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Island
Clemens Bomsdorf
Wo jeder jeden kennt

Zehn Jahr nach der Krise geht es dem Land wieder gut. Doch Probleme bleiben

"Gott schütze Island" - es waren Worte der Verzweiflung, mit denen der damalige isländische Regierungschef Geir Haarde Anfang Oktober 2008 seine Rede beendete. Haarde hatte seinen Mitbürgern just offenbart, dass das kleine Land am Rande des Staatsbankrotts stand. Die privaten Banken waren zu groß geworden für den Inselstaat mit seinen rund 334.000 Einwohnern. Zu groß, um die Wirtschaft nicht in eine riesige Krise zu stürzen, als klar war, dass sie ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Ein wirtschaftliches und politisches Beben erschütterte die Insel, Banken wurden verstaatlicht, die Regierung trat zurück.

Das ist zehn Jahre her. Damals hatte fast jeder Ökonom wie Politiker erwartet, dass das Land weit mehr als nur ein paar Jahre darben würde. Doch stattdessen ging es überraschend schnell wieder aufwärts. Im Jubiläumsjahr der Krise ist Island reicher als je zuvor. Das Wachstum ist längst zurück: 2017 legte die Wirtschaft um 3,6 Prozent zu. Arbeitslosigkeit ist mit aktuell 2,5 Prozent wie in besten Zeiten nahezu ein Fremdwort. Weil ausländische Gläubiger ihre Bankeinlagen bei den isländischen Finanzinstituten abschreiben mussten und vor allem, weil der Tourismus Dank lange Zeit schwacher Krone seit Jahren boomt, hat Island es geschafft, wieder zu den reichsten Ländern Europas aufzusteigen.

Nachholbedarf Moralisch gibt es aber weiter Nachholbedarf. Dass die Banken so unkontrollierbar werden konnten, lag daran, dass Politik und Aufsichtsbehörden diese nicht genug überwachten - weil in Island, grob gesagt, jeder jeden kennt und die Kontrollmechanismen nicht gut genug funktionieren. Das gilt in großem Umfang weiterhin. Sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft gibt es einen kleinen Zirkel eng verbundener Gruppen, die relativ viel Macht haben. "Die Netzwerke von vor der Krise sind noch da", sagt Jón Ólafsson, Professor für vergleichende kulturelle Studien an der Universität Island und Vorsitzender von Gagnsæi, der isländischer Partnerinstitution der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. Seit 2008 haben sich immer wieder sehr viele Isländer zu Demonstrationen gegen Banker und Politiker versammelt. Dennoch gilt laut Ólafsson: "Die isländische Zivilgesellschaft ist schwach." Zu wenige würden wirklich daran arbeiten, dass nur einzelne Politiker oder Banker zur Verantwortung gezogen würden, sondern dass sich am isländischen politischen System etwas ändert. "Das ist nötig, damit Politiker und andere von vornherein verantwortlicher handeln", sagt auch Eirikur Bergmann, Politikprofessor an der isländischen Universität Bifröst.

Der im Frühjahr veröffentlichte Korruptionsbericht des Europarates stellt fest, dass es trotz einer vor ein paar Jahren etablierten Anti-Korruptions-Kommission noch immer keine Strategie gebe, um Integrität in staatlichen Institutionen zu fördern. Auch beim Lobbyismus gebe es Regulierungsbedarf. Das meint auch Ólafsson: Partikularinteressen werde weiterhin zu sehr nachgegeben. Aktuell ist das beim Tourismus zu erkennen. Dieser müsste stärker gesteuert werden, um die Natur nicht zu zerstören. Das hatte auch schon die OECD angemerkt. Laut Ólafsson scheitert die Regulierung aber daran, dass dies zu Lasten der Profite der Tourismusgesellschaften gehen und womöglich Islands wichtigen Wirtschaftszweig kurzfristig schaden würde.Clemens Bomsdorf

Der Autor ist freier Nordeuropa-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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