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Götz Hausding
Bau auf, bau auf

Ministerin Karliczek will die berufliche Bildung stärken. Opposition bemängelt hohe Abbrecherquote

Die Zahlen im aktuellen Berufsbildungsbericht 2018 (19/1740) bieten für jeden etwas. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und die Koalitionsfraktionen von Union und SPD freuen sich darüber, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge erneut bei über 520.000 liegt und im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen ist. Positiv bewerten sie auch, dass 100 Ausbildungssuchenden knapp 105 Ausbildungsangebote gegenüberstehen. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 572.200 Ausbildungsstellen angeboten - 8.500 mehr als im Vorjahr.

Die Zuwächse sind der Vorlage zufolge allein auf die gestiegene Zahl betrieblicher Ausbildungsangebote zurückzuführen. Diese lag bei 556.300. Betriebe und Unternehmen in Deutschland haben damit 10.100 Ausbildungsplätze mehr angeboten als im Vorjahr.

Ministerin Karliczek betonte während der Debatte am vergangenen Donnerstag, Dank der dualen Berufsausbildung gebe es in Deutschland mit nur sechs Prozent eine geringe Jugendarbeitslosigkeit. "Es gibt nur wenige Länder weltweit, in denen Jugendliche so gute Zukunftschancen haben wie hier in Deutschland", urteilte sie.

Die Opposition stellte andere Zahlen in den Vordergrund. So hätten 24.000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz erhalten - trotz 49.000 offener Stellen. Außerdem breche jeder Vierte seine Ausbildung vorzeitig ab. Die Quote der ausbildenden Unternehmen sei zudem erstmals auf unter 20 Prozent gesunken.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt sei keineswegs so rosig, wie es die Pressemeldungen aus dem Bildungsministerium darstellten, sagte Beate Walter-Rosenheimer (Grüne). Ebenso wie die FDP (19/1835) und die Linksfraktion (19/1830) hat auch ihre Fraktion (19/1795) einen Antrag zur Stärkung der beruflichen Bildung vorgelegt.

Fachkräftemangel Dass in Sachen beruflicher Bildung in Zukunft viel getan werden muss, weiß natürlich auch Bildungsministerin Karliczek. Stichwort Fachkräftemangel: In den vergangenen Jahren sei sehr auf die Hochschulen geschaut worden, "wodurch die berufliche Bildung im Verständnis der jungen Menschen ein wenig ins Hintertreffen geraten ist", räumte die Ministerin ein. Künftig müsse es gelingen, mehr junge Leute für die berufliche Bildung zu begeistern. Aus ihrer Sicht muss deutlich gemacht werden, dass akademische und berufliche Bildungswege gleichwertig sind. Dabei spiele auch die Mindestausbildungsvergütung eine Rolle. "Es gilt, soziale Schieflagen zu adressieren", formulierte es Karliczek etwas kryptisch. Zudem müssten die Ausbildungsordnungen mit Blick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt modernisiert und mehr kleine Betriebe für die Ausbildung gewonnen werden, sagte die Ministerin.

Nach Meinung der AfD-Abgeordneten Nicole Höchst hilft das alles nichts, solange sich am Schulsystem in Deutschland nichts ändert. Deutschland leiste sich eine große Zahl von Abiturienten, die zu einer Vielzahl von Studienabbrechern führe, "weil die Hochschulreife unter dem Strich keine mehr ist". Das derzeitige "ideologiebeseelte" Schulsystem fahre die Bildungsnation Deutschland "laut krachend an die Wand", befand Höchst. Solange der schulische Unterbau nicht stimme, seien die gemachten Vorschläge "vor allem teuer und absehbar unwirksam".

Gleiche Entlohnung Kopfschüttelnd reagierte Rainer Spiering (SPD) auf Höchsts Einlassungen. Diese seien von Unkenntnis über die Berufsbildung geprägt. Spiering forderte mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung, die sich auch in der Entlohnung ausdrücken müsse. "Wenn akademische und berufliche Berufe gleichwertig sein sollen, müssen sie auch in der Entlohnung gleichwertig sein", betonte der SPD-Parlamentarier. Die Berufsbildung, so fügte Spiering an, dürfe nicht ins Zentrum parteilicher Auseinandersetzung geraten, sondern müsse in den Fokus der gemeinsamen Interessen genommen werden. "Der Wirtschaftsstandort Deutschland lebt von der dualen Berufsausbildung", betonte er.

Jens Brandenburg (FDP) sagte, der Trend gehe zum Studium, während immer mehr Ausbildungsplätze unbesetzt blieben. "Das ist der Fachkräftemangel von morgen", warnte Brandenburg. Zugleich verwies er auf die Folgen von Digitalisierung und Internationalisierung, die jeden Beruf veränderten. Den Ablauf: "Schule, dann Lehre und dann ist man ausgelernt bis zur Rente" gebe es nicht mehr. "Wir brauchen ein Update für die berufliche Bildung", forderte der FDP-Abgeordnete. Als "Service-Opposition" biete seine Fraktion Vorschläge an. So etwa die Exzellenzinitiative Berufliche Bildung. Außerdem müssten die Ausbildungsordnungen modernisiert werden und es sollte verstärkt an Gymnasien für die berufliche Ausbildung geworben werden. Schließlich soll es Brandburgs Vorstellungen auch im Bereich der beruflichen Bildung internationale Austauschprogramme geben, "und nicht nur für Akademiker".

Hohe Abbrecherquote Einer der wichtigsten Gründe für die hohe Abbrecherquote bei den Azubis sei die viel zu niedrige Ausbildungsvergütung in einigen Branchen, befand Birke Bull-Bischoff von der Linksfraktion: "325 Euro monatlich für eine junge Frisörin ist keine Ausbildungsvergütung, sondern eine Zumutung und gehen gar nicht", urteilte sie. Benötigt werde daher eine "armutsfeste Mindestausbildungsvergütung".

Die Grünen-Abgeordnete Beate Walter-Rosenheimer forderte eine bessere Berufsorientierung, um von der hohen Zahl der Ausbildungsabbrecher wegzukommen. Diese müsse früher als bislang beginnen und die Eltern mit einbeziehen, sagte sie.

Der CDU-Parlamentarier Stephan Albani bezeichnete die duale Ausbildung in Deutschland als "Exportschlager", den es weiterzuentwickeln gelte. Dazu stehe für die Koalition unter anderem die Novelle des Berufsbildungsgesetzes auf dem Plan. Außerdem müssten die Prüfungsordnungen modernisiert werden. "Wir tun etwas", stellte Albani klar.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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