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Jubiläum
Volker Ullrich
Die vergessene Revolution

Erst 100 Jahre später rücken die Ereignisse von 1918/19 wieder in ein positiveres Licht

In seinen 1936 im südfranzösischen Exil geschriebenen Erinnerungen bemerkte Theodor Wolff, der frühere Chefredakteur des Berliner Tageblatts, im Rückblick auf die deutsche Revolution von 1918/19: "Bei der Berührung mit diesem Ereignis verflüchtigt sich aus der Sprache des Chronisten gewissermaßen jedes Atom einer pathetischen Substanz." Am 10. November 1918 hatte derselbe Theodor Wolff in einem Leitartikel für das, was gerade in Berlin geschah, noch andere Worte gefunden: "Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazugehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen wurde."

Mit dem Wandel seines Urteils stand der Journalist keineswegs allein dar. Vielmehr spiegelte sich darin ein allgemeiner Prozess der Umdeutung und Verdrängung der Revolution, der schon bald nach 1919 eingesetzt hatte. In der Rückschau erschienen die Ereignisse vom November 1918 in immer dunklerem Licht. Mit dieser Revolution mochte sich kaum jemand identifizieren, nicht einmal die Sozialdemokraten, die von der politischen Rechten als "Novemberverbrecher" verleumdet wurden. Bezeichnend war, dass sie sich nicht für den 9. November, sondern für den 11. August, den Tag der Unterzeichnung der neuen Verfassung durch Reichspräsident Friedrich Ebert, als wichtigsten Feiertag der Weimarer Republik entschieden.

So wurde der November 1918 nicht zum positiven Gründungsmythos der ersten deutschen Demokratie. Und in ihrer Schlussphase, vollends nach ihrem endgültigen Scheitern 1933, verstärkten sich die Zweifel, ob das, was sich in ihrer Geburtsstunde zugetragen hatte, überhaupt den Namen einer Revolution verdiente.

Nach 1945 änderte sich die Sicht grundlegend. Gleichzeitig geriet sie in den Sog des Kalten Krieges und der Systemkonkurrenz zwischen beiden deutschen Staaten. In der Bundesrepublik wurden die führenden Vertreter der SPD rehabilitiert. Ihnen wurde zugutegehalten, mit ihrem Kurs der scharfen Abgrenzung nach links und der engen Kooperation mit den alten Eliten des Kaiserreichs Deutschland vor "russischen Zuständen" bewahrt zu haben. Diese Deutung brachte der Kieler Historiker Karl-Dietrich Erdmann 1955 auf die Formel: Es habe nur eine Wahl gegeben - entweder eine proletarische Diktatur nach bolschewistischem Muster oder die parlamentarische Demokratie im Bündnis mit den konservativen Kräften.

Erdmanns These erlangte in der westdeutschen Geschichtsschreibung der 1950er Jahre nahezu kanonische Bedeutung. Dagegen wurde in der DDR ein Revolutionsbild gepflegt, das der SED-Parteilinie folgte. Die SPD-Führung wurde, anknüpfend an die Polemik der KPD während der Weimarer Republik, beschuldigt, 1918 eine mögliche grundlegende sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft verhindert, mithin die Revolution "verraten" zu haben. Folgerichtig feierte sich die DDR selbst als "ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden", der "das Vermächtnis der Novemberrevolution verwirklicht" habe.

In der Bundesrepublik setzte in den 1960er Jahren mit dem Ende der Adenauer-Ära und dem Beginn der Entspannungspolitik eine Revision ein. Die Konstruktion eines alternativlosen Entweder-Oder wurde aufgegeben zugunsten der These von einer relativen "Offenheit" der Situation, die den verantwortlichen Politikern einen relativ großen Handlungs- und Entscheidungsspielraum geboten habe.

In diesem Zusammenhang rückten die Arbeiter- und Soldatenräte in den Mittel-punkt des Interesses. Vordem als bolschewistische Importe verdächtigt, erschienen sie nun als Träger eines "radikaldemokratischen Potenzials", das, wäre es aufgegriffen worden, der Republik von Weimar zu größerer Stabilität hätte verhelfen können. Scharfe Kritik richtete sich an die Adresse der SPD-Volksbeauftragten, weil sie es versäumt hätten, dieses Potenzial für eine durchgreifende Demokratisierung des Obrigkeitsstaates nutzbar zu machen.

Das neue Bild der Revolution beherrschte die Forschungsdiskussion der beiden folgenden Jahrzehnte. Allerdings wurden seit den späten 1970er Jahren einige Korrekturen vorgenommen. Von einer romantischen Überhöhung der Rätebewegung, wie sie im Gefolge der Studentenrevolte von 1968 im Schwange war, rückte man ab. Eingehende regionalgeschichtliche Untersuchungen zeigten nämlich, dass die meisten Räte, jedenfalls in der ersten Phase der Revolution, weder radikaldemokratisch noch revolutionär waren, sondern sich eher als verlängerter Arm von SPD und Gewerkschaften verstanden und ihre Aufgabe vor allem in der Wahrung von "Ruhe und Ordnung" sahen.

Die Entmythologisierung der Rätebewegung ging einher mit einer deutlichen Ab-schwächung der Kritik an der SPD-Führung. Ihr wurde nicht mehr vorgeworfen, dass sie mit den Repräsentanten des alten Regimes zusammengearbeitet, sondern dass sie diese Zusammenarbeit über das unbedingt notwendige Maß hinaus betrieben habe. Bei größerem Gestaltungswillen, so lautete das Urteil des Berliner Historikers Heinrich August Winkler, hätten die Sozialdemokraten mehr verändern können und weniger bewahren müssen.

Mit der "friedlichen Revolution" von 1989 und dem Untergang der DDR endete auch die geschichtspolitische Konkurrenz, welche die Auseinandersetzung über das Erbe von 1918/19 beflügelt hatte. Das Interesse an der Novemberrevolution nahm spürbar ab. Anders als die gescheiterte Revolution von 1848, deren 150. Jubiläum 1998 in Wissenschaft und Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit fand, fristete die revolutionäre Zäsur von 1918 in der Erinnerungskultur des vereinigten Deutschland nur noch ein Mauerblümchendasein. Der Rostocker Historiker Alexander Gallus sprach anlässlich des 90. Jahrestags 2008 sogar von einer "vergessenen Revolution".

Das scheint sich in diesem Jahr, in dem sich die Novemberrevolution zum 100. Mal jährt, zu ändern. In Kiel, dem Ursprungsort, erinnert eine große Ausstellung - die erste überhaupt zum Thema in der Landeshauptstadt - an den Aufstand der Matrosen. Auch in Hamburg, Wilhelmshaven und anderen Orten widmen sich Sonderausstellungen den Ereignissen. Begleitet wird das neuerwachte Interesse von wissenschaftlichen Tagungen und einer Fülle an Publikationen. Versucht man, eine vorläufige Bilanz der vielfältigen Initiativen zu ziehen, so ergibt sich ein differenzierter Befund. Der Anfang der Republik wird nicht mehr ausschließlich aus der Perspektive ihres späteren Scheiterns betrachtet. Vielmehr wird das eigentümliche Janusgesicht der Revolution von 1918/19 deutlich. Auf der einen Seite wird deren Bedeutung für die deutsche Demokratiegeschichte hervorgehoben. Von einem "Aufstand für die Freiheit" spricht zum Beispiel der Historiker und Journalist Joachim Käppner in seinem Buch "1918", das er als "Beitrag zur Ehrenrettung der Revolutionäre" versteht.

Stärker als zuvor rücken dabei die Errungenschaften ins Bild: ein modernes Wahlrecht, das den Frauen erstmals das Stimmrecht gab; eine neue Verfassung, die die bürgerlichen Freiheitsrechte festschrieb; fortschrittliche Sozialgesetze wie die Einführung des Achtstundentags und die Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartner. Auf der anderen Seite werden aber auch die verpassten Chancen und Gefährdungen des demokratischen Aufbruchs von 1918 nicht verschwiegen. Als besonders gravierend gilt das Versäumnis der SPD-Volksbeauftragten, durch eine grundlegende Militärreform eine republiktreue Truppe aufzubauen. Stattdessen stützten sie sich auf das alte kaiserliche Militär und neugebildete Freikorps, die im Kampf gegen die radikale Linke auch vor Massakern nicht zurückschreckten. In einem aufsehenerregenden Buch ("Am Anfang war Gewalt") hat der englische Historiker Mark Jones die Gewaltexzesse im Frühjahr 1919 beschrieben, die sich als schwere Hypothek für die junge Republik erweisen sollten.

Der Umbruch von 1918/19 war nicht "die größte aller Revolutionen", aber doch, trotz aller Schattenseiten, ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Freiheitsbewegungen. Als ein solcher gebührt ihm endlich auch ein fester Platz im Gedächtnis unserer Republik.

Der Autor ist Historiker und Publizist und lebt in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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