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Ortstermin: Im Garten des Kanzleramtes
Winfried Dolderer
Der verknotete Revolver

Zur Einweihung gab sich ein Literatur-Nobelpreisträger im Kanzleramt die Ehre. Dichter Günter Grass war der Partei des damaligen Hausherrn, der SPD, aus manchen Gründen gram. Doch Kanzler Gerhard Schröder bewunderte er für dessen redlichen, wenn auch letztlich vergeblichen Versuch, den Feldzug der USA gegen Saddam Hussein zu verhindern. "Mit dem Nein zum Irak-Krieg hat die deutsche Regierung den Knoten im Lauf des Revolvers in die Tat umgesetzt", sagte Grass vor 200 Gästen.

Der Knoten im Lauf - mittlerweile zählt das Bild zum festen Bestand globaler Ikonen. Das berühmteste Exemplar der einen Meter hohen, zwei Meter langen Skulptur in Form einer überdimensionalen Schusswaffe steht seit 1988 vor dem Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York. Kopien indes finden sich heute in weltweit rund 30 Städten, in Curitiba, Göteborg, Johannesburg, Lausanne, Liverpool, Miami, Paris - und seit der feierlichen Enthüllung am 25. August 2005 auch in Berlin.

Ein Kunstwerk zum Anfassen ist es hier nicht, jedenfalls nicht für Normalsterbliche, denn es steht in einem umfriedeten Bezirk, dem rückwärtigen, westlich der Spree gelegenen Teil des Kanzlergartens, der nur einmal im Jahr, am "Tag der offenen Tür", für Publikum zugänglich ist. Doch das Werk ist dem Ufer nahe genug, den verknoteten Lauf übers Wasser gerichtet, dass Spaziergänger auf der Flusspromenade es sehen können.

Der Schöpfer, der schwedische Bildhauer und Maler Carl Fredrik Reuterswärd, ist im Jahr 2016 81-jährig in Landskrona verstorben. Reuterswärd war mit etlichen Prominenten der Kulturwelt seiner Zeit befreundet, unter ihnen der existentialistische Philosoph Jean Paul Sartre, die Maler Francis Bacon und Salvador Dalí und der Ex-Beatle John Lennon. Dessen Ermordung im Dezember 1980 habe ihn, wie Reuterswärd selbst später erzählte, zu der Skulptur des verknoteten Revolvers unter dem Titel "Non Violence" inspiriert. Der Künstler schuf drei Originale, die in der Gestaltung des Knotens jeweils leicht voneinander abweichen. Zwei davon kaufte vor 30 Jahren das Großherzogtum Luxemburg und schenkte eines den Vereinten Nationen.

Dass Reuterswärd mit Schröder zusammenkam, hatte mit dessen Heimatstadt Hannover zu tun, genauer gesagt, mit dem dortigen Sprengel-Museum. Dort war der schwedischen Künstler seit 1986 ein gern gesehener Gast. Damals richtete das Museum die erste große Reuterswärd-Retrospektive aus, später noch zwei weitere Ausstellungen in den Jahren 1993 und 2008. Dank einer Schenkung des Künstlers verfügt das Haus seit 2013 über die bedeutendste Kollektion von Werken Reuterswärds.

Es fügte sich, dass die feierliche Enthüllung 2005 mitten in den namentlich vom Kanzler mit großer Leidenschaft ausgefochtenen Bundestagswahlkampf fiel. "Für wie blöd hält die Bundesregierung die Wähler, mit trivialpazifistischer Symbolik unter dem Deckmantel der Kunst auf Stimmenfang zu gehen?", wetterte Steffen Kampeter (CDU). Politischer Widerspruch konnte sich auch später an der Skulptur entzünden. So stellten im Februar 2013 Friedensaktivisten einen überdimensionalen Revolver mit intaktem Lauf vor dem Kanzleramt auf, um gegen deutsche Waffenexporte zu protestieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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