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1945
Thomas Freiberger
Krieg gewonnen, Frieden verspielt

Die Planungen der Siegermächte für eine neue Weltordnung nach den Zweiten Weltkrieg waren teils vage, teils widersprüchlich. Am Ende mündeten sie in den Kalten Krieg

Als das Ende des Zweiten Weltkriegs nahte, war die alte europäische Staatenordnung endgültig zerstört, und auf ihren Trümmern mussten die künftigen Siegermächte Großbritannien, USA und UdSSR eine neue Weltordnung errichten. Dabei verhandelten indes drei weltanschaulich und diplomatisch verschiedene Kulturen, die nur die Feindschaft zu Deutschland einte. Diese Unterschiede spiegelten sich auch in den Persönlichkeiten der "Großen Drei" - Roosevelt, Stalin und Churchill -, wodurch die Nachkriegsplanungen zum Akt ideologisch gefärbter Improvisation inmitten des noch tobenden Krieges wurden.

Dennoch lassen sich zwei prägende Handlungsmotive erkennen: Die Furcht vor einem weiteren Krieg und die gestalterischen Möglichkeiten, die das zusammengebrochene Staatensystem bot. Die Siegermächte konzentrierten sich schließlich auf zwei neuralgische Punkte: Deutschland und Polen. Da der Krieg seit 1943 unter der alliierten Maßgabe der "bedingungslosen Kapitulation" Deutschlands geführt wurde, war zu fragen, wie man mit der Kernregion Europas verfahren würde. Daneben war die Besetzung Osteuropas durch die UdSSR absehbar. Somit stellte sich die Frage, was aus Londons Verbündeten Polen würde.

Keine der drei Siegermächte hatte einen Masterplan für die Nachkriegsordnung. Die Vorstellungen des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt basierten auf einem System kollektiver Sicherheit, das durch die USA, UdSSR, Großbritannien und China als "Weltpolizisten" garantiert werden sollte. Er hoffte, durch die Anerkennung sowjetischer Sicherheitsbedürfnisse eine Nachkriegskooperation zu US-Bedingungen zu erreichen; an Polen war er weitgehend desinteressiert. Deutschlandpolitisch unterstützte er 1944 zunächst den "Morgenthau-Plan" zur Umwandlung Deutschlands in einen schwachen Agrarstaat, verwarf diesen Plan dann aber, um nicht den Wiederaufbau der gesamten europäischen Wirtschaft zu gefährden. Nach seinem Tod am 12. April 1945 konzentrierte sich sein Nachfolger Harry Truman zunächst auf die weitere Zusammenarbeit mit Moskau.

Der dortige Staatschef Josef Stalin strebte die weltweite Verbreitung des Kommunismus an, die er nur mittels der Roten Armee für möglich hielt. Der Krieg sollte mit der Wiedererrichtung der sowjetischen Grenze von 1941 enden, inklusive der im Hitler-Stalin-Pakt gewonnenen Gebiete. Zudem erstrebte er in Osteuropa eine sowjetisch dominierte Sicherheitszone. Die größte Gefahr sah er in einem wiedererstarkenden Deutschland, dessen Kontrolle und die des vorgelagerten Pufferstaates Polen zum Kern seiner Nachkriegspolitik wurden.

Der britische Premier Winston Churchill wollte eine weltpolitische Dominanz der USA und UdSSR verhindern und Londons Weltmachtstatus erhalten. Während des Krieges entwickelte er ein vages Konzept der "Vereinigten Staaten von Europa", angeführt von Großbritannien, das eine Mittlerrolle zwischen Washington und Moskau übernehmen sollte. Sein Europakonzept, das auch eine Teilung Deutschlands zwischen Preußen und einem Zusammenschluss der süddeutschen Staaten plus Österreich vorsah, stieß indes bei Roosevelt und Stalin auf Ablehnung. Bereits 1943 hatte Churchill vor einer drastischen Schwächung Deutschlands gewarnt, die nicht britischer Gleichgewichtspolitik entsprach; Polen sah er dagegen primär als Faustpfand gegenüber Stalin.

Bereits im Oktober 1944 hatten Churchill und Stalin während der "Tolstoy-Gespräche" in Moskau ihre Einflusszonen in Südosteuropa festgelegt; die wesentlichen deutschlandpolitischen Beschlüsse, vor allem die Aufteilung in Besatzungszonen, wurden auf den Konferenzen von Jalta (4.2. bis 12.2.1945) und Potsdam (17.7. bis 2.8.1945) gefasst. Wichtiger für das Scheitern einer gemeinsamen Nachkriegsordnung war indes der Umgang mit der "polnischen Frage" auf der Konferenz von Jalta. Diese wurde lange als Showdown zwischen Stalins Sowjetunion und dem transatlantischen Westen gedeutet. Tatsächlich verliefen die Konfliktlinien zwischen den Realpolitikern Stalin und Churchill einerseits und dem plötzlich stark idealistisch argumentierenden Roosevelt auf der anderen Seite. Um dem US-Wähler vorzeigbare Ergebnisse bieten zu können, erkaufte Roosevelt Stalins Zusage zu den Vereinten Nationen mit der Preisgabe Polens. Diesen Kuhhandel kaschierten die USA mit der idealistisch gefärbten "Declaration on liberated Europe", die das Recht der Völker auf eigene Wahl ihrer Regierungsform betonte und nach Jalta vom Westen rhetorisch ausgeschlachtet wurde.

Diese Deutung der Ergebnisse von Jalta formte die moralische Lesart des Ost-West-Konflikts. Roosevelt hatte in der US-Öffentlichkeit Erwartungen geweckt, die nur enttäuscht werden konnten, und Stalin unterschätzte die Sprengkraft, die diese Lesart des Abkommens von Jalta entfalten sollte; er setzte Sicherheit mit der Herrschaft über die eroberten Gebiete gleich. Somit prallten völlig gegensätzliche diplomatische Kulturen aufeinander. Als Stalin 1945/46 Krisen um den Iran, die Türkei und Griechenland heraufbeschwor und die bei den "Tolstoy-Gesprächen" mit Churchill festgelegte Ordnung torpedierte, sprangen die USA den Briten zur Seite. Wie 1914 schlug ein Krisenherd an der Peripherie auf das Zentrum Europas zurück. Aus Alliierten wurden Feinde und Deutschland zur Bruchlinie des heraufziehenden Kalten Krieges.

Der Autor ist Historiker und schreibt derzeit an einem Werk zum Kalten Krieg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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