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Schuldfragen nach der Kriegsniederlage : Legende vom Dolchstoß

"Im Felde unbesiegt" - Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nutzen Militärs, Nationalisten und Monarchisten die Dolchstoßlegende für ihre Zwecke.

23.07.2018
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Am 29. September 1918 forderte der faktische Oberbefehlshaber der deutschen Armee, General Erich Ludendorff, die Regierung in Berlin ultimativ auf, ein Waffenstillstandsgesuch an die Entente zu senden. Zugleich warb er dafür, die Regierung auf eine parlamentarische Basis zu stellen. 

Zu diesem Zeitpunkt war der Obersten Heeresleitung (3. OHL) klar, dass die strategische und operative Situation der Mittelmächte hoffnungslos waren. Am 1. Oktober sagte Ludendorff dann mit Blick auf die demokratischen Parteien, sie sollten "die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben". Die ältere Literatur nimmt an, dass der General damit den Keim für die sogenannte Dolchstoßlegende gelegt habe. Allerdings zeigt eine detaillierte Betrachtung, dass die Angelegenheit komplizierter ist.

Deutsche Kapitulation traf auf wenig Verständnis in der Bevölkerung

Erstens hat es in der Geschichte wohl keinen Oberbefehlshaber gegeben, der nach einem verlorenen Krieg die Verantwortung bei sich gesucht hätte - schuld waren fast immer andere. Zweitens stellt die Dolchstoßlegende eine typische Verschwörungstheorie dar. Entscheidend ist nicht, dass diese in die Welt gesetzt wurde, sondern dass Millionen Deutsche sie nachweislich geglaubt haben. 

Hierfür waren wiederum mehrere Gründe verantwortlich. Zum Zeitpunkt der faktischen deutschen Kapitulation waren die Fronten im Westen noch weit von der Heimat entfernt, und das gesamte Osteuropa war von Truppen der Mittelmächte besetzt. Auch wenn die Heimat schwer unter der alliierten Hungerblockade litt und die Presse ausführlich über die Rückzüge an der Westfront berichtete, schien weiterer Widerstand zumindest möglich zu sein. 

Für viele Menschen in der Heimat kam das Gesuch nach Waffenstillstand deshalb völlig überraschend. Krisen hatte es in diesem Krieg häufig gegeben, doch stets war es gelungen, die Lage wieder zu stabilisieren. Entscheidend für die spätere Rezeption der Dolchstoßlegende war, dass einem großen Teil der zivilen Bevölkerung die unmittelbare Erfahrung der Niederlage fehlte. Dies stellte einen wichtigen Unterschied zum Ende des Zweiten Weltkrieges dar.

Foto: picture-alliance / akg-images

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) nutzte auf ihren Wahlplakaten für die Reichstagswahlen am 7.12.1924 eine Illustration der Dolchstoßlegende.

Im Moment des Zusammenbruches waren verschiedene Versionen der Dolchstoßlegende bereits weit verbreitet. Ihre Vorgeschichten gehen bis in den Sommer 1917 zurück, als mehrere Ereignisse die zerstrittene deutsche Gesellschaft noch stärker polarisierten. So entstand im Juli 1917 ein scharfer Konflikt, als der Zentrums-Abgeordnete Matthias Erzberger im Reichstag die Marine scharf angriff, weil diese gefälschte Zahlen über die Versenkungserfolge der deutschen U-Boote in Umlauf gesetzt hatte. In der Folge verabschiedete der Reichstag eine Friedensresolution. Hierzu war er nach der Verfassung nicht berechtigt, und der Schritt hatte auch keine Folgen, weil die Initiative von der Regierung sofort entwertet wurde.

Thesen vom Verrat und lang vorbereitetem Umsturz machten die Runde

Zugleich bildeten aber die Zentrumspartei, die Mehrheitssozialdemokraten und die Linksliberalen den Interfraktionellen Ausschuss, der bereits den Kern der späteren Weimarer Koalition enthielt. Daraufhin formierte sich auch das rechte Lager neu, und das Wort vom "Verrat" gegen Burgfrieden und Volksgemeinschaft wurde populärer als zuvor. 

Die These vom "Verrat" erhielt weitere Nahrung, als Ende Januar 1918 Massenstreiks einen Teil der Rüstungsindustrie für Tage lahm legten. Arbeiter protestierten gegen die ausufernden Forderungen bei den Friedensverhandlungen mit Russland in Brest-Litowsk. Sie waren bereit, ihre Pflicht zu tun, wollten aber einen schnellen Frieden ohne extreme Annexionen. 

Als kurz nach dem deutschen Waffenstillstandsgesuch die Matrosen meuterten, weil sie nicht in einem letzten Himmelfahrtskommando buchstäblich verheizt werden wollten und die Revolution in Berlin die Monarchie beendete, fielen vor allem im Bürgertum und in den alten Eliten viele Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden. Die These von dem lang vorbereiteten Umsturz schien einige Plausibilität beanspruchen zu können.

Rechtsradikaler Verband nutzte die Dolchstoßlegende für antisemitische Hetze

Im Moment des Zusammenbruches nutzten verschiedene Interessengruppen - oft unabhängig voneinander - die Legende vom Dolchstoß als innenpolitische Waffe. So beschloss die Führung des rechtsradikalen Alldeutschen Verbandes bereits vor dem Waffenstillstand, einen Judenausschuss einzusetzen. Dieser hatte die Aufgabe, die Juden für die Niederlage, die sich abzeichnete, verantwortlich zu machen.

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Das Weltbild der Alldeutschen war zutiefst durch einen radikalen biologischen Rassismus und Sozialdarwinismus geprägt. Der neu gegründete Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund überschwemmte in den folgenden Jahren das Reich mit primitivster antisemitischer Hetz- und Hasspropaganda. Diese traf bei den Unterschichten und den unteren Mittelschichten, die ökonomisch unter der beginnenden Hyperinflation besonders litten, auf erhebliche Resonanz. Dieser Bund hatte zeitweise etwa 400.000 Mitglieder, bevor er wegen Streitigkeiten in unterschiedliche Fraktionen zerfiel. Die Führungsgruppe wurde selbst zum Opfer ihrer immer obskurer werdenden Verschwörungstheorien.

Wilhelminische Eliten nahmen den Kaiser in Schutz

Ein weiteres Beispiel zeigt, wie Mitglieder der wilhelminischen Eliten ihre eigene Rolle beim Untergang des Kaiserreiches beschönigten. Kuno Graf von Westarp, Chef der preußischen Konservativen Partei, stellte fest, dass die Vorwürfe, der Kaiser sei "getürmt" oder sogar "desertiert", die Monarchisten wirkungsvoll diskreditierten. Deshalb sammelte er Material für eine pro-monarchische Denkschrift der Generäle. 

Ziel war erstens, den Kaiser vom Vorwurf des Versagens zu entlasten, und zweitens Generalstabschef Paul von Hindenburg aus den Debatten über den Zusammenbruch herauszuhalten, damit er politisch einsatzfähig blieb. Die Wirkung dieser Denkschrift in der Öffentlichkeit war begrenzt, weil sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt - der Unterzeichnung des Versailler Vertrages - publiziert wurde. Sie lieferte jedoch argumentatives Material, das die Generalität in der folgenden Zeit umfassend nutzte.

DNVP als Sammelbecken rechter, völkischer und monarchistischer Kreise

Im November 1919 verwendete Hindenburg diese Version der OHL in etwas abgewandelter Form vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung. Das deutsche Heer sei "im Felde unbesiegt" geblieben, aber von oppositionellen Revolutionären in der Heimat "von hinten erdolcht" worden. Die neu gegründete Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die seit 1919 eine heterogene Sammlungsbewegung rechter, rechtsradikaler, völkischer und monarchistischer Kreise war, übernahm die Dolchstoßlegende.

Foto: picture-alliance / akg-images

Der Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg bediente sich der Dolchstoßlegend und sprach davon, dass das Heer "im Felde unbesiegt" geblieben sei.

In mehreren Wahlkämpfen (vor allem 1924) konnte sie mit einer aggressiven und offensiven Propaganda diese unterschiedlichen politischen und sozialen Submilieus an sich binden. Auch andere rechtsextremistische Kreise nutzten den Mythos vom Dolchstoß gegen die Novemberrevolution und die Weimarer Republik, was den Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten unter Hitler begünstigte. 

Die Nachfolgeorganisationen der Freikorps spielten eine zentrale Rolle. Diese Einheiten von Freiwilligen waren 1918/19 gebildet worden, weil die neue sozialistische Regierung keine Truppen zur Verfügung hatte, die gegen eine befürchtete bolschewistische Bedrohung hätten eingesetzt werden können.

Radikalisierte Freikorps

Wie die Forschung der letzten Jahrzehnte eindeutig gezeigt hat, wurde die Furcht vor einer Radikalisierung der Revolution dramatisch überschätzt, aber dieses Faktum war für die handelnden Akteure nicht erkennbar. Die zahlreichen Freikorps, Einwohnerwehren und Milizen waren anfangs weitgehend unpolitisch, radikalisierten sich 1919 aber erheblich. Besonders die Marinebrigade II (Brigade Ehrhardt), die im Frühjahr 1920 das Fußvolk für den Kapp-Lüttwitz- Putsch stellte, bildete einen erheblichen Unruheherd.

Auch für die sogenannten Baltikumfreikorps, die etwa 50.000 Mann umfassten und die im Sommer 1919 versuchten, in Lettland einen unabhängigen "Militär-Siedler-Staat" zu gründen, war die Dolchstoßlegende eine Tatsache. Für diese Veteranen, von denen viele nach der Auflösung der Freikorps 1919/20 in die Illegalität abtauchten, war der Weltkrieg noch nicht vorbei. Vor einer Erneuerung des Waffenganges musste aber zunächst die Republik, die als schwächlich und zu nachgiebig gegenüber der Entente angesehen wurde, beseitigt werden. 

Vor allem die terroristische "Organisation Consul", die auf der Brigade Ehrhardt basierte, baute in München ein umfangreiches konspiratives Netz auf, das von der bayerischen Regierung und der Polizei teilweise geduldet, teilweise auch offen gefördert wurde.

Nach mehreren politischen Morden hieß es im Reichstag: “Der Feind steht rechts”

Die Attentate auf Philipp Scheidemann (SPD), Erzberger und Walther Rathenau (DDP) wurden von Aktivisten dieser Organisation geplant und ausgeführt. Der Mord an Erzberger wurde in weiten Teilen des nationalen Bürgertums begrüßt, weil er 1917 die Friedensresolution initiiert, 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet und maßgeblich zum Aufbau der parlamentarischen Demokratie beigetragen hatte. Rathenau hingegen konnten - abgesehen von seiner jüdischen Herkunft - auch Nationalisten nicht mit dem Dolchstoß in Verbindung bringen. 

Nach dem Mord kam es zu einer turbulenten Sitzung im Reichstag, bei der Kanzler Wirth (Zentrum) in einer improvisierten Rede sagte: "Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und [...] dieser Feind steht rechts." Der Tathergang wurde schnell ermittelt, die Hintermänner der Attentate blieben aber unbehelligt oder konnten ins Ausland fliehen. Hier wurde deutlich, dass die Justiz der Weimarer Republik tendenziell "auf dem rechten Auge blind" war. Dies zeigte sich auch bei dem nachsichtigen Urteil, das Hitler und Ludendorff wegen des Putschversuches vom 9. November 1923 erhielten.

Professor Barth ist Historiker und lehrt am Institut für Internationale Beziehungen der Karls-Universität Prag.

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