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Israel
Susanne Knaul
Leben in zwei Welten

Die Gewalt in Gaza ist für viele is kein Thema

Einige zigtausend Israelis feierten vergangene Woche in Tel Aviv die diesjährige Eurovisionsgewinnerin Netta Barzilai. Junge Leute, Familien mit kleinen Kindern, aber auch ältere Paare versammelten auf dem Izhak-Rabin Platz vor dem Rathaus, um ihre neue Heldin zu begrüßen und fröhlich mit einzustimmen, als diese ihren Titel "Toy" vortrug. Kaum 70 Kilometer südlich betrauerten am gleichen Tag Dutzende Familien die Todesopfer der Proteste, zu dem die islamistische Hamas aufgerufen hatte, um an das Schicksal der Vertriebenen zu erinnern und auf die wirtschaftliche Misere im Gazastreifen aufmerksam zu machen. Kurz vor dem Contest hatte ein Journalist Barzilai gefragt, was sie antworten würde, wenn man sie nach dem Konflikt frage. "Konflikt? Was für ein Konflikt?", hatte sie entgegnet.

Für die Knesset-Abgeordnete Ayda Touma Sleiman von der antizionistischen Vereinten Liste steht Barzilai für eine "unverzeiliche Doppelmoral", wenn sie Stimme für die Anderen sein will, die Gewalt, die an "den Anderen im Gazastreifen" verübt wird, aber unter den Teppich kehrt. Sleiman glaubt, dass die "Politik der Verängstigung, der Hetze und des Hasses" von Regierungschef Benjamin Netanjahu zu einer "Abstumpfung" im Volk führt. Dass Netanjahu die in der Grenzregion postierten Scharfschützen auf unbewaffnete Demonstranten schießen lassen kann, ist für die Abgeordnete ein Zeichen dafür, dass es "keine Opposition mehr im Land" gibt.

Am Tag nach den schlimmsten Unruhen versammelten sich nur ein paar hundert Demonstranten in Tel Aviv. "Befreit das Ghetto Gaza", stand auf einem der Schilder. Dov Khenin, Parteigenosse Sleimans, hielt seine Mitstreiter dazu an, nicht aufzugeben. "Gerade in Momenten wie diesen, ist es so entscheidend, die andere Stimme zu Gehör zu bringen."

Die große Mehrheit der jüdischen Israelis schiebt die Verantwortung den Palästinensern zu. Mainstream-Medien kommentierten den "Marsch der Dummen" und die "Hetze der Hamas zur Gewalt". Einzig die links-liberale Haaretz kritisierte die Tel Aviver Feiern am Tag der Unruhen. Nur ein Psychologe könne erklären, wie eine so "ungeheure Verdrängung möglich ist", schrieb Ravit Hecht.

Bedrohung durch den Iran Die Feiern zum Eurovisionsgewinn gleichen einem Tanz auf dem Pulverfass. Israel wird akut bedroht vom Iran, der seine Stützpunkte in Syrien verteidigt, und der seinen Handlangern der Hisbollah im Libanon jederzeit das Kommando zum Angriff geben könnte. Dazu kommt, dass 25 Jahre nach Beginn des Friedensprozesses mit der Palästinensischen Befreiungsbewegung (PLO) eine Lösung ferner denn je erscheint. Die Zweite Intifada, die im Herbst 2000 Folge der gescheiterten Friedensgespräche in Camp David war, ließ die Sympathie im Land für das Volk in den besetzten Gebieten schwinden. Als die Palästinenser fünf Jahre später Israels Abzug aus dem Gazastreifen mit der Wahl der Hamas und Raketenangriffen "belohnte", war es um die einst lebhafte Friedensbewegung geschehen.

Israelis, die trotz allem für die Rechte der Palästinenser eintreten, und Menschenrechtsverletzungen der Besatzungssoldaten verurteilen, gelten als Radikale und letztlich als Feind Israels.

Umfragen zeigen zwar, dass sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung Demokratie und Meinungsfreiheit wünscht. Gleichzeitig ist man bei Organisationen, die gegen Israels Besatzungspolitik kämpfen, zu grundsätzlichen Abstrichen bereit. Die Solidarität mit den Palästinensern bleibt in den Händen einer geächteten Minderheit.

Der Konsens in Sicherheitsfragen schiebt die Debatte über Lösungen für den israelisch-palästinensischen Konflikt auf einen Nebenschauplatz. Theoretisch tritt zwar noch immer eine Mehrheit für die Zwei-Staaten-Lösung ein, praktisch glaubt sie aber nicht mehr daran. Netanjahu verkauft erfolgreich das enge Verhältnis zum Weißen Haus als seine Errungenschaft. Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump für den Ausstieg aus dem Iran-Abkommen und die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels wiegen in weiten Teilen der Bevölkerung schwerer als die Korruptionsskandale und die Gerichtsverfahren, die Netanjahu drohen.

Demografische Zeitbombe Was die Koalition jüngst ins Schwanken brachte, waren vielmehr die orthodoxen Partner, die mit dem Ausstieg aus der Regierung drohten, sollte die Wehrpflicht für die frommen Jeschiwa-Schüler nicht erneut ausgesetzt werden. Der stetig rasch wachsende orthodoxe Sektor gilt bereits als demografische Zeitbombe. Politiker wie Jair Lapid von der Zukunftspartei verdanken ihren großen Erfolg bei den Wahlen dem Missmut der weltlichen Steuerzahler, die eine gerechtere Verteilung von Rechten und Pflichten im Staat fordern. Der Streit dieser zwei Fraktionen macht sich bisweilen an ganz banalen Fragen Luft und eskalierte schon, als das Verkehrsministerium am heiligen Schabbat Instandhaltungsarbeiten an der Bahn vornehmen ließ.

Die orthodoxe Bevölkerungsgruppe gehört zusammen mit den Arabern in Israel zu den Ärmsten des Landes. Die soziale Kluft wächst, schon heute gilt nahezu jeder Vierte als arm, obwohl Israels Wirtschaft wächst. Darüber hinaus kämpft das Land noch immer mit den Fehlern der Gründergeneration. Die ersten Zionisten kamen aus Europa und Osteuropa. Die Erben Theodor Herzls waren Ashkenasen, die sich in den Städten niederließen, wo es bessere Schulen, bessere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten gibt. Die Misrachim, die später aus muslimischen Ländern kamen, wurden in die Peripherie geschickt. Aktuelle Untersuchungen zur sozialen Gerechtigkeit zeichnen 70 Jahre nach Staatsgründung ein alarmierendes Bild der israelischen Gesellschaft. Danach wird es noch hundert Jahre dauern, bis die Einkommenskluft zwischen Ashkenasen und Misrachim ausgeglichen ist.

Die Autorin ist freie Korrespondentin in Israel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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