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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Der Kölner Soziologe Jens Beckert, Direktor am Max-Plank-Institut für Gesellschaftsforschung, erhielt 2018 den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehenen Leibniz-Preis. In seinem bahnbrechenden Buch legt der Wissenschaftler neue Erklärungen für die anhaltende Dynamik des Kapitalismus vor. Dessen Erfolg beruhe auf den Zukunftsvisionen und Erwartungen der Menschen, ihren Träumen und Wünschen.

Auch Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Scheitern des sozialistischen Systems bleibt die Frage aktuell: Worauf ist die außergewöhnliche Dynamik des Kapitalismus zurückzuführen? Welche Rolle spielen der technologische Fortschritt, die Ausweitung des Handels, der Wettbewerb, Ausbeutung oder kulturelle und institutionelle Entwicklungen? Oder müssen bei der Entstehung der kapitalistischen Ordnung ganz andere Faktoren berücksichtigt werden? Beckert analysiert in diesem Zusammenhang die "Veränderungen der zeitlichen Orientierung" der Unternehmer, der Investoren und der Arbeitnehmer sowie die "Erweiterung des Zeithorizonts in eine unbekannte wirtschaftliche Zukunft". Mit anderen Worten: Die Akteure des Kapitalismus richten ihre Aktivitäten auf eine Zukunft aus, die sie als offen und ungewiss wahrnehmen mit all ihren Chancen und Risiken.

"Die Zukunft zählt", meint Beckert und untersucht die Bedeutung imaginierter, also nur in der Vorstellung existierender Zukünfte. Er beschreibt die Fähigkeit des Menschen, sich eine bessere Welt auszumalen. Auf dieses Phänomen führt er auch den "amerikanischen Traums" zurück. Die jüngste Finanzkrise habe gezeigt, dass wir der Theorie der rationalen Erwartungen, wonach die Preise den Wert der Dinge spiegeln, keinen Glauben schenken dürfen. Wer die Wirtschaft verstehen will, müsse sich mit ihren "fiktionalen Erwartungen" befassen. Sie erzeugten eine "Parallelrealität", die nur glaubwürdig erscheinen müsse.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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