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Gastkommentare - Pro
Julia Weigelt, Freie Journalistin, Hamburg
Wichtige Erfahrung

Brauchen wir eine allgemeine Dienstpflicht?

Das Problem ist die Selbstverständlichkeit - mit der wir zum Arzt gehen, wenn wir krank sind oder frische Luft atmen, wenn wir nach draußen gehen. Dass dies ganz und gar nicht selbstverständlich ist, erkennen viele Menschen erst, wenn sie nach einem Unfall nicht mehr laufen können oder auf Reisen den Smog chinesischer Großstädte einatmen.

Für uns als Gesellschaft ist es wichtig, die vielen Dinge wertzuschätzen, die in Deutschland besser klappen als in beinahe allen anderen Ländern der Welt. Eine allgemeine Dienstpflicht ist für junge Leute die beste Gelegenheit, diese Wertschätzung zu kultivieren. In Krankenhäusern, Pflegeheimen oder der Bahnhofsmission kommen sie in Kontakt mit Menschen, denen es gerade nicht so gut geht. In Naturschutzorganisationen können junge Menschen lernen, wie rasant ihre Eltern Ressourcen verbrauchen - und es selber besser machen. Als Rekruten in der Bundeswehr machen sie sich klar, wie fragil der Frieden auf der Welt ist - selbst in Europa. Erfahrungen, die zum Erwachsenwerden dazugehören.

Eine allgemeine Dienstpflicht ist vor allen Dingen eine Chance für junge Menschen - und gleichzeitig ein Beitrag für eine Gesellschaft, von der junge Leute schon profitiert haben und noch profitieren werden. Dafür muss das Grundgesetz geändert werden: Denn eine solche Dienstpflicht muss auch für Frauen gelten und nicht, wie bislang vom Grundgesetz festgelegt, nur für Männer. Diese Regelung ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. In Auslandseinsätzen auf der ganzen Welt zeigen Soldatinnen, dass sie ein wichtiger Teil der Bundeswehr sind. Es gibt damit keinen Grund, sie von einer allgemeinen Dienstpflicht auszunehmen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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