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KRIM
Thomas Franke
»So gute Straßen hat es hier nie gegeben«

Vier Jahre nach der Annexion durch Russland haben viele Ukrainer die Halbinsel verlassen, Dutzende Krimtataren sind in Haft. Zum russischen Festland führt bald eine Brücke

"Wir passen auf, dass die Blockade der Krim eingehalten wird", sagt Evelina Arifova. Früher war sie Chorleiterin und Webdesignerin. Jetzt trägt sie eine schwarze Uniform mit dem blau-gelben Abzeichen der Ukraine auf der Schulter und lebt in einem Militärcamp an der Straße auf die Krim. Die 33-Jährige dient als Freiwillige im krimtatarischen Bataillon "Asker". Sie sitzt in einem Unterstand, trinkt Tee aus einem Plastikbecher. An der Wand steht "Fuck Rascha". Bis zur Grenze auf die Krim sind es etwa zwei Kilometer. Arifova war dabei, als krimtatarische Aktivisten 2015 die Stromleitung vom ukrainischen Festland auf die Krim kappten. "Das war an meinem Geburtstag. Es war mein schönstes Geschenk." Die Tataren blockierten damals auch die Straße und zwangen LKW mit Lebensmitteln, wieder umzudrehen. Sie erreichten, dass die Regierung der Ukraine schließlich offiziell die Ausfuhr von Lebensmitteln auf die Krim verbot. "Je mehr Druck wir auf Russland ausüben, umso schneller werden die Russen aufgeben", glaubt Arifova. Sie selbst stammt aus Simferopol, ihre Familie lebt noch dort. "Die Russen wissen, dass sie im Unrecht sind. Die Krim gehört zur Ukraine."

Die Grenze zur Krim vermittelt einen anderen Eindruck. Auf beiden Seiten Wachposten, Stacheldraht, Schützengräben, Betonblöcke auf der Straße, Minen am Straßenrand. ontainer, Kontrollhäuschen. Fußgänger stehen Schlange hinter Maschendraht. Völkerrechtlich ist das hier keine Grenze, der Übertritt ist dementsprechend kompliziert. Ausländer benötigen eine Sondergenehmigung der Regierung in Kiew. Wer ohne dieses Papier über Russland auf die Krim reist, mit der Fähre oder mit dem Flugzeug, macht sich in der Ukraine strafbar. Die ukrainischen Grenzer prüfen das Papier aus Kiew ausführlich. Und obwohl die Ukraine die Grenze nicht anerkennt, drückt der Beamte einen Ausreisestempel in meinen Pass - allerdings, sehr unüblich, einen zweifarbigen mit dem kleinen Zusatz "T.O.", "temporarily occupied", vorübergehend besetzt. Der Stempel solle das Reiseprozedere vereinfachen, heißt es von den Regierungsbehörden. Er dokumentiere, dass die Reise auf legalem Wege erfolge.

Der russische Beamte durchleuchtet jede Seite meines Passes mehrfach. Dann muss ich zum Verhör in einen Container. "Was wollen Sie auf der Krim? Berichten Sie objektiv oder verzerren die Redakteure die Informationen, so wie die Ukrainer das machen? Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Haben Sie Freunde in Moskau? Wie heißen die?" Mehr als vier Stunden dauern die Kontrollen insgesamt.

Die Landschaft auf weiten Teilen der Krim ist weit und flach, öde und trocken. Es fehlt das Wasser aus der Ukraine. Weit weg wummern Geschütze - Manöver. Im Zentrum der Hauptstadt Simferopol glänzt die goldene Kuppel der frisch renovierten russisch-orthodoxen Kathedrale. "Renoviert mit Mitteln aus dem Fonds des russischen Präsidenten, W.W. Putin", steht auf einem Schild. Der Name ist doppelt so groß geschrieben wie der Rest des Textes. Putin hat hier bei der Präsidentschaftswahl angeblich mehr als 90 Prozent der Stimmen erhalten. Neben der Kirche steht ein neues Denkmal, ein Soldat in Kampfmontur, neben ihm ein Mädchen mit Blumenstrauß. Auf einer Tafel heißt es: "Den 'höflichen Menschen' von den dankbaren Bewohnern der Krim". Es ist den russischen Soldaten gewidmet, die im Februar 2014 ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim auftauchten und die ukrainischen Sicherheitskräfte entwaffneten. Gefragt, ob das russische Soldaten seien, antwortete Putin damals, es handle sich um "höfliche Menschen".

Zu den Bewohnern, die das russische Vorgehen kritisierten, waren die Bewaffneten allerdings alles andere als höflich, bis heute gehen die russischen Behörden brutal gegen Andersdenkende vor. Insbesondere gegen die Krimtataren. Ende September 2017 hat der Hochkommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen schwere Menschenrechtsverletzungen auf der Krim angeprangert. Er kritisiert "willkürliche Verhaftungen und Inhaftierungen, Verschwindenlassen, Misshandlungen und Folterungen und mindestens eine außergerichtliche Hinrichtung". Die Repressionen richten sich zwar nicht nur gegen Krimtataren, aus ihren Reihen stammen aber diejenigen, die am lautesten gegen die russische Herrschaft aufbegehren. Die Selbstverwaltung der Krimtataren, der Medschlis, wurde als extremistisch eingestuft und verboten. Dutzende Krimtataren sind in Haft. Viele Ukrainer haben die Krim verlassen, ihre Kultur verschwindet. Wer die Zugehörigkeit der Krim zu Russland in Frage stellt, macht sich des Separatismus schuldig.

Dementsprechend hört man auf der Krim auch vier Jahre nach der Annexion vor allem Zustimmung zu der "Wiedervereinigung" mit Russland, wie es hier heißt, und es entsteht der Eindruck, dass die meisten Bewohner aufrichtig froh sind, nicht mehr zur Ukraine zu gehören - obwohl die Touristenzahlen zurückgegangen und die Lebensmittelpreise gestiegen sind. Hoffnungen richten sich auf die Brücke, die Russland über die Meerenge von Kertsch im Osten der Krim baut, um die Halbinsel besser versorgen zu können. Im Mai 2018, noch vor Beginn der Urlaubssaison, soll sie für den Autoverkehr freigegeben werden. Der Bau der Autobahn vom Fährhafen in die Ferienorte wird länger dauern. Taxifahrer Grigorij hält an, um die unterschiedlichen Schotterschichten und Folien zu betrachten. "So gute Straßen hat es hier nie gegeben", freut er sich. "Hier gibt es eine Perspektive, die Leute sind irgendwie froh." Gern würde er mal wieder seine Verwandten in der Ukraine besuchen. "Nun gut, die Grenze zur Ukraine ist zu. Aber ich sage immer: Wer ums Gestern weint, ist schon ertrunken."

Der Autor ist freier Osteuropa-Korrespondent mit Schwerpunkt Russland und ehemalige Sowjetrepubliken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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