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Österreich
Stephan Löwenstein
Eine eigentümliche Revolution

Das Ende der Habsburger Monarchie hatte auch operettenhafte Züge

Hat in Österreich 1918 eine Revolution stattgefunden? Einerseits ja, offensichtlich. Schließlich wurde der Kaiser entthront, enteignet und musste das Land verlassen. Die neue Republik schaffte den Adel und alle Vorrechte ab. Die politischen Verhältnisse wurden umgewälzt: im Wortsinn eine Revolution. Aber eine eigentümliche Revolution.

Nicht nur, weil das Eigentum weitgehend unangetastet blieb und keine Vertreter des Ancien Régime aufgeknüpft wurden. Die Revolutionäre, wenn man sie denn so nennen will, bedienten sich der bestehenden, verfassungsgemäßen Körperschaften. Und die k.u.k. Beamtenschaft half ihnen, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Nachdem die slawischen Völker und Ungarn sich angesichts des verlorenen Krieges aus dem Imperium gelöst hatten, wurde die Republik ,,Deutschösterreich" am 12. November im Parlament von Abgeordneten ausgerufen, die 1911 gewählt worden waren.

Fast möchte man es eine gemütliche Revolution nennen, die operettenhafte Züge trägt. Sie äußern sich etwa in der Anekdote, wonach Egon Erwin Kisch, der ,,Rasende Reporter", an der Spitze der Roten Garde in die Redaktion der ,,Neuen Presse" eindringt und diesen Hort der Bürgerlichkeit für besetzt erklärt. Sein Bruder Paul, Redakteur der ,,Presse", tritt ihm entgegen: Er weiche der Gewalt, ,,aber ich schreibe es heute noch der Mama nach Prag". Darauf gibt Egon das Signal zum Rückzug.

Aber Vorsicht vorm Klischee! So undramatisch waren die Tage im Oktober und November 1918 auch in Wien nicht. Dass der Umsturz weitgehend unblutig blieb, war der Umsicht von Leuten wie den Sozialdemokraten Victor Adler und Karl Renner zu verdanken. Die Rotgardisten wollten durchaus eine sozialistische Republik unter roter Fahne ausrufen. Die Besetzung der "Presse" fand statt, aber die Geschichte mit dem Brief an die Mama ist wohl erfunden, wenn auch schön.

Der Autor ist Korrespondent der "Frank- furter Allgemeinen Zeitung" in Wien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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