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Gastkommentare - Contra
Stephan Hebel, Freier Journalist, Frankfurt am Main
Nicht mit Zwang

Brauchen wir eine allgemeine Dienstpflicht?

Man kann durchaus für Dinge eintreten, die zunächst unrealistisch erscheinen. Das könnte sogar ruhig öfter vorkommen, denn Visionen sind besser als ihr Ruf. Auf die Sache mit der Wehr- oder Dienstpflicht trifft das allerdings weniger zu. Sie ist nicht nur unrealistisch, weil mit der Wehrpflicht auch die Ungerechtigkeiten, die sie zuletzt mit sich brachte, wieder eingeführt würden. Sondern auch, weil die Idee sich ziemlich heftig am Grundgesetz stößt. Vom Fehlen parlamentarischer Mehrheiten ganz abgesehen.

Nein, der Vorschlag widerspricht auch einem zentralen Element, durch das das Engagement für das Große und Ganze erst seinen vollen Wert gewinnt. Das ist die Freiwilligkeit. Wer beklagt, dass zu viele nur an eigene Interessen denken, sollte sich - ob als Politiker oder zum Beispiel als Wirtschaftsführer - vorbildlich verhalten und konsequent am Gemeinwohl orientieren. Das würde womöglich mehr bewirken als gesetzlich verfügter Zwang. Wer in dieser Gesellschaft wenig verdient oder verzweifelt einen Kita-Platz sucht, darf sich schon mal fragen, wie weit die Gemeinwohl-Orientierung bei den Entscheidungsträgern reicht.

Die Debatte über Wehr- und Dienstpflicht hat zudem einen faden Beigeschmack: Hier und da stellt sich der Eindruck ein, die allgemeine Pflicht werde zum Dienst an der Gesellschaft ins Feld geführt, obwohl es in Wahrheit vor allem oder ausschließlich darum geht, die Löcher in der Bundeswehr zu stopfen (was kaum gelingen würde) und den konservativen Flügel der Union zu bedienen.

Wer eine solidarische Gesellschaft will, sollte dafür werben - und politisch daran arbeiten, statt über Zwang zu reden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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