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Gastkommentare - Pro
Stefan Reinecke, "die tageszeitung"
Entflechtung tut not

Staat und Religion strikt trennen?

K ürzlich habe ich Post vom Finanzamt bekommen. Die Behörde will wissen, ob ich aus der Kirche ausgetreten bin. Jeder US-Bürger würde einen solchen Brief seltsam oder gar bedenklich finden. Weil es den Staat nichts angeht, was die Bürger glauben.

Der deutsche Staat hingegen treibt für die Kirchen Steuern ein und prüft, welcher Kirche die Bürger angehören. Die Säkularisierung ist hierzulande auf halber Strecke liegen geblieben. Deutschland ist längst keine Gesellschaft von Gläubigen mehr. Doch der Staat ist mit den beiden großen Kirchen durch ein dichtes Geflecht von Abhängigkeiten verbunden. Jedes Jahr zahlt der Staat fast eine halbe Milliarde Euro an die Kirchen - wegen der napoleonischen Enteignung der Kirche, dem Reichsdeputationshauptschluss.

Das war 1803. Insgesamt fließen um die 20 Milliarden Euro Steuergelder jährlich Richtung Kirchen, ohne Caritas und Diakonie. Diese Reihe lässt sich fortsetzen. Aber mit welchem Recht werden Erzbischöfe vom Staat bezahlt - also auch von den Steuern von Atheisten, Muslimen, Buddhisten?

Kein Missverständnis: Das Heil liegt nicht in rabiatem Laizismus. In Frankreich gibt es selbstkritische Stimmen, die dem französischen Laizismus bescheinigen, "antireligiös" zu sein. Verbotskultur und Ausschluss der Religionen aus der öffentlichen Sphäre (Burkini-Bashing!) helfen nicht gegen Desintegration oder Radikalisierung. Die komplette Verbannung religiöser Zeichen aus der Öffentlichkeit ist kein Königsweg.

In Deutschland aber gilt es, Kirchen und Staat, vor allem finanziell, zu entflechten. Die Gesellschaft der Zukunft wird multiethnisch und multireligiös sein. Sie braucht einen Staat, der beides ist: tolerant und neutral.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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