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Ozeane
Martin Visbeck
Mythos in Gefahr

Seit jeher Inspiration und Sehnsuchtsort, sind die Meere heute verwundbarer denn je

Das Meer fasziniert und inspiriert. Seit Generationen beflügeln die scheinbar endlosen und rauen Weiten des Ozeans, die langen Strände, das bizarre Leben in der stockdunklen Tiefsee und das Zusammenspiel von Wind, Wellen und Licht an den Küsten Generationen von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern. In den Bildern des Expressionisten Emil Nolde flossen Ende des 19. Jahrhunderts Meer und Küste farbgewaltig und scheinbar grenzenlos ineinander. Caspar David Friedrich schuf mit seinem berühmten Gemälde "Der Mönch am Meer" 1810 das wohl leerste Bild der Kunstgeschichte. Darauf steht ein winziger Mensch an einem hellen Strand einem unerklärlichen, düsteren Kosmos gegenüber. Machtlosigkeit trifft auf Unendlichkeit - es sei, "als ob einem die Augenlieder weggeschnitten wären", urteilte der Erzähler Heinrich von Kleist beeindruckt über die unheimliche Weite des Gemäldes.

Viele von uns haben als Kind davon geträumt, Kapitän zu werden, ferne Länder zu entdecken und Schiffe heldenhaft durch Stürme und meterhohe Wellen zu steuern. Das Meer erschien uns rätselhaft und abenteuerlich.

Es waren Schiffe, die Kulturen zusammenbrachten und einst mit Krokodil-Schrumpfköpfen, riesigen Haifischzähnen, Giftpfeilen aus dem Amazonas, Meeresschildkrötenpanzern und Masken allerhand kuriose Gegenstände aus aller Welt in die Trödelläden der Hafenstädte beförderten. Die Handelsschifffahrt bereitete den Weg für die Globalisierung und eine florierende Weltwirtschaft.

Das Reisen über See war jahrhundertelang beschwerlich und voller Risiken. Es gab schlechtes Essen und faules Wasser. Krankheiten und Mangelernährung rafften ganze Besatzungen dahin. Schiffe zerschellten im Sturm an den Klippen. Wie in Richard Wagners Oper "Der fliegende Holländer" trieben mit Leichen besetzte Geisterschiffe oft Jahre über das Meer, bis sie endlich gefunden wurden. Heute sind Ozeanreisen bequem und sicher, Kreuzfahrtschiffe bieten ihren Passagieren größtmöglichen Luxus an Bord - die Seefahrt hat ihren Schrecken verloren.

Auch weil wir mehr über die Meere und ihre Bewohner wissen. Früher glaubten die Menschen, das Meer sei unendlich und würde von Seeungeheuern bewacht. Oder mündete es am Ende der Scheibe gar in einen großen Wasserfall? Heute ist klar, dass die Erdkugel zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt ist, dass Tiefseegräben tiefer sind als die höchsten Gebirge an Land. Und wir kennen die meisten der Fische und Meeressäuger, die in den Ozeanen leben.

Weitgehend unentdeckt und unerforscht ist hingegen die Tiefsee. Tiere erzeugen hier ihr eigenes Licht, teilweise leben sie Hunderte von Jahren. Immer wieder entdecken Forscher neue Arten. Wie viele es tatsächlich gibt, ist unklar. Auch ist das Relief des Meeresbodens bislang nur zu fünf bis sieben Prozent mit hoher Auflösung vermessen.

Faszination des Unbekannten Die große Unbekannte, die Tiefsee, inspirierte unter anderem Jules Verne zu seinem 1870 erschienenen Roman "Nautilus, 20.000 Meilen unter den Meeren". Darin steuert der legendäre Kapitän Nemo ein acht Meter breites und 1.500 Tonnen schweres Tauchboot in die Meerestiefen; Verne nahm damit die technische Entwicklung des Unterseebootes vorweg. Das Buch traf den Nerv der Leser vor allem, weil deren Glaube an die technische Machbarkeit im späten 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung erlebte.

Frank Schätzing verwob in seinem Welterfolg "Der Schwarm" (2004) die Faszination der Tiefsee mit dem Unbehagen vor dem Unbekannten und potenziell lauernder Gefahr. Sonst harmlose Meerestiere werden in seinem Roman plötzlich aggressiv und greifen Menschen und Schiffe an, rätselhafte Würmer bringen die Welt an den Abgrund.

Schon Ernest Hemingway hatte 1951 in seiner Novelle "Der alte Mann und das Meer" eindrucksvoll die Dramatik der Mensch-Meer-Beziehung beschrieben. Ein armer Fischer fängt darin nach 84 Tagen erfolglosem Fang endlich einen großen Marlin, schafft es aber nicht, ihn gegen die gefräßigen Haie zu verteidigen und heil an Land zu bringen. Er scheitert, wie schon hundert Jahre zuvor der besessene Kapitän Ahab in "Moby Dick" von Herman Melville (1851). Ahab will sich am weißen Wal rächen, der ihm ein Bein abgerissen hat - und fällt am Ende Meer und Wal zum Opfer.

In all diesen Geschichten zeigt sich der Respekt vor der Unbändigkeit und Unbezwingbarkeit des Meeres, fast immer besiegt am Ende der Ozean den Menschen. Dennoch suchen wir immer wieder dessen Nähe. Dafür gibt es auch handfeste ökonomische Gründe: Das Meer liefert den Menschen Nahrung in Form von Fisch und Meeresfrüchten. Und es ist ein überaus bedeutender Transportweg - 90 Prozent der weltweiten Güter werden heute über die Ozeane transportiert.

Schon zu Zeiten der Wikinger und später der Hanse galt: Wer in der Nähe eines Hafens lebt und produziert, kann effizient am (Welt-)Handel teilnehmen. Inzwischen liegen 15 der 20 größten Megastädte an der Küste, darunter Mumbai (Indien) mit 18,2 Millionen Einwohnern und Dhaka (Bangladesch) mit 14,4 Millionen. Mit Umland beherbergen die Küsten-Megacities rund 2,8 Milliarden Menschen - mit rasant ansteigender Tendenz.

Begrenzte Ressourcen Als einzigartiger Lebensraum prägen die Ozeane auf vielfältige Weise auch den Zustand der Erde insgesamt, etwa durch ihren Einfluss auf das Klima. Doch Überfischung, Umweltverschmutzung und der übermäßige Ausstoß von Treibhausgasen belasten sie stark. Die vergangenen Dekaden haben gezeigt: Die Ressourcen sind begrenzt und marine Ökosysteme verwundbar.

In den vergangenen 50 Jahren hat eine hoch industrialisierte Fischerei etwa dazu geführt, dass mehr als 60 Prozent der Fischbestände maximal überfischt sind und einige Arten bereits ganz ausgerottet wurden (siehe Seite 8). Und selbst der Meeressand, wichtig für die globale Betonproduktion, wird knapp.

Umgekehrt gelangen jährlich bis zu acht Millionen Tonnen Plastikmüll ins Meer (Seite 6). Auch das ist ein Problem, das sich aufgrund der rasant wachsenden und entwickelnden Weltbevölkerung weiter verschärfen wird.

»Blaue Ökonomie« Heute wissen wir, dass die Zukunft der Menschheit auch von ihrem Umgang mit den Ozeanen abhängt. Nutzung und Schutz der Meere müssen daher dringend in Einklang gebracht werden. Voraussetzung ist ein noch besseres Verständnis für die Ökosysteme Ozean und Küste und die Zusammenhänge in den Ozean-Mensch-Wechselbeziehungen. Aber auch ein starker politischer Wille und das Bewusstsein, dass nachhaltige Entwicklung auch die marine Umwelt berücksichtigen muss. Dass es in der im Januar 2016 in Kraft getretenen Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ein eigenes Nachhaltigkeitsziel für den Ozean gibt (Ziel 14), bietet Anlass zur Hoffnung.

Die Wissenschaft sucht ebenfalls nach Lösungen. Unter anderem beschäftigt sich ein jüngeres Forschungsgebiet mit der Frage, welche Narrative die öffentliche Debatte über den Meeresschutz positiv beeinflussen könnten. Die Rede ist dann etwa von der "Blauen Ökonomie" (Blue Economy) oder vom "Blauem Wachstum" (Blue Growth). Ziel ist es, die Menschen zu einem besseren Umgang mit diesem so sensiblen Ökosystem zu bewegen. Und deutlich zu machen: Nur wenn die marinen Ressourcen in Zukunft gerechter genutzt und verteilt werden, können auch die nachkommenden Generationen sich an Faszination und Reichtum der Meere erfreuen.

Der Autor arbeitet am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ist Sprecher des Exzellenzclusters "Ozean der Zukunft".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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