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AUFSTAND
Alexander Weinlein
»Dann fahr mal alleine los«

Im Oktober 1918 meutern Matrosen der Kaiserlichen Marine und leiten die Revolution ein

Es ist eine bizarre Situation: Auf der Reede vor Wilhelmshaven wird auf den Torpedobooten "B 97" und "B 137" der Kaiserlichen Marine der Z-Stander gesetzt und somit Feuerbereitschaft signalisiert. Die geladenen Torpedorohre sind allerdings nicht auf feindliche Kriegsschiffe ausgerichtet, sondern auf "Seiner Majestät Schiff Thüringen", einem 167 Meter langen Großkampfschiff des I. Geschwaders der deutschen Hochseeflotte. Am 31. Oktober 1918, nur wenige Tage vor Ende des Ersten Weltkriegs, bahnt sich ausgerechnet in der von Kaiser Wilhelm II. so geliebten Kriegsmarine eine Entwicklung an, an deren Ende der Monarch abdanken muss.

Auf der "Thüringen" wie auch auf vielen anderen Kriegsschiffen meutern die einfachen Matrosen - gegen ihre direkten Vorgesetzten und einen militärisch unsinnigen und politisch katastrophalen Befehl der Seekriegsleitung (SKL) vom 24. Oktober. Die kaiserlichen Admirale, allen voran Reinhard Scheer, Adolf von Trotha und Magnus von Levetzow wollen die Hochseeflotte zu einer letzten Entscheidungsschlacht gegen die britische Royal Navy auslaufen zu lassen. Und scheinen nun gewillt, diesen Befehl unter Androhung von Gewalt durchzusetzen.

Frage der Ehre Abgesprochen ist der "Operationsbefehl Nr. 19" mit General Erich Ludendorff in der Obersten Heeresleitung (OHL), nicht aber mit der Reichsregierung unter Kanzler Max von Baden. Der hatte die Marineführung explizit aufgefordert, alles zu unterlassen, was die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Westmächten stören könnte. Und Kaiser Wilhelm II. hatte im Zuge der Oktoberreformen (siehe Seite 4) die klare Order erlassen: "Der Obermilitärbefehlshaber trifft alle seine Anordnungen und Entscheidungen im Einverständnisse mit dem Reichskanzler oder dem von diesem bestellten Vertreter." So sind es eigentlich nicht die Matrosen der Kaiserlichen Marine, die meutern, sondern die Admirale und das Offizierskorps. In der SKL ist man sich absolut bewusst, dass die geplante Aktion so gut wie keine Chance auf Erfolg hat, sie sei in erster Linie eine "Ehren- und Existenzfrage der Marine".

"Wir verfeuern unsere letzten 2.000 Schuss und wollen mit wehender Flagge untergehen", hatte Kapitän zur See Karl Windmüller seiner Mannschaft am 29. Oktober zugerufen. Doch den Matrosen steht im vierten Kriegsjahr nicht mehr der Sinn nach sinnlosen Heldentaten. "Dann fahr mal alleine los!", schallt es dem Kommandanten der "Thüringen" entgegen. "Greift der Engländer an, so stehen wir unseren Mann. Aber wir selbst greifen nicht an. Weiter als bis Helgoland fahren wir nicht", lassen die Meuterer ihre Vorgesetzten in einer Erklärung wissen.

Auf vielen Schiffen der drei Flottengeschwader, die am 30. Oktober unter dem Befehl von Admiral Franz von Hipper auslaufen sollen, spielen sich ähnliche Szenen ab. Heizer löschen die Feuer in den Kesseln, Matrosen verweigern die Befehle ihrer Vorgesetzten oder schließen sich unter Deck in den Mannschaftsunterkünften selbst ein. Hipper lässt zunächst das Auslaufen um 24 Stunden verschieben, dann überlegt er, nur die U-Boote und "zuverlässigen" Großkampfschiffe in den Kampf zu schicken, schließlich ordnet er an, die Meuterer auf der "Thüringen" und der neben ihr liegenden "Helgoland" verhaften zu lassen. Angesichts der drohenden Torpedierung geben die meuternden Matrosen auf den Schiffen auf, 400 Seeleute werden verhaftet. Um ein weiteres Ausweiten der Unruhen in der Flotte zu vermeiden, wird sie getrennt. Am 1. November wird das besonders renitente III. Geschwader mit rund 200 verhafteten Seeleuten nach Kiel verlegt, auf der Fahrt werden weitere Matrosen inhaftiert. Diese Entscheidung wird zum Brandbeschleuniger für Revolution.

Die Gründe für die Meuterei der Matrosen sind nicht allein in der Entscheidung der Marineführung für eine letzte "Todesfahrt" der Flotte zu suchen, sondern auch in der inneren Struktur der Marine. "Der Vorgesetzte", so heißt es in einem Ausbildungsleitfaden von 1914 für Offiziersanwärter, müsse seinem Untergebenen "Vertrauen einflößen". Erst das "gegenseitige Vertrauen von Offizieren und Mannschaften gibt einer Besatzung die feste, frohe Überzeugung, alles leisten zu können". Doch vier Jahre nach Kriegsausbruch ist das Vertrauen zwischen Offizieren und Mannschaften zerrüttet. Die Hoffnung vieler Deutscher, der Krieg würde die Klassenunterschiede im wilhelminischen Kaiserreich einebnen, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: In der Marine treten sie stärker zutage als zuvor.

Hungerwinter Das Offizierskorps, das sich vor allem aus dem Adel und dem Bürgertum rekrutiert, pflegt nach wie vor seine Standesdünkel und Privilegien - nur dass dies auf dem beengten Raum der Kriegsschiffe den einfachen Matrosen besonders bitter aufstößt. So lassen es viele Seeoffiziere selbst während des sogenannten Steckrübenwinters 1916/17, der durch Missernten und die britische Seeblockade ausgelösten Hungersnot, gut gehen. "Wir an Bord essen immer noch hervorragend", notiert Kapitänleutnant Knobloch im Januar 1917 auf dem Kreuzer "Danzig" vergnügt in seinem Tagebuch. "Wir haben Kartoffeln vollauf, Erbsen, Bohnen und anderes Gemüse, Fleisch, Butter Brot." Möglich war dies, weil die Offiziere, die ihre Speisen und Getränke in den Offiziersmessen selbst zahlen mussten, über ein gutes Gehalt verfügten und den Speiseplan mit Einkäufen auf dem Schwarzmarkt verbesserten. Bereits im Sommer 1915 hält der Matrose Richard Stumpf an Bord der "Helgoland" in seinem Tagebuch fest, dass die Kluft zwischen Offizierskorps und Mannschaften noch nie so groß gewesen sei, wie im Krieg. "Während wir uns mit halber Brotration begnügen müssen, finden in der Messe Ess- und Trinkgelage statt, bei welchen 6-7 Gänge aufgetischt werden. Im Frieden sagte man dazu nichts, paßt das aber für die jetzige tiefernste Zeit?"

Vor allem auf den Großkampfschiffen machen sich die Klassenunterschiede besonders stark bemerkbar. Bilden auf U-Booten und kleineren Schiffen Mannschaft und Offiziere mitunter eingeschworene Einheiten, wahren die höheren Dienstgrade auf einem Schlachtschiff weitestgehend Distanz zum einfachen Matrosen. Der Tonfall der Offiziere ist nicht nur militärisch hart, sondern oftmals beleidigend und arrogant.

In der deutschen Flotte insgesamt ist die Stimmung schlecht. Nach der Skagerrakschlacht im Sommer 1916 liegen die Großkampfschiffe zur Tatenlosigkeit verdammt in den Häfen. Trotz höherer britischer Verluste hat die größte Seeschlacht der Weltgeschichte nichts am Kräfteverhältnis ändern können. Die britische Flotte hält die Seeblockade aufrecht und die kaiserliche Flotte bleibt in der Deutschen Bucht wie in einem Gefängnis eingekerkert, wie es eine amerikanische Zeitung treffend beschreibt. Tausende Seeleute sind auf den stählernen und unwohnlichen Großkampfschiffen zusammengepfercht - zwischen monotonem Dienst und Langeweile. Bei Landgang kommen sie in den Hafenstädten in Kontakt mit den Werftarbeitern, die sich angesichts der unzureichenden Lebensmittelversorgung zunehmend radikalisieren. Im nach Erfolgen trachtenden Offizierskorps wiederum macht sich wegen der Untätigkeit der Hochseeflotte Frustration breit.

In Folge der Skagerrakschlacht und der weiterhin bestehenden deutschen Unterlegenheit bei den Großkampfschiffen nimmt die SKL Anfang 1917 erneut den uneingeschränkten U-Boot-Krieg auf. Dies führt vermehrt zu Personalwechseln, die die angespannte Stimmung weiter verschlechtert. Erfahrene Offiziere werden zu den U-Booten abkommandiert, ihre Posten auf den Kampfschiffen übernehmen junge und im Umgang mit den Mannschaftsdienstgraden unerfahrene Offiziere.

Im Sommer 1917 führt die schlechte Stimmung unter den Matrosen schließlich zu ersten Unruhen. Als am 2. August 600 Mann die "Prinz Luitpold" verlassen und nach Rüstersiel marschieren, wo der Heizer Albin Köbis eine flammende Rede gegen den Krieg hält, greift das Flottenkommando hart durch und eröffnet Kriegsgerichtsverfahren wegen Landesverrats, die mit fünf Todesurteilen enden. Admiral Scheer mildert als damaliger Flottenchef zwar drei der Urteile in hohe Zuchthausstrafen ab, aber Köbis und der Matrose Max Reichpietsch werden am 5. September erschossen. Dies löst unter den Mannschaften zusätzliche Verbitterung aus und kann die Disziplin allenfalls kurzzeitig wieder herstellen. Trotzdem zeigt sich Scheer in seinem Bericht an den Kaiser überzeugt davon, dass die Besatzungen der Schiffe wieder "fest in der Hand ihrer Vorgesetzten" seien. Eine fatale Fehleinschätzung, wie die Ereignisse ein Jahr später in Wilhelmshaven und Kiel zeigen.

Als das III. Flottengeschwader in den frühen Morgenstunden des 1. Novembers 1918 in der Kieler Förde vor Anker geht, ist die Bühne für die Revolution bereitet. Kiel, der größte Flottenstützpunkt des Deutschen Reichs, quillt über von Soldaten und Arbeitern - und Unzufriedenheit. Bereits am Abend kommt es zwischen Matrosen des III. Geschwaders und ihren Kieler Kameraden sowie Arbeitern zur Verbrüderung. Es werden Protestversammlungen und die Befreiung der inhaftierten Matrosen geplant. Als zwei Tage später eine Militärpatrouille direkt in einen Demonstrationszug feuert und acht Menschen tötet und 29 verwundert, eskaliert die Situation. Die aufgebrachten Matrosen bilden Soldatenräte und übernehmen in den folgenden Tagen Stück für Stück die Kontrolle in der Stadt. Über den Kriegsschiffen steigen rote Fahnen auf - die Offiziere haben endgültig die Kontrolle verloren. Dem von der Reichsregierung zur Beruhigung der Lage entsandte SPD-Reichstagsabgeordnete Gustav Noske gelingt es schließlich am 7. November, mit Hilfe der Soldatenräte als neuer Gouverneur die Befehlsgewalt in Kiel zu übernehmen. Die revolutionären Unruhen haben sich inzwischen auch auf Berlin und andere Städte ausgeweitet. Zwei Tage später dankt Kaiser Wilhelm II. ab und in Berlin wird die Republik ausgerufen.

Resigniert aber treffend beschreibt Korvettenkapitän Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, in den ersten Novembertagen 1918 in seinem Tagebuch die Bedeutung der Kaiserlichen Marine für die Revolution: "Diese Marine! Entsprungen dem Weltmachtsdünkel, verdirbt unsere Auswärtige Politik 20 Jahre lang, hält ihre Versprechungen im Kriege nicht und entfacht nun den Umsturz!"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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