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Kolumbien
Eva Bräth
Worte statt Waffen

Das Frauenkollektiv »Erzählen, um zu leben« kämpft für Gerechtigkeit nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg

Einen Alltag ohne Bedrohungen, Vertreibungen und Gewalt - davon träumt die Kolumbianerin Mayerlis Angarita Robles, seit sie ein Kind ist. Erlebt hat sie den Frieden nie. Als sie 1980 im nordkolumbianischen San Juan Nepomuceno zur Welt kommt, tobt der Bürgerkrieg zwischen Guerilla und Staat schon seit fast zwei Jahrzehnten. Drogenkartelle und von Großgrundbesitzern finanzierte Paramilitärs verschärfen die Gewaltspirale. Die Region Montes de María, wo Mayerlis Angarita aufwächst, ist stark betroffen. Sie liegt auf der "Route des Terrors", auf der die paramilitärischen Autodefensas de Colombia (AUC) zwischen 1997 und 2005 systematisch Massaker begehen.

Schweigen oder fliehen, das seien die Optionen gewesen, als sich die Todesschwadronen durch Städte und Dörfer mordeten, sagt die Menschenrechtsverteidigerin heute. Flucht erfährt Angarita das erste Mal, als sie 13 Jahre alt ist. Paramilitärs haben ihre Mutter verschleppt. Beim Besuch armer Nachbarn gerät die Frau in eine "soziale Säuberungsaktion". Um weiterer Gewalt und Stigmatisierung aus dem Weg zu gehen, verlässt die Familie den Ort. Weil Angarita ebenso wie andere Menschenrechtsverteidiger in Kolumbien bedroht wird, muss sie danach noch mehrmals fliehen. Über das Geschehene schweigen will sie schon lange nicht mehr. Stattdessen setzen sie und die Organisation "Erzählen um zu leben" auf die Kraft des Wortes. Es ist ihr "Werkzeug", um mit der Gewalterfahrung und dem Tod von Angehörigen umzugehen, die Wahrheit aufzudecken, Rechte einzufordern - und damit einer befriedeten Gesellschaft näherzukommen. Die Kraft des Wortes sei im Friedensprozess maßgeblich, ist die Juristin überzeugt. Man müsse sich auf das Wort des anderen verlassen können, damit ein Neuanfang nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg beginnen kann.

Als Angarita die Organisation vor 18 Jahren gründet, befindet sich der Konflikt in der Hochphase. Allein 83 Massaker verübt die AUC im Jahr 2000 in der Karibikregion, wie ein Bericht des Nationalen Zentrums für Erinnerung dokumentiert. In den ersten Jahren müssen die Frauen sich heimlich treffen. In den Hinterhöfen sprechen und hören sie einander zu, auch nach 18 Uhr, wenn die Ausgangssperre gilt. Doch weil sie Frauen sind, werden sie nicht ernst genommen, die Ausrede sie bauten Hühnerställe, wird ihnen abgenommen. "Frauen eben. Die machen nichts", habe es geheißen. Angarita lacht laut auf. "Dabei haben wir durchaus etwas gemacht", sagt sie. "Durch das Wort haben wir uns die Würde zurückgegeben, die sie uns genommen haben. Wir haben geheilt, was sie verletzt haben." Wenn die Frauen das erste Mal von ihren Erfahrungen berichteten, sei das wie eine Katharsis. "Plötzlich kommt alles heraus, was schwer in einem lag", sagt Angarita.

Das Sprechen helfe nicht nur, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, sondern auch die Vergangenheit aufzudecken. "Wir sind keine Opfer, sondern Überlebende des Konflikts", betont Angarita. "Rechtssubjekte, die die Gesellschaft verändern können." Viele der Frauen haben in der mobilen Schule des Kollektivs Lesen und Schreiben gelernt, einige arbeiten in der Bekleidungsfirma und im Viehzuchtbetrieb. Angarita hat Jura studiert. Die nach vierstelligen Nummern benannten Gesetze, die ihre Rechte stärken, zählt sie in atemberaubender Geschwindigkeit auf. Sich in lokale und nationale Politik einzubringen, ist erklärtes Ziel von "Erzählen, um zu leben" - die Aktivistinnen haben an den Friedensverhandlungen von Havanna bei Genderthemen mitgewirkt und beraten in Gesetzgebungsprozessen.

840 Frauen gehören heute dem Netzwerk an. Nicht alle von ihnen haben schon über ihre Erfahrungen geredet. Es gibt keinen Zwang zum Sprechen, aber klare Regeln: Worte verlassen den Raum nur, wenn eine Frau das möchte, um ihre Rechte einzuklagen. "Klar, das geht immer mit einem gewissen Risiko einher", sagt Angarita. Sicherheitsgarantien gebe es nicht, vielleicht werde man bedroht, eingeschüchtert, sogar umgebracht. Die Organisation hat viele Drohungen erhalten, Angarita bekommt vom kolumbianischen Staat Sicherheitspersonal gestellt. Aus Kostengründen würden sie derzeit zwei statt wie früher drei Männer begleiten.

Kein Blatt vor den Mund zu nehmen, ist riskant in Kolumbien. Daran hat sich auch nach dem Friedensabkommen zwischen Regierung und den Farc-Rebellen im November 2016 nichts geändert. Seitdem sind laut der kolumbianischen Nichtregierungsorganisation Indepaz rund 200 Menschenrechtsverteidiger ermordet worden. Sie alle haben sich für den Frieden engagiert, zuerst für das "Si" im Referendum, dann für die Umsetzung der Friedensverträge.

Dass die Befriedung der Gesellschaft noch auf wackeligem Fundament steht, meint auch Angarita. Guerillagruppen und Paramilitärs kämpfen weiterhin um Ressourcen, Bodenschätze und Drogen. Der Verhandlungsprozess mit der zweitgrößten Guerilla ELN steckt in der Krise. Und die Hauptkonfliktursache, die ungleiche Landverteilung, ist alles andere als gelöst. Bei den Präsidentschaftswahlen am 27. Mai könnten die rechten Hardliner um Ex-Präsident Álvaro Uribe, einem dezidierten Gegner des Friedensprozesses, punkten. Sie haben schon bei den Kongresswahlen im März erfolgreich abgeschnitten.

In einem ist sich Angarita sicher: Die Frauenbewegung und die sozialen Organisationen werden sich weiter für eine friedliche Gesellschaft einsetzen. "Echter Frieden muss an der gesellschaftlichen Basis entstehen", ist sie überzeugt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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