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Deutsche Bank
Holger Zschäpitz
Gipfelstürmer im Sturzflug

Die Geschichte des Geldinstituts könnte Romane füllen - inklusive des seit Jahren anhaltenden Abstiegs

Die ultimative Demütigung ereignete sich am 13. August 2018. An diesem Tag hat das Finanz-Startup Wirecard mit 21,1 Milliarden Euro die Deutsche Bank an der Börse überholt. Wirecard ist kein Google der Finanzindustrie wohlgemerkt. Das Unternehmen mit seinen 4.450 Mitarbeitern sitzt in Aschheim vor den Toren Münchens und verdient Geld mit Dienstleistungen rund um die Zahlungsabwicklung. Dass ausgerechnet ein solch kleines Unternehmen mit einem eher schwer zu vermittelnden Geschäftsmodell mehr wert sein soll als Deutschlands Branchenprimus, ist erstaunlich. Vor allem aber ist es ein Zeichen dafür, wie tief die Deutsche Bank gefallen ist.

Dabei ist kein anderes Bankhaus so eng mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Die Deutsche Bank hat den Aufstieg des Landes vom Kaiserreich bis zum Export-Weltmeister maßgeblich finanziert und von dieser Rolle als Keimzelle der Deutschland AG entscheidend profitiert. Doch während die Exportnation Deutschland heutzutage weiterhin von einem wirtschaftlichen Erfolg zum nächsten eilt, wirkt es mittlerweile so, als säße die Deutsche Bank in einem ganz anderen Land. Das mächtige Finanzhaus hat in den vergangenen Jahrzehnten schweren Schaden genommen. Die Ursachen dafür liegen nicht allein in der Finanzkrise 2008, sondern sind zum größten Teil hausgemacht. Bis heute folgt ein Restrukturierungsprogramm aufs nächste und bis heute versucht die Bank, eine neue Strategie für die Zukunft zu finden. Bisher erfolglos. Der Niedergang scheint nicht zu stoppen. Dabei zeigt der Blick in die Historie, dass es für das Institut einen klaren Weg aus der Krise geben könnte.

Aufbruch in Preußen Eine Bank passend zur wirtschaftlichen Stimmung in Deutschland - das ist das Ziel, das den Berliner Privatbankier Adelbert Delbrück im Jahr 1869 umtreibt. Es ist die Zeit der Industrialisierung, die Zeit des Eisenbahnbaus, die Zeit der bahnbrechenden Erfindungen. Preußens Wirtschaft will mitspielen bei dem Wettrennen um Macht und Geld, doch die Unternehmen jener neuen Industrien, die sich gerade bilden - Konzerne wie Siemens, Bayer und BASF - haben das Nachsehen. Denn die Auslandsfinanzierung läuft zu diesem Zeitpunkt über die mächtigen britischen Banken.

Delbrücks Vorstoß ist daher so etwas wie eine Revolution: eine Deutsche Bank, die bevorzugt den Fortschritt im eigenen Land finanzieren soll. Er gewinnt schnell Unterstützer und bekommt im März 1870 die ersehnte Konzession von der preußischen Staatsregierung: Die Deutsche Bank wird aus der Taufe gehoben. Das Statut der Bank gibt die Richtung vor: "Der Zweck der Gesellschaft ist der Betrieb von Bankgeschäften aller Art, insbesondere die Förderung und Erleichterung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland, den übrigen europäischen Ländern und überseeischen Märkten."

Der Ansatz zieht: Unter den 76 Erstzeichnern, die das Grundkapital bereitstellen, sind viele Privatbankiers. An der Börse wird die neue Bank euphorisch begrüßt. Das zwei Millionen Taler schwere Aktienpaket ist schließlich 150fach überzeichnet.

Die Gründer nutzen das Kapital, um die Bank schnell groß zu machen. Auch im Ausland: Bereits 1872 eröffnet das Institut Filialen in Shanghai und Yokohama, ein Jahr später folgt London. Zudem mischt die Bank kräftig mit beim wachsenden Geschäft mit Beteiligungen. Nahezu keine Zukunftsindustrie, in der die Banker schließlich nicht auch die Strippen ziehen.

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen bremsen den Aufstieg, allerdings gelang es der Deutschen Bank dank ihres Geschäftsmodells, 1931 als einzige Großbank der Verstaatlichung zu entgehen. Es folgten die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Jüdische Vorstandsmitglieder wurden aus der Bank verbannt, die Vermögenswerte jüdischer Kunden konfisziert und an das Deutsche Reich abgeführt. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützte die Bank die Machthaber dabei, das Gold von Holocaustopfern weiterzuverkaufen. Das Institut vergab außerdem Kredite an Baufirmen, die in Auschwitz das Werk der IG Farben und das Konzentrationslager errichteten. Der damals größte Chemiekonzern der Welt nahm eine zentrale Rolle in der Wirtschaft des Nationalsozialismus ein. Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs, der dem Vorstand der Bank seit 1937 angehörte, war damals Mitglied im Aufsichtsrat der IG Farben.

Prägende Führung Nach dem Krieg wurde die Bank teilweise verstaatlicht und in zehn kleinere Einheiten aufgeteilt. Unter dem Namen "Deutsche Bank" durfte kein Bankgeschäft mehr getätigt werden. Das Comeback war eng mit der politischen Rehabilitation und dem Aufstieg Abs' im Nachkriegsdeutschland verbunden. Er, der zeitweise als Außenminister Konrad Adenauers im Gespräch war, setzte als Vorstandschef der staatlichen KfW den Marshall-Plan für Deutschland um und sorgte dafür, dass die Gelder in den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft flossen. Er handelte das Londoner Schuldenabkommen von 1953 maßgeblich mit aus, das die deutsche Wirtschaft im Ausland wieder glaubwürdig macht.

Vier Jahre später, als das Wirtschaftswunder in Deutschland in Gang kam, übernahm Abs erneut die Geschäfte der Deutschen Bank und zog von der Schaltzentrale des Geldes aus die Fäden. Er hatte zeitweise bis zu 30 Aufsichtsratsmandete inne. Es war die Geburtsstunde der Deutschland AG. Für die Bank zahlte sich das aus, denn die vielen persönlichen Kontakte des Vorstandschefs brachten jede Menge Neugeschäft. Unter Abs und seinen Nachfolgern im Vorstand wurde die Deutsche Bank über die Jahrzehnte zum unangefochtenen Branchenprimus des Landes. Sichtbar wurde das auch an ihrem Beteiligungsportfolio. Die Deutsche Bank hielt maßgebliche Anteile an den größten Konzernen des Landes.

Doch sie strebte nach Höherem. Immer wieder stellten die Deutschbanker jener Jahre öffentlich klar, dass das angelsächsische Bankenmodell das aus ihrer Sicht erstrebenswerteste war. "Was wir bewundern und nicht besitzen, ist die angelsächsische Kultur im Geldgeschäft", konstatierte der damalige Vorstandschef Alfred Herrhausen 1989. Kurz darauf übernahm das Institut die britische Investmentbank Morgan Grenfell.

Selbst das reichte noch nicht. Denn das, was die Bank vor allem groß gemacht hatte, das Geschäft mit mittelständischen Kunden und privaten Sparern, brachte längst nicht dieselben Renditen wie das glamouröse Geschäft, auf das sich die Wall Street Banken so trefflich verstanden: das lukrative Geschäft mit den Fusionen und Übernahmen, die Ausgabe von Aktien und Anleihen und nicht zuletzt der spekulative Eigenhandel an den Finanzmärkten. Während die amerikanischen Banken dank dieser Strategie mit Renditen von 25 Prozent protzten, mussten sich die deutschen Universalbanken mit ihrem braven Geschäftsmodell mit Renditen von etwa 15 Prozent begnügen.

Um den Rückstand aufzuholen, stürzte sich die Bank mit Verve in das Investmentbanking-Geschäft. In den Folgejahren warb das Frankfurter Institut Spitzenkräfte aus der amerikanischen und britischen Bankindustrie ab, darunter auch den späteren Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain. Zur Abwerbepraxis jener Jahre gehörte auch, dass die Investmentbanker als Stars ihrer Branche mit ganzen Teams wechselten und auf diese Weise die Kultur eines Instituts entscheidend verändern konnten.

Zum wirklichen Kulturschock für die Bank aber kam es 1999. Damals übernahm die Deutsche Bank die US-Investmentbank Bankers Trust, die als Bad Boy der Wall Street galt. Zu Recht, wie sich später herausstellen sollte. Zwei Kulturen prallten aufeinander: die der aggressiven und rastlosen Investmentbanker, die das schnelle Rad drehten, und die der konservativen Nadelstreifenbanker in Frankfurt, die ihren Kunden "geduldiges" Kapital zur Verfügung stellt. Der Vorstand der Deutschen Bank hatte wenig Erfahrungen mit den Regeln des Investment Banking und ließ britischen und später amerikanischen Bankern, die man übernommen hatte, völlig freie Hand. Die Chefetage in Frankfurt war nicht in der Lage, ausreichend Kontrolle auszuüben. Das mag auch am Format des Spitzenpersonals gelegen haben. Auf die Schwergewichte Hermann Josef Abs bis 1967 und dem einflussreichen Alfred Herrhausen, der zwischen 1985 und seiner Ermordung Ende 1989 die Deutsche Bank zu einem Institut mit Weltstatus umbaute, folgten Manager mit weniger Fortune. Weder Hilmar Kopper, noch Rolf Breuer oder Josef Ackermann haben es je geschafft, die Fußstapfen ihrer Vorgänger auszufüllen.

So konnten die Investmentbanker ihre Macht innerhalb der Bank stetig ausbauen. Die Sparte steuerte einen immer größeren Teil zum Gesamtgewinn bei. Als Ackermann quasi am Vorabend der Finanzkrise für 2007 einen Vorsteuer-Rekordgewinn von 8,7 Milliarden Euro verkündete, steuerten die Angelsachsen etwa 60 Prozent zum Gesamtergebnis bei.

Niedergang Die Finanzkrise brachte das böse Erwachen. Auch wenn das Institut nicht gerettet werden musste, rissen die Verluste dicke Löcher in die Kapitaldecke. Während Ackermann auf dem Höhepunkt der Bankenkrise für strauchelnde Institute wie die IKB oder die Hypo Real Estate mit der Bundesregierung staatliche Rettungsmilliarden aushandelt, verzichtete er für sein Institut auf Staatsgelder. Es wäre, so sagte er damals, eine "Schande", Geld vom Steuerzahler zu nehmen. Diese Einschätzung sollte sich als kapitaler Fehler erweisen. Während sich die amerikanischen Häuser dank Staatshilfen rasch von der Krise erholten, schleppte sich die Deutsche Bank mit dezimierter Finanzdecke mühsam voran und musste mehrere Kapitalerhöhungen stemmen.

Auch das nahezu unkontrollierte Schalten und Walten der Investmentbanker in den Neunzigern und zur Jahrtausendwende rächte sich. Es wurde offenbar, dass sich die Deutsche Bank milliardenschwere Abschreibungen und juristische Risiken eingehandelt hatte. Gefühlt war das Geldhaus in jeden größeren Bankenskandal jener Jahre verwickelt: ob bei der Manipulation des wichtigen Zinssatzes, dem Libor-Skandal, oder windigen Immobiliengeschäften - der Name Deutsche Bank tauchte auf.

Die Aufarbeitung der Rechtsstreitigkeiten lähmte in den Jahren nach der Finanzkrise das Bankgeschäft und machte den wechselnden Vorstandssprechern, wie die Spitzenmanager bei der Deutschen Bank heißen, das Leben schwer. Der Abgang von Ackermann wurde zum Problemfall. Er hatte keinen Kronprinzen aufgebaut und blieb daher zwei Jahre länger, bis 2012, an der Spitze. Nach einem zähen Ringen um die Macht in der Bank wurde schließlich eine Doppelspitze etabliert. Deutschland-Chef Jürgen Fitschen und Investmenbanking-Chef Anshu Jain sollten die Bank führen, die beiden Kulturen des Hauses repräsentieren und den Neuanfang hinbekommen. Doch der Wandel gelang nicht, die Bank wurde eher zu einer Art Selbstbedienungsladen für Investmentbanker. Obwohl die Gewinne stetig schrumpften, flossen die Boni. 2015 beispielsweise wurden 2,4 Milliarden Euro ausgeschüttet, obwohl das Institut einen Milliardenverlust ausweisen musste. Auch John Cryan, der 2015 mit dem Turnaround der Deutschen Bank betraut wurde, blieb glücklos und wurde 2018 durch Christian Sewing abgelöst.

Im globalen Banking ist die Deutsche Bank nun eine kleine Nummer. Spielte sie in 1990er-Jahren beim Börsenwert noch auf Augenhöhe mit den amerikanischen Instituten und war sogar mehr wert als JP Morgan, bringt sie heute nurmehr ein Sechzehntel des Börsenwerts von JP Morgan auf die Waage.

"Trotz massiver Anstrengungen hat es die Deutsche Bank nie geschafft, eine große Nummer im Investmentbanking zu werden, und beide Kulturen wirklich miteinander zu versöhnen", sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Die Bank habe zeitweise ihre Herkunft verleugnet, ihr wirtschaftlicher und moralischer Niedergang sei ein lehrreiches Beispiel dafür, was passiere, wenn ein Unternehmen vorschnell eine angelsächsische Kultur übernehme, die nicht wirklich passt: "Hilmar Kopper hat mir einmal gesagt: 'Hätte ich damals schon die Folgen abschätzen können, wäre es wohl besser gewesen, den Finanzmathematikern Hausverbot zu erteilen.'"

Für den Bielefelder Historiker steht außer Frage, wo die Reise für die Deutsche Bank in Zukunft hingehen muss - nämlich zurück zu einem Geschäft, das sich auf die Finanzierung der weltweit erfolgreichen Konzerne im Inland besinnt: "Ich würde der Deutschen Bank den Rat geben, auf ihren Ursprungsmarkt zurückzukehren, der vor dem Hintergrund deutscher Exportweltmeisterschaft immer noch boomt."

Die Autoren sind Redakteure der Zeitung "Die Welt".

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