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EDITORIAL
Jörg Biallas
Ängstliche Faszination

Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz sind faszinierend. Und sie machen Angst. Da ist etwa die in Science-Fiction-Darbietungen hinreichend beschriebene Sorge, Datensysteme könnten unkontrollierbar werden, weil sie so programmiert sind, dass sie sich ohne menschliches Zutun weiterentwickeln. Wenn Rechner automatisch selbst lernen und das Gelernte dann auch anwenden, ist keine ausufernde Begabung zur Fantasie nötig, um Szenarien zu beschreiben, die der Menschheit gefährlich werden können. Nicht auszumalen, was beispielsweise sich selbst konfigurierende Waffensysteme anrichten könnten.

Auch wird die Künstliche Intelligenz die Gefühlswelt erfassen. Moderne Systeme können menschliche Empfindungen erkennen und darauf entsprechend reagieren. Der Roboter hat Mitleid und tröstet, erkennt Wut und beschwichtigt, errechnet Hunger und füttert, sieht Leiden und heilt. Fähigkeiten, die in einer alternden Gesellschaft mit immer einsameren Menschen durchaus segensreich sein können.

Es wird also darauf ankommen, welche Sicherungssysteme bei Zukunftstechnologien eingebaut werden. Fortschritt ist nicht zuvorderst eine Frage der technischen Machbarkeit, sondern gleichermaßen eine durch ethische Grenzen definierte moralische Kategorie.

Gut also, dass der Bundestag dem Thema Künstliche Intelligenz eine Enquete-Kommission widmen will, um genau dieses Spannungsfeld auszuloten.

Eile ist geboten. Denn der Anschluss an die Spitzenforschung droht verloren zu gehen. Die findet längst in Übersee statt, in China und in den USA. Auch bei der Anwendung hinkt Deutschland hinterher: Hierzulande nutzen nicht einmal 20 Prozent aller Unternehmen Künstliche Intelligenz; in China und den USA liegt dieser Wert doppelt so hoch.

Eine Schlüsselfrage wird die politische und gesellschaftliche Diskussion notwendigerweise prägen: Wie halten wir es mit dem Datenschutz? Denn Künstliche Intelligenz basiert auf einer Vielzahl individueller Daten, die zu Recht unter besonderem Schutz des Gesetzes stehen. Auch darauf beruht übrigens der technische Vorsprung anderer Nationen, die das Thema nicht so genau nehmen. Es wird darauf ankommen, eine Balance zwischen Fortschritt und Persönlichkeitsschutz auszutarieren. Kein leichtes Unterfangen. Aber eines, das unbedingt anzugehen ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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