Inhalt

Kriegszeiten
Sven Felix Kellerhoff
Schlechte Stimmung

Im Sommer 1918 schwand in der Bevölkerung die Hoffnung auf einen Sieg

Stimmungen sind volatil: Sie können ansatzlos und binnen kurzem vollkommen drehen. Noch im Frühjahr 1918 hatte in der Reichshauptstadt Berlin wie fast überall im Deutschen Reich Zuversicht vorgeherrscht. Das zaristische Russland war geschlagen, im Westen stießen die Truppen des Kaisers in ihrer Frühjahrsoffensive weiter vor als je in diesem Krieg seit Herbst 1914. An den alltäglichen Einschränkungen hatte sich jedoch nichts geändert, im Gegenteil: Die Versorgungslage hatte sich noch einmal verschlechtert, die Lebensmittelrationen waren erneut gekürzt worden. Gleichzeitig betrug die Pflichtarbeitszeit der meisten im Reich lebenden Erwachsenen, Männer wie Frauen, zwölf Stunden pro Tag, manchmal mehr; Freizeit oder Erholung gab es nicht mehr. Allerdings auch keine Kritik an den Zuständen, denn die Regeln des Belagerungszustandes schränkten jede öffentliche Äußerung stark ein, und die Zeitungen wurden nach wie vor zensiert.

Klarsichtig beschrieb eine geborene Britin die Lage in Berlin: "Die Hauptmasse der Bevölkerung hat immer noch unbegrenzten Glauben an Ludendorff und Hindenburg", notierte Evelyn Stapleton-Bretherton, verheiratete Fürstin Blücher, in ihr Tagebuch: "Es ist namenlos traurig, zusehen zu müssen, wie sich das Geschick allmählich an Deutschland erfüllt."

Ende Juni 1918 deutete Deutschlands Chefdiplomat Richard von Kühlmann im Reichstag vorsichtig an, ein Ende des Krieges "allein mit militärischen Mitteln" sei kaum mehr zu erwarten. Die Reaktion fiel harsch aus: "Kühlmanns Rede hat wie eine Bombe eingeschlagen und wird von allen eifrig besprochen", resümierte Fürstin Blücher: "Als politischer Akt ruft sie die Kritik wach und wäre, meiner Ansicht nach, bewundernswert, hätte er nicht, höherem Drucke folgend, am nächsten Tag seine Äußerungen widerrufen." Sie wunderte sich: "Jeder gibt zu, dass er die Wahrheit und nichts als sie gesprochen hat, doch war es eine Gotteslästerung, sie zu äußern."

Parallel zu Kühlmanns erzwungenem Rücktritt kippte die optimistische Stimmung. Denn in der Heimat sickerte durch Feldpostbriefe, Fronturlauber und Verwundete in den Lazaretten die Erkenntnis ins Bewusstsein, dass die Frühjahrsoffensive endgültig gescheitert war. Hinzu kam: Vielerorts in Deutschland tauchten plötzlich junge Männer auf, in seit Jahren nicht mehr gesehener Zahl - Deserteure, die bei Transporten von der Ost- an die Westfront oder von Lazaretten zurück an die Front einfach aus den Zügen gestiegen waren. Die Disziplin, auf die sich das deutsche Heer so viel eingebildet hatte, löste sich auf. Der Generalstabsoffizier Albrecht von Thaer notierte, wie er die Auswirkung auf die meisten Deutschen empfand: "Sie hatten zu sehr darauf gehofft, dass dieser große Schlag den Krieg im März beenden würde. Man hatte daraufhin noch einmal alle Energie zusammengerissen. Nun ist die Enttäuschung da, und sie ist groß."

Zugleich zeichnete sich ab, dass die kommende Ernte erneut miserabel ausfallen würde; umgehend stiegen auf dem Schwarzmarkt die Preise stark. In München demonstrierten daraufhin verzweifelte Frauen dreimal nacheinander auf dem Marienplatz; die Polizei traute sich nicht einzuschreiten, obwohl solche Kundgebungen selbstverständlich verboten waren. Ebenfalls im Juli 1918 wälzte die Verlegergattin Charlotte Herder in Freiburg depressive Gedanken: "Wer weiß, was im nächsten Jahr aus uns geworden ist? Dass wir rettungslos dem Abgrund entgegentreiben, das kann sich niemand mehr verhehlen. Wir können nicht mehr weiter."

Verschärft wurde die Lage durch die rapide Ausbreitung einer hochansteckenden Infektion. Die "Spanische Grippe" befiel im Sommer 1918 vor allem junge, kräftige Menschen und kostete jeden vierten Erkrankten das Leben. Der Münchner Historiker Karl Alexander von Müller erinnerte sich: "In den großen Industriebetrieben waren bis zu einem Drittel der Belegschaften ausgeschaltet." Düster notierte er, selbst infiziert: "Der erste apokalyptische Reiter - wer weiß, ob nicht die anderen im fahlen Abendrot ihre Rosse zäumen?"

Anfang August 1918 zerbröselte dann die deutsche Front in Belgien und Nordostfrankreich geradezu, als französische, britische und frische US-Truppen zu mehreren Großoffensiven ansetzten. Scharenweise verließen deutsche Soldaten ihre Stellungen und schlugen sich nach Hause durch. "Die Zeiten werden betrüblich interessant", merkte der Münchner Gymnasiallehrer Josef Hofmiller am 19. August 1918 an: "Keiner glaubt mehr, dass wir den Krieg gewinnen. Alle wissen, dass wir ihn verloren haben, und doch rückt keiner mit der Sprache heraus. Wir sind gereizt, sogar, wenn der andere dieselbe Meinung äußert, die wir im Stillen selbst hegen; als wären wir abergläubisch, dass sie nicht ausgesprochen werden dürfe."

Die radikale Linke sah in der gekippten Stimmung ihre Chance. Die USPD und die klandestin in vielen Betrieben aktiven Revolutionären Obleute machten Stimmung für einen baldigen Generalstreik vor allem in Rüstungsbetrieben. Berlins Polizei warnte, im Spätherbst und Winter 1918 sei mit "Arbeitseinstellungen und Unruhen für einen Frieden um jeden Preis" zu rechnen. Doch noch fehlte der Anstoß, der die Einsicht in die hoffnungslose Lage umschlagen ließ in Aktivität.

Unruhen befürchtet Am 17. September 1918 schilderte Hofmiller die Lage in München: "Alles ist seelisch erschüttert." Die Demobilisierung habe "bei den Gemütern" begonnen. Berlins Polizeipräsident Heinrich von Oppen berichtete: "Bei der Unberechenbarkeit der Masse und dem leichten Umschlag ihrer Stimmungen muss deshalb nach wie vor mit der Möglichkeit von Unruhen gerechnet werden, insbesondere für den Fall, dass etwa die Wahlrechtsfrage oder eine weitere Verschärfung der Lebensmittelnöte oder endlich Kleider- und Kohlennot im Winter den Funken ins Pulverfass wirft."

Ende September 1918 kam dieser Funke - allerdings aus unerwarteter Richtung, nämlich aus dem Hauptquartier der deutschen Obersten Heeresleitung im belgischen Kurort Spa: Ausgerechnet der faktische Militärdiktator des Reiches, Erich Ludendorff, offiziell Erster Generalquartiermeister, forderte nämlich die "sofortige Herausgabe eines Waffenstillstandsangebots" an die Kriegsgegner. Faktisch also die Kapitulation vor dem Feind.

Der Autor ist leitender Redakteur der "Welt" für Zeit- und Kulturgeschichte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag