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EDITORIAL
Jörg Biallas
Richtige Debatte

Geben Sie es zu: Sie hatten nicht die Spur eines schlechten Gewissens, als Sie der deutschen Nationalelf beim Auftaktspiel der Fußball-Weltmeisterschaft die Daumen gedrückt haben. Warum? Nun, immerhin findet diese WM in einem Land statt, das bei aufrichtigen Demokraten für Stirnrunzeln sorgt. Autoritäre Strukturen sowie Konflikte mit Menschen- und Völkerrecht böten eigentlich Anlass, in den Fußballarenen Protest-Plakate statt Fan-Flaggen zu schwenken. Aber die (verständliche) Begeisterung für den Sport verdrängt die (berechtigte) Kritik an der Politik.

Wieder einmal. Denn diese Fußball-WM ist kein Einzelfall. Zuletzt wurde über die Frage, ob und wie Sport und Politik zu trennen sind (siehe auch Gastkommentare auf Seite 2), bei den Olympischen Spielen 2012 in China diskutiert. Damals wie heute bleibt der Erkenntnisgewinn überschaubar. Für die Zukunft ist Besserung leider nicht in Sicht. Der irrwitzige Vorstoß, die Fußball-WM 2022 im Wüstenstaat Katar auszurichten, soll schon jetzt Hunderte Arbeiter an Stadionneubauten das Leben gekostet haben. Auch das ist Ausdruck einer Haltung, die einer an den Werten einer liberalen Gesellschaft orientierten Moral zuwiderläuft.

Sport-Großereignisse sind immer auch eine politische Leistungsshow des Gastgebers. Russland hatte das schon als Ausrichter der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi bewiesen. Vier Jahre später setzt die Nation alles daran, sich selbst zu übertreffen: 13 Milliarden US-Dollar wurden in die WM-Infrastruktur investiert. Das ist schon deshalb Wahnsinn, weil allein acht Fußballstadien neu gebaut worden sind, die nach der WM niemand braucht.

Angesichts solcher Dimensionen ist bemerkenswert, wie hoch die Welle der Empörung hierzulande schwappt, wenn zwei einfältige türkischstämmige Nationalkicker mit deutschem Pass einen autokratischen Staatschef vom Bosporus treffen. Gewiss, auch das war irgendwie politisch, nicht von Klugheit getrieben, letztlich aber so bedeutsam wie das WM-Vorrundenspiel Iran gegen Marokko.

Sport und Politik stehen seit jeher in einer Beziehung zueinander. Große Sportfeste können helfen, beispielsweise Verletzungen von Menschenrechten in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu rücken. Auch deshalb war es richtig, dass der Deutsche Bundestag am Tag der WM-Eröffnung über die innenpolitische Situation in Russland debattiert hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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