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GESCHICHTE
Alexander Weinlein
Der unvollendete Siegeszug

Seit dem biblischen Brudermord strebt die Menschheit nach einem dauerhaften Frieden - bislang vergeblich

Im Jahr 321 v. Chr. gelingt es dem italischen Volk der Samniten, ein römisches Heer bei den Kaudinischen Pässen in einen Hinterhalt zu locken und einzukesseln. Unsicher, wie er den militärischen Coup optimal nutzen soll, sendet der samnitische Feldherr Gaius Pontius einen Boten zu seinem Vater Herennius mit der Bitte um einen Ratschlag. Dieser lässt seinem Sohn ausrichten, er solle die Römer unversehrt abziehen lassen. Doch dies erscheint dem Feldherr zu großmütig. Erneut schickt er einen Boten zu seinem Vater mit der Bitte um eine Alternative. Diesmal rät Herennius, alle Römer zu töten. Verunsichert lässt Gaius Pontius daraufhin seinen Vater in sein Heerlager bringen und verlangt eine Erklärung für die völlig konträren Vorschläge. Dieser setzt seinem Sohn auseinander, dass es am besten wäre, mit dem großen und mächtigen Volk der Römer einen dauerhaften Frieden zu schließen. Dies ließe sich durch einen Akt der Großmut bewerkstelligen. Die zweite Option bestehe darin, die Römer so nachhaltig zu schwächen, dass sie sich von diesem Schlag sehr lange nicht mehr erholen. Eine dritte Möglichkeit gebe es nicht. Gaius Pontius zeigt sich von den Argumenten seines Vaters nicht überzeugt und fragt, ob es nicht möglich sei, die Römer zu einem für die Samniten vorteilhaften Frieden zu zwingen. Herennius entgegnet ihm, dass dies weder der Weg sei, Freunde zu gewinnen, noch Feinde zu beseitigen. Und er warnt seinen Sohn nachdrücklich: "Ein für die Römer schmachvoller Friedensschluss wird sie nicht ruhen lassen, bis sie sich dafür gerächt haben!"

Gaius Pontius missachtet die Ratschläge und die Warnung seines Vaters, diktiert den eingekesselten Römern seine Bedingungen für einen Frieden und zwingt ihr Heer unter das sprichwörtlich gewordene Kaudinische Joch: Jeder römische Legionär muss als Zeichen seiner Niederlage unbewaffnet in gebückter Haltung unter einem Spalier aus gekreuzten Speeren hindurchlaufen.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Wie von Herennius vorhergesagt, sinnen die Römer auf Rache. Der römische Senat akzeptiert den ausgehandelten Frieden nicht, die kriegerischen Auseinandersetzungen ziehen sich über weitere Jahrzehnte hin und am Ende sind die Samniten die Besiegten.

Überliefert sind die geschilderten Ereignisse durch den römischen Geschichtsschreiber Titus Livius, der diese rund 300 Jahre später zu Zeiten Kaisers Augustus aufzeichnet. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass der Dialog zwischen dem weisen Herennius und seinem uneinsichtigen Sohn in dieser Form wirklich stattgefunden hat. Aber die Geschichte zeigt, dass die Frage nach dauerhaften Friedenslösungen bereits in der Antike aktuell war. Und den modernen Leser erinnern die Ratschläge des Herennius frappierend an die widerstreitenden Vorstellungen des US-Präsidenten Woodrow Wilson über einem Verständigungsfrieden mit dem geschlagenen Deutschen Reich bei Ende des Ersten Weltkriegs im Gegensatz zur Überzeugung des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, der Deutschland dauerhaft geschwächt sehen wollte.

Begreift man den biblischen Brudermord von Kain an Abel als Gleichnis, so scheint der Menschheit das Übel des Krieges in die Wiege gelegt - ebenso wie das Bedürfnis, dieses zu überwinden und "Schwerter zu Pflugscharen" zu schmieden. Immerhin stammt der älteste und schriftlich fixierte Friedensvertrag aus biblischen Zeiten. Der ägyptische-hethitische Friedensvertrag, geschlossen zwischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Hattusili III. um das Jahr 1259 v. Chr., weist nicht nur Züge völkerrechtlicher Friedensverträge der Neuzeit auf, sondern verhieß neben der Beendigung eines Krieges auch dessen Vermeidung in der Zukunft. Der in ägyptischen Hieroglyphen und in akkadischer Keilschrift abgefasste Vertrag beinhaltet neben Regelungen über die Amnestie und Auslieferung von Kriegsgefangenen und Flüchtlingen auch einen Nichtangriffspakt und einen Beistandpakt gegen gemeinsame Feinde. Eine Kopie des Vertrages hängt heute quasi als stetige Mahnung im UNO-Hauptquartier in New York.

Allgemeiner Frieden Weitergehende Vorstellungen über einen dauerhaften Frieden entwickelten sich im vierten vorchristlichen Jahrhundert in den griechischen Stadtstaaten, die sich - allen voran Theben, Athen und Sparta - seit dem Ende der Perserkriege untereinander in einer Art permanenten Kriegszustand um die Hegemonie befanden. Nach dieser annähernd hundertjährigen Phase wurde der Begriff des "Allgemeinen Friedens" geprägt. Belegt ist dieser Begriff erstmals 391 v. Chr. in einer Rede des athenischen Politikers Andokides an seine Mitbürger, in der er für die Annahme eines Friedens zur Beendigung des Korinthischen Krieges warb. Nach der zweiten Schlacht von Mantineia 362 v. Chr. taucht der Begriff "Allgemeiner Frieden" dann erstmals in einem Vertrag zwischen den kriegsführenden Parteien auf.

Waren bis zu diesem Zeitpunkt Friedensverträge meist nur bessere Waffenstillstandsabkommen zwischen zwei Stadtstaaten, die obendrein eine festgelegte Gültigkeitsdauer hatten, wurde der Allgemeine Friede zunehmend an bestimmte Bedingungen geknüpft. So sollten Friedensverträge nicht länger nur bilateral abgeschlossen werden, sondern für alle am Krieg beteiligten griechischen Stadtstaaten gelten. Zudem musste die Autonomie und die völkerrechtliche Gleichheit der Stadtstaaten anerkannt werden. Und schließlich sollten die Verträge nicht länger zeitlich begrenzt werden.

Diese Prinzipien setzten sich in allen Friedens- und Bündnisverträgen dieser Zeit durch - auch wenn sie letztlich nicht den erwünschten Erfolg brachten. Es sollte immerhin rund 2.000 Jahre dauern, bis die Prinzipien des Allgemeinen Friedens der griechischen Antike in Europa erneut entdeckt wurden und Eingang fanden in den Westfälischen Frieden von 1648.

Pax Romana Als eine der längsten friedlichen Perioden in der europäischen Geschichte gilt die annähernd 200-jährige Zeitspanne, die 27 v. Chr. mit der Herrschaft des römischen Kaisers Augustus beginnt und mit dem Tod von Kaiser Marc Aurel (180 n.Chr.) endet und als Römischer Frieden (Pax Romana) in die Geschichtsbücher einging. Dieser Frieden galt jedoch in erster Linie für die Bürger des Römischen Reichs und dessen Schutz vor äußeren Feinden, die die Reichsgrenzen bedrohten. Eine prinzipiell friedfertige Grundeinstellung war den Römern, die für sich in Anspruch nahmen, stets nur einen "gerechten Krieg" (bellum iustum) zu führen, ebenso fremd wie der Gedanke, die Autonomie und Souveränität anderer Völkern und Staaten anzuerkennen.

Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit zum Ende des vierten Jahrhunderts spielte die Idee einer dauerhaften Friedensordnungen vorerst keine Rolle mehr. Gleichzeitig war aber mit der Verbreitung des Christentums eine Religion auf den Plan getreten, für die das Friedensgebot einen zentralen Bestandteil bildet.

Gottes- und Landfrieden Im frühen Mittelalter ist es dann auch die Kirche, die erste ernsthafte Schritte unternimmt, der Geißel des Krieges Einhalt zu gebieten. Ausgehend von der Auvergne in Frankreich breitet sich die Idee des sogenannten "Gottesfrieden" (pax dei) aus, der die ständigen Fehden des Adels eindämmen sollte. Der Kirche ging es dabei jedoch nicht nur um die Durchsetzung des christlichen Friedensgebotes, sondern auch um den Schutz kirchlicher Güter, die in den unzähligen Kleinkriegen litten. Immerhin sah der Gottesfrieden, ausgehandelt zwischen den jeweiligen Bischöfen und weltlichen Herrschern und durch Eide bekräftigt, den Schutz wehrloser Menschen wie Geistliche, Bauern, Frauen und Kinder sowie von Kirchengebäuden und Friedhöfe und Viehbeständen und Ernten vor. Bei Verstößen drohte die Exkommunikation. Später wurde dies durch das Prinzip der "Waffenruhe Gottes" (treuga dei) ergänzt, die die Kriegsführung an bestimmten Wochentagen oder zu Festzeiten im Kirchenjahr verbot.

In Deutschland entwickelte sich aus dem Gottesfrieden der Landfrieden, der auf ähnlichen Regeln beruhte und die Regelung von Streitigkeiten durch eigene Gerichte vorsah. Verkündet wurde er jetzt aber von weltlichen Herrschern wie Königen und Fürsten.und Königen.

Die Renaissance und der Humanismus verhelfen schließlich im 15. und 16. Jahrhundert jenen Ideen in Europa zum Durchbruch, die grundlegend sind für das moderne Völkerrecht. Vertreter der Naturrechtslehre wie der Spanier Francisco de Vitoria und der Holländer Hugo Grotius entwickeln Ideen, welches Recht in Friedens- und Kriegszeiten zwischen souveränen Völkern gelten soll und wie dadurch auch Kriegsexzesse zumindest gemindert werden können. Grotius war dabei beeinflusst von den Gräueltaten und Verwüstungen des 30-jährigen Krieges, den er als schwedischer Botschafter in Frankreich auch aus der Sicht des Diplomaten erlebte.

Den Krieg ächten Den revolutionärsten Ansatz in der Ideengeschichte zum Erreichen einer dauerhaften Friedensordnung legt schließlich der deutsche Philosoph Imanuel Kant 1795 mit seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" vor. Anders als Vitoria, Grotius und andere Denker vor ihm, will Kant die Kriegsführung nicht nur einem völkerrechtlich bindenden Regelwerk unterwerfen, sondern den Krieg als Mittel der Politik insgesamt ächten. Für Kant ist Frieden kein natürlicher Zustand zwischen den Menschen, er muss gestiftet werden. Deshalb präsentiert er nicht nur Bedingungen zur Beendigung von Kriegen, sondern für einen dauerhaften, einen ewigen Frieden. Dazu müssen in der Vorstellung Kants aus der Vernunft abgeleitete Maximen gelten. Für den formalen Aufbau seiner Schrift wählt Kant die damals gültige Form von Friedensverträgen, in denen auf eine Präambel Präliminarartikel und Definitivartikel folgen.

Friedensverträge dürfen nach Kant nicht mit dem geheimen Vorsatz geschlossen werden, bereits den nächsten zu planen. Kein Staat darf einen anderen durch Erbe, Tausch, Kauf oder Schenkung erwerben. Die stehenden Heere müssen langfristig aufgelöst werden und der Staat darf sich nicht verschulden zum Zweck der Aufrüstung. Kein Staat darf sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen einmischen. Kriegsführende Staaten dürfen keine Meuchelmörder oder Giftmischer einsetzen oder zum Verrat anstiften, um einen künftigen Friedensschluss nicht unnötig zu erschweren. Darüber hinaus plädiert Kant für eine republikanische Verfassung in allen Staaten, einen Föderalismus freier Staaten und ein Besuchsrecht für alle Menschen in allen Staaten.

Die von Kant formulierten Maximen waren weitsichtig: Seine Idee eines Völkerbundes wurde erstmals nach dem Ersten Weltkrieg realisiert und nach dem Zweiten Weltkrieg in Form der Vereinten Nationen wiederbelebt. Sein Plädoyer für die republikanische Staatsform war eine Vorwegnahme der These, Demokratien würden keine oder zumindest weniger Kriege gegeneinander führen. Sein Verbot für den Einsatz von Giftmischern und Meuchelmördern lässt sich problemlos übertragen auf die Aktivitäten von Geheimdiensten und Terroristen sowie auf Hackerangriffe auf die digitale Infrastruktur ganzer Staaten. Sein Besuchsrecht für alle Menschen in allen Staaten lässt sich erkennen in Jugendaustauschprogrammen im Sinne der Völkerverständigung.

Doch so aktuell die Kant'schen Maximen auch sind - den Siegeszug der griechischen Friedensgöttin Eirene, wie er auf der Attika des Brandenburger Tors unterhalb der Quadriga verewigt ist, konnten auch sie bis heute nicht verwirklichen. Oder besser gesagt, sie werden bis heute nicht konsequent umgesetzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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