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Friedensordnung
Herfried Münkler
Westfalen ist überall

Die Konflikte im Nahen Osten zeigen Ähnlichkeiten zum Dreißigjährigen Krieg

Es gibt eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen dem Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa und den Kriegen im Nahen Osten, nicht nur dem in Syrien, sondern auch denen im Jemen und in Libyen: Auf den ersten Blick sind das die große Anzahl der bewaffneten Gruppierungen, die in wechselnden Koalitionen für- und dann auch wieder gegeneinander kämpfen. Das macht das Kriegsgeschehen ausgesprochen unübersichtlich. Es ist weiterhin das Hereinströmen von außerhalb der Kriegsgebiete beheimateter Kämpfer, die gemeinsam mit dem permanenten Zustrom von Geld und Waffen dafür sorgen, dass der Krieg nicht "ausbrennt". Der Krieg wird also von außen permanent angefüttert.

Und dann ist da noch der Umstand, dass es relativ selten zu größeren Schlachten kommt, in denen die Parteien die Entscheidung suchen, sondern dass der Konflikt in Form eines Belagerungskrieges ausgetragen wird, bei dem eine Seite ihre Stellungen in größeren Städten bezieht und dabei die Zivilbevölkerung als Rückhalt und Schutzschild benutzt, während die andere Seite diese Städte einschließt, sie von der Versorgung abschneidet und Hunger und Krankheit als Waffe einsetzt. Alle drei Elemente - die Unübersichtlichkeit der Fronten, die offene Kriegsökonomie und die Untrennbarkeit von Kombattanten und Nichtkombattanten - lassen sich auch im Dreißigjährigen Krieg beobachten.

Das sind freilich nur Ähnlichkeiten auf den ersten Blick. Sie spielen im Hinblick auf die Beendigung des Krieges in Syrien eine Rolle, aber vermutlich nur eine nachgeordnete, weil sie mehr die Austragung des Krieges als dessen Ursachen betreffen. Sie sind zurzeit vor allem ein Problem der von außen intervenierenden Mächte: Wer ist, so eine der für sie relevanten Fragen, ein starker und zuverlässiger Bündnispartner, den es sich zu unterstützen lohnt? Was kann man sich von ihm in Zukunft bei der Neuordnung des Raumes versprechen? Und wie viel eigene Ressourcen - und Glaubwürdigkeit - will man für dieses machtpolitische Ziel einsetzen? Das sind Fragen, die sich nach 1618 auch für die spanische und holländische Politik stellten, später ebenso für Christian von Dänemark und Gustav Adolf von Schweden, vor allem aber für Kardinal Richelieu, der nicht auf katholischer Seite, sondern zur Unterstützung der antihabsburgischen Mächte in den Krieg eingriff.

Negatives Ziel Diese Fragen stellen sich jetzt ebenso für Russland wie die USA und letzten Endes auch für die Europäer. Die Russen sind dabei durch die Koalition mit dem Assad-Regime im Vorteil, während "der Westen" mit der Zerschlagung des sogenannten Islamischen Staates nur ein negatives Ziel hatte. Eine zeitweilig für den Kriegsverlauf überaus relevante Partei sollte ausgeschaltet werden. Diese Beschränkung aufs Negative hat sich inzwischen als strategisches Manko erwiesen, weil sie de facto auf die Stärkung des Assad-Regimes hinausgelaufen ist. Die Thematisierung dieses Krieges als "humanitäre Katastrophe", wie sie in Deutschland zumal verbreitet ist, verdeckt augenblicklich noch, dass das westliche Agieren in Syrien auf ein strategisches Desaster hinausläuft.

Das ist eine weitere, dem ersten Blick nicht so leicht zugängliche Analogie zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den Kriegen im Nahen Osten: dass beide immer auch Konflikte zwischen Wertbindungen und geostrategischen Interessen sind bzw. waren und es dabei unmöglich ist, beide Perspektiven in ein und derselben Rechnung unterzubringen. Im Dreißigjährigen Krieg mussten sich die Interventionsmächte entscheiden, ob für sie die Trennlinie Katholizismus/Protestantismus ausschlaggebend war und sie aus Solidarität mit ihren Glaubensbrüdern in den Krieg eingriffen oder ob ihre langfristigen machtpolitischen Interessen für sie wichtiger waren. Auch im Falle Syriens geht es um die Frage, ob man nach den Vorgaben einer demokratisch-rechtsstaatlichen Ausrichtung nach Verbündeten Ausschau hält oder nach denen der Einflussnahme auf die geostrategischen Konstellationen des Raumes. Im Westfälischen Frieden haben sich zuletzt die geopolitischen Interessen durchgesetzt, während die Wertbindungen in einem Remis stillgestellt wurden. Im Augenblick spricht vieles dafür, dass das in Syrien bzw. im Nahen Osten nicht anders sein wird.

Es gibt indes noch eine strukturelle Analogie zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den Kriegen im Nahen Osten, und die dürfte im Hinblick auf eine angestrebte Kriegsbeendigung ausschlaggebend sein. Es ist dies die Überlagerung von vier Kriegstypen, deren Gleichzeitigkeit dem Krieg in beiden Fällen Intensität wie lange Dauer verleihen: der Dreißigjährige Krieg begann als Verfassungskonflikt zwischen den böhmischen Ständen, die Ihre politischen Mitspracherechte verteidigten, und dem an einer straffen Herrschaftsausübung interessierten König Ferdinand. Dieser Streit gipfelte im Prager Fenstersturz. Der Krieg in Syrien begann mit dem, was man hier mit einiger Naivität "arabischen Frühling" genannt hat: dem Konflikt um die Frage, ob die politische Macht bei einer Familie und ihrem Anhang oder aber bei den relevanten Akteuren der Gesellschaft liegen solle. Der Konfliktverlauf in Syrien kann in Analogie zu dem in Böhmen zwischen 1618 und 1620 gesehen werden.

Der Konflikt um die Machtlagerung wurde in Böhmen freilich von Anfang an von religiös-konfessionellen Konfliktlinien überlagert, die seit der Reformation entstanden waren und zu politischen Lagerbildung geführt hatten. Die konfessionellen Lager waren der Transmissionsriemen, mit dem der böhmische Bürgerkrieg in einen gesamteuropäischen Konfessionskrieg verwandelt wurde. Ganz ähnlich ist das in Syrien, wo die Trennlinie zwischen Sunniten und Schiiten den innergesellschaftlichen Krieg befeuerte und zugleich die internationalen Bündniskonstellationen strukturierte. In beiden Fällen kommt zum Verfassungs- und Konfessionskrieg - drittens - noch der Staatenkrieg hinzu, in dem einzelne Parteien die Gelegenheit nutzen, um Grenzen zu verschieben, die ihnen schon lange ein Dorn im Auge sind. So gelangte die Oberpfalz im Dreißigjährigen Krieg zu Bayern, die beiden Lausitzen zu Sachsen, Pommern zu Schweden und Lothringen zu Frankreich. Wie das im Nahen Osten ausgehen wird, muss man abwarten.

Schließlich war der Dreißigjährige Krieg auch noch ein Hegemonialkrieg, in dem ausgekämpft wurde, wer in Europa wie viel zu sagen hatte. Schweden und Frankreich waren die Gewinner, Spanien und das Wiener Kaiserhaus die Verlierer dieses vierten Kriegstyps. Im Nahen Osten stehen hier der Iran und Saudi-Arabien, die Türkei und Ägypten als Anwärter im Konflikt. Der Rückzug der USA aus ihrer Position als dominierende Macht im Nahen Osten, der Ausfall des Irak als Machtfaktor, die zeitweilige Paralyse Ägyptens - all das hat dazu geführt, dass die Frage nach der Machtlagerung in diesem Raum neu beantwortet werden musste. Syrien bot sich dazu an, diesen Konflikt auf seinem Territorium auszutragen. Im Dreißigjährigen Krieg war Deutschland dieses unglückselige Los zuteilgeworden.

Kein ewiger Frieden Was heißt das alles für einen möglichen Frieden? Der Erfolg der Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück beruhte darauf, dass diese vier Konfliktebenen systematisch voreinander separiert wurden und man darauf achtete, dass die je gefundenen Kompromisse sich nicht wechselseitig blockierten. Das war eine diplomatische Meisterleistung, für die vor allem Graf Trautmannsdorff verantwortlich zeichnete. Immerhin - die Verhandlungen zogen sich über vier Jahre hin und standen mehrfach am Rande des Scheiterns. Und auch nach dem Friedensschluss von 1648 bezweifelten viele, dass dieser Frieden halten werde. Er hat gehalten - nicht als ewiger Friede, aber doch als systematische Trennung von Bürger- und Staatenkrieg und als zukünftige Vermeidung von Konfessionskriegen. Mehr sollte man auch für Syrien und den Nahen Osten nicht erwarten. Es würde die Konfliktlinien übersichtlicher und Kompromissfindung leichter machen. Und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, Kriege zu vermeiden.

Der Autor ist Politikwissenschaftler. Zuletzt erschien von ihm: »Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648" (Rowohlt).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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