Erst habe er damals "eigentlich nicht mit einer realistischen Chance gerechnet", sich dann aber "schon einige Tage mit dem Ergebnis gehadert", als er gerade mal um 32 Stimmen den Einzug in den Landtag verpasste.

Wobei der Sohn aus einer Unternehmerfamilie sowieso "weniger aus Karriereüberlegungen" in der FDP aktiv geworden sei, wie er versichert. Wer in Oberschwaben auf eine politische Laufbahn schiele, der müsse sich eher mit der CDU verbandeln, habe ihm auch seine Mutter nahegelegt. Er indes wurde nach eigener Darstellung "über eine Bundestagswahl politisiert". Damals noch ohne Parteienpräferenz, habe ihn die "Grundhaltung der Freien Demokraten überzeugt, Eigenverantwortung und Verantwortung für andere zu übernehmen". Beim Thema Bürgerrechte sei er sofort auf FDP-Linie gewesen: "Was darf der Staat? Was geht den Staat nichts an?"

Solche Sätze sprudeln aus ihm heraus - Polit-Profi, der er längst ist. Mit 19 trat er in die FDP ein, mit 26 wurde Mitglied des Landesvorstands. Zeit für die Musik bleibt ihm immer weniger: "Die Geige liegt bei mir zuhause und wird mittlerweile viel zu selten gespielt." Zu Studentenzeiten machte er noch im Uni-Orchester mit.

Aber als "Blutreiter", wie sie sich nennen, wird er immer noch einmal im Jahr aktiv - am nächsten Freitag nach Christi-Himmelfahrt inzwischen das 25. Mal. Dann wird in seiner Heimat die Heilig-Blut-Reliquie durch Weingarten getragen: "Dem Glauben nach ist es Blut Jesu Christi vermischt mit Erde von Golgatha", sagt Benjamin Strasser.. Verbunden damit ist die wohl größte Reiterprozession Europas: "Ich komme aus einer Reiterfamilie. Und seit der Erstkommunion bin ich dabei."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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