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Russland
Winfried Dolderer
Sonderzug zur Revolution

Mit Hilfe der deutschen Regierung reiste Bolschewistenchef Lenin 1917 nach Sankt Petersburg

Im Nachhinein war einigen Beteiligten die Sache ein wenig peinlich. Erich Ludendorff etwa, der fast allmächtige Generalquartiermeister der Dritten Obersten Heeresleitung, legte Wert auf die Feststellung, dass nicht er die Idee ausgeheckt hatte, den berüchtigten russischen Agitator auf dem Weg nach Hause quer durch Deutschland reisen zu lassen: "Ich bin nur gefragt worden, ob ich etwas dagegen einzuwenden hatte. Das hatte ich nicht, da mir die Reichsleitung zugleich verbesserte Friedensmöglichkeiten durch innere Schwächung Russlands in Aussicht stellte."

Auch deutsche Regierungsvertreter machten keinen Hehl daraus, dass sie diesen Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, der mit ihrer freundlichen Unterstützung im April 1917 von Zürich nach Petrograd fahren durfte, im Normalfall nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten. "Ein Offizier aus einem der ältesten preußischen Geschlechter stammend", klagte ein an der Aktion beteiligter Diplomat des Kaiserreiches in Bern, "wird als eine Art Ehrenkavalier diesem russischen revolutionären Gesindel, das wir sonst nach Russland ausweisen, dem aber jetzt der Hof gemacht wird, beigegeben, nur in der Hoffnung, dadurch den Frieden etwas zu beschleunigen - das ist die Lage."

Die Lage in diesem dritten Jahr des Ersten Weltkrieges war die, dass deutsche Truppen weit nach Osten vorgestoßen waren. Sie hatten Litauen und die südliche Hälfte des heutigen Lettland besetzt, Polen und den Westen der Ukraine und das Russische Reich an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Dagegen hatte sich an der Westfront seit Anfang 1915 so gut wie nichts bewegt und lieferten Deutsche, Franzosen und Briten einander ebenso verlustreiche wie ergebnislose Abnutzungsschlachten.

»Gottesgeschenk« Im Frühjahr 1917 stand obendrein der Kriegseintritt der USA bevor, womit absehbar war, dass sich das Kräfteverhältnis im Westen sehr bald zu Deutschlands Ungunsten verschieben würde. Ein Sonderfriede mit dem zermürbten Russland, um im Osten Entlastung zu schaffen, war seit längerem der sehnlichste Wunsch der Berliner Regierung.

So empfand Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg es als "ein wahres Gottesgeschenk", als Anfang 1917 die kriegs- und hungererschöpften Bewohner der russischen Hauptstadt massenhaft auf die Straßen gingen und am 14. März der Zar stürzten. Auch Ludendorff notierte wenige Tage später, dass mit einer russischen Offensive nun wohl nicht mehr zu rechnen sei, und bereits jetzt Truppen an die Westfront verlegt werden könnten.

Die neue Provisorische Regierung in Petrograd dachte indes nicht an Kapitulation und Sonderfrieden. Sie gab sich - auch durch Einwirkung der Entente - entschlossen, den Kampf an der Seite der Westalliierten fortzusetzen. Was in dieser Lage zu tun war, formulierte am .2. April der deutsche Botschafter in Kopenhagen, Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau. Es gelte jetzt, in Russland "größtmögliches Chaos" anzurichten und alles zu tun, um "die Gegensätze zwischen den gemäßigten und den extremen Parteien zu vertiefen, denn wir haben das größte Interesse daran, dass die letzteren die Oberhand gewinnen". In einem solchen Fall dürfte binnen drei Monaten "die Zersetzung genügend vorgeschritten" sein, um "den Zusammenbruch der russischen Macht zu gewährleisten".

Durch Verschärfung innenpolitischer Konflikte die Feindmächte zu destabilisieren, war von vornherein ein deutsches Konzept gewesen. Mit Hilfe flämischer Nationalisten versuchten die Deutschen, das besetzte Belgien in ihrem Sinne umzugestalten. Sie leisteten Hilfe beim irischen Aufstand 1916 gegen die Briten. Sie bildeten finnische Freiwillige aus, die die Loslösung ihres Landes vom Zarenreich erstrebten, und setzten sie 1917 an der Ostfront ein. Sie richteten Speziallager für ukrainische und muslimische Kriegsgefangene ein, um die Insassen auf den nationalen Aufstand oder den Heiligen Krieg einzustimmen.

Wohlwollend Sie hatten auch die Kolonie linksradikaler Russen, die vor dem Krieg in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten, frühzeitig im Blick. Bereits im September 1914 suchte der deutsche Botschafter in Bern, Gisbert Freiherr von Romberg, den Kontakt zur revolutionären Exilgemeinde und ließ sich regelmäßig berichten. So wurden die Deutschen spätestens im Frühjahr 1915 auf Lenin als den führenden Kopf der Szene aufmerksam und nahmen auch dessen Forderung, den Krieg bedingungslos zu beenden, wohlwollend zur Kenntnis.

Nach dem Sturz des Zaren beauftragte Kanzler von Bethmann-Hollweg den Botschafter in Bern, dem Bolschewikenchef deutsche Hilfe bei der Rückkehr nach Russland anzubieten. Lenin ließ sich nicht lange bitten. Er saß in Zürich ohnehin auf glühenden Kohlen. Bis zum 7. April einigte er sich mit den Deutschen über die Konditionen. Er behielt sich vor, die Reisegesellschaft zusammenzustellen, die in einem für exterritorial erklärten Waggon, also ohne Grenzkontrolle, Deutschland durchqueren sollte. Am 9. April verließ Lenins Sonderzug Zürich, am Abend des 16. traf Lenin, von jubelnden Arbeitermassen begrüßt, auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd ein.

Die Früchte der Operation Sonderzug ernteten die Deutschen ein knappes Jahr später, als sie im März 1918 der Sowjetregierung den Frieden von Brest-Litowsk aufnötigten. Deutschland gewann ein gewaltiges Ost-Imperium, bestehend aus dem Baltikum, Polen und der Ukraine, die von Russland abgetrennt und in halb souveräne Satellitenstaaten umgewandelt werden sollten. Die Freude über den Sieg im Osten währte freilich nur ein halbes Jahr. Auf die Niederlage an der Westfront folgten Kapitulation und Revolution auch in Deutschland.

Schreck bekommen Mittlerweile war der Schrecken über den Roten Terror in Russland den Zeitgenossen gehörig in die Glieder gefahren, nicht zuletzt den deutschen Sozialdemokraten, denen in der Revolution eine Schlüsselrolle zufallen sollte. Bereits im Januar 1918 hatte der spätere preußische Ministerpräsident Otto Braun im "Vorwärts" die "Säbelherrschaft" der Bolschewiken verurteilt. Während der Umbruchmonate prägte der Albtraum russischer Verhältnisse und die Absage an jede Form der Räteherrschaft die gesamte Politik der SPD. So wurde die deutsche Revolution zum Gegenentwurf der russischen. Hatten dort die Bolschewiken die demokratische Konstituante verjagt, so stellte im Dezember 1918 der Berliner Rätekongress die Weichen zur Wahl der Weimarer Nationalversammlung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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