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Marija Kolak
Hans-Jürgen Leersch
»Die Zeit ist nicht reif«

Deutschlands oberste Genossenschaftsbankerin lehnt eine EU-Einlagensicherung ab. Das Genossenschaftsmodell hält sie für wetter- und zukunftsfest

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einer der Väter des Genossenschaftsgedankens und damit auch der Genossenschaftsbanken, wurde vor 200 Jahren geboren. Wird es an seinem 210. Geburtstag noch Filialbanken in Deutschland geben?

Davon gehe ich fest aus. Die ersten Genossenschaften entstanden auch in einer Zeit des Umbruchs. Es gab Landflucht im Zuge der Industrialisierung. Und die Grundwerte unserer Organisation wie Eigenverantwortung und Selbsthilfe sind heute so aktuell wie damals. Verändert hat sich das Kundenverhalten. Mittlerweile ist die Bank über Smartphones bereits in der Hosentasche. Wenn die Kunden von uns erwarten, einfache Dinge vom heimischen Sofa aus zu erledigen, bieten wir das an. Auf der anderen Seite werden wir immer auch Anlaufstationen haben, wo Mitglieder und Kunden einen persönlichen Ansprechpartner finden und sich nicht auf einer Homepage über 25 Seiten durchklicken müssen, bis sie eine Mail abschicken können. Wir sind die Bankengruppe mit einem der dichtesten Filialnetze in Deutschland. Dennoch stellen wir uns auf Veränderungen ein. Neben Zweigstellen und digitalen Kanälen bieten einige Institute sogar einen mobilen Bankbus an.

915 genossenschaftliche Banken gibt es, im Vorjahr waren es 972. Wie weit soll die Zahl noch sinken?

Strukturen im Land und in der Gesellschaft ändern sich. Davon bleibt der Bankbereich genauso wenig verschont wie andere Bereiche, etwa die ärztliche Versorgung auf dem Land. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wachstum der genossenschaftlichen Bankengruppe: Die Zahl von 18,5 Millionen Mitgliedern ist genauso ein historischer Höchststand wie die Zahl von mehr als 30 Millionen Kunden. Wir sind derzeit die profitabelste Bankengruppe Deutschlands. Das geht nur, weil wir vor Ort unterwegs sind. Unsere Vorstände verantworten dort das Geschäft, wo sie zu Hause sind und wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben. Bei uns wechselt man nicht alle drei oder vier Jahre von einer Station zur anderen wie in Konzernen, sondern es gibt bei uns Banken, bei denen es über Jahrzehnte nur wenige Vorstandswechsel gab. Das ist Ausdruck von Kontinuität und regionaler Kenntnis und auch Grundlage des Erfolgs unseres Geschäftsmodells.

Wird mit weiteren Fusionen die regionale Kreditversorgung schwieriger?

Nein. Es gilt weiter der Grundsatz, dass wir für unsere mittelständischen Kunden da sind. Ich bin zum Beispiel früher im Rahmen der Firmenkundenberatung mit einem brandenburgischen Chicorée-Produzenten über dessen Felder gestiefelt. Die Mittelständler schätzen diese Nähe und dass der Vorstand zum Kunden kommt. Die Regionalität gehört zur DNA der genossenschaftlichen Bankengruppe. Auch in Zeiten der Globalisierung unterstützen wir die Wirtschaftskreisläufe vor Ort und tragen damit zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei.

Früher kamen die Menschen mit dem Sparbuch in die Filiale. Heute legen sie oft Geld über Online-Portale zum Beispiel in Bulgarien an, und Einlagensicherung gibt es dort auch. Was können Filialbanken dem entgegensetzen?

Die Genossenschaftsbanken haben ein solides Wachstum im Einlagengeschäft. Die "Zinshopper", die sogar für Zehntelprozente schnell wechseln, um sich die besten Konditionen zu sichern, hat es immer schon gegeben. Sie sind heute online unterwegs. Beachtet werden sollte jedoch das "Goldene Dreieck" der Anlage: Sicherheit, Liquidität und Verzinsung. Alle drei Faktoren können nicht gleichzeitig erhöht werden. Eine gute Beratung kann über die Zielkonflikte bei der Anlage informieren, die persönliche Einkommens- und Vermögenssituation berücksichtigen und ein nachhaltiges Angebot machen. Es ist ähnlich wie in der Reisebranche: Urlaub kann mit Klicks gebucht werden oder mit persönlicher Beratung im Reisebüro. Und der Trend zur Beratung nimmt wieder zu.

Auch Kredite gibt es über Online-Plattformen. Gelockt wird dort sogar mit "Negativ-Zinsen". Ist das eine Modeerscheinung oder nicht?

Es gibt immer außerordentliche Aktivitäten von Marktteilnehmern. Das sind Schaufensterkonditionen für die Trefferlisten von Internet-Suchmaschinen. Wenn es ernst wird, etwa bei einer Baufinanzierung, werden diese Anbieter oft teuer. Wir möchten uns mit den Marktplätzen nicht vergleichen, sondern setzen auf Beratung mit einer ausgewogenen Balance von Preis und Leistung. Wir sind auch für Arbeitsplätze verantwortlich. In der genossenschaftlichen Finanzgruppe waren Ende letzten Jahres 177.248 Mitarbeiter beschäftigt, und wir zahlen hier unsere Steuern. Genossenschaftliche Banken sind der Förderung ihrer Mitglieder verpflichtet und nicht primär der Gewinnmaximierung. Das führt zu einem nachhaltigen Wirtschaften.

FinTechs wohnt der Zauber des Neuen inne. Alles modern und online. Sind FinTechs und die neuen Internetbanken für die traditionelle Kreditwirtschaft eine Bedrohung?

Da sind junge Unternehmen sehr kreativ unterwegs. Wie allen Wettbewerbern bringen wir auch ihnen Wertschätzung und Respekt entgegen. Start-ups sind Existenzgründer. Es wird aber oft mit solchen Begriffen nicht nur im Finanzwesen suggeriert, dass tradierte Branchen und Unternehmen nicht innovationsfähig seien. Das ist falsch. Es sollte nicht vergessen werden, dass auch die Finanzbranche für bahnbrechende Erfindungen steht - vom Bankautomaten bis zum Onlinekonto. Auch die Girocard gehört dazu. Vergessen sollten wir nicht, dass es in den 1960er Jahren teilweise noch Lohntüten statt Gehaltskonten gab.

Für Banken sind Vertrauen und Sicherheit die höchsten Güter. Wir können unseren Kunden nicht mit halbfertigen Produkten kommen und einfach mal etwas ausprobieren. Eine Bedrohung sind diese Unternehmen für uns nicht, viele Banken arbeiten mit diesen Unternehmen zusammen, die zum Teil ihre Experimentierphase mit Lounge-Atmosphäre und Fußball-Kickern auf dem Flur hinter sich gelassen haben. Wir wollen aber gleiche Wettbewerbsbedingungen, zum Beispiel in der Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung und weiteren Regulierungsansätzen.

Der Kunde, so sagt die Politik, muss vor unseriösen Anlageprodukten geschont werden. Kein Anlagebereich soll unreguliert bleiben. Trotzdem kommt es regelmäßig zu neuen massiven Verlusten von Anlegergeld, zuletzt zum Beispiel beim Containervermittler P&G, zuvor auch durch geschlossene Fonds. Die andere Seite ist eine massive Bürokratie mit Papierbergen vor Formularen. Ist bei der Regulierung übertrieben worden?

Eindeutig Ja. Das sehen wir zum Beispiel bei der Umsetzung der Richtlinie MiFID II. Kunden fühlen sich durch die neuen Vorschriften im Wertpapiergeschäft bevormundet. Es stört sie, dass die Berater gemäß der Vorgaben Telefongespräche aufzeichnen müssen. Die Dokumentationspflichten müssen während des Gesprächs vorgenommen werden, und plötzlich läuft der Börsenkurs, zu dem der Kunde ordern wollte, weg. Viele Kunden reagieren mit Unverständnis auf die gesetzlich vorgeschriebenen Unterlagen.

Verbraucherschutz gehört zu unserem Selbstverständnis. Unsere Mitarbeiter wollen die Kunden ordentlich beraten. Sie sehen die Kunden doch regelmäßig wieder - nicht nur in der Bank, sondern im Kindergarten oder beim Einkaufen. Natürlich kann wie überall im Leben einmal ein Fehler passieren. Aber deshalb dürfen Banken nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Dies hat populistische Züge und damit werden Stimmungen gemacht. Es sollte nicht vergessen werden, welchen Beitrag wir für die öffentliche Infrastruktur leisten und für die Wirtschaft. Die Banken haben einen ähnlich hohen Anteil an der Wertschöpfung wie etwa der Maschinenbau oder die Chemieindustrie. Wir brauchen einen angemessenen Rahmen, in dem wir uns unternehmerisch verantwortungsvoll bewegen können.

Hier bekommen Kunden zur Depoteröffnung einen Aktenordner und müssen stundenlang Formulare ausfüllen. Die Niederlande sind auch in der EU und dort dauert eine Depoteröffnung (laut Werbung) "nur wenige Minuten". Wird in Deutschland übertrieben?

EU-Gesetzgebung wird in Deutschland gerne mit noch höheren Auflagen versehen. Es gibt hierzulande eine höhere Absicherungsmentalität. Die sollten wir aber in einigen Bereichen hinterfragen.

Durch den Nullzins der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es auf deutsche Sparbüchern noch 0,01 bis 0,05 Prozent Zinsen. Wie hoch sind die bisher entstandenen Zinsverluste für die Sparer?

Eine Studie der DZ Bank schätzte die Verluste für die Sparer schon vor zwei Jahren auf 260 Milliarden Euro. Der Betrag dürfte inzwischen viel höher sein. Und obwohl die Banken überschüssige Liquidität bei der EZB anlegen und dafür Minuszinsen zahlen müssen, geben sie ihren Kunden sogar meist noch Sonderkonditionen, indem sie die Minuszinsen überwiegend nicht an die Kunden weiterreichen.

EZB-Präsident Mario Draghi will die Bankenunion möglichst schnell vollenden und drängt auf eine gemeinsame europäische Einlagensicherung. Ist die Zeit wirklich reif dafür, wie Draghi sagt?

Es gibt schon heute eine einheitliche europäische Einlagensicherung in Höhe von 100.000 Euro. Die dafür notwendigen Einzahlungen sind noch nicht von allen Ländern geleistet worden. Das sollte zunächst geschehen, ehe neue Themen draufgesattelt werden.

Welche Voraussetzungen müssen vor Beginn einer gemeinsamen Einlagensicherung in der EU geschaffen werden?

Die sogenannten faulen Kredite vor allem in Südeuropa müssen reduziert werden. Das wird nicht einfach. Und es dürfen auch keine neuen Risiken entstehen. Es fehlt ein einheitliches europäisches Insolvenzrecht. Auch die fehlende Eigenkapitalunterlegungspflicht von Staatsanleihen in Bankbilanzen muss geändert werden, da sie Fehlanreize schafft.

Unsere genossenschaftliche Einlagensicherung funktioniert seit 80 Jahren. Zu keinem Zeitpunkt musste der Steuerzahler bemüht werden. Wir haben eine stark präventive Institutssicherung mit starken Brandschutzmaßnahmen. Man kann schließlich nicht nur darauf setzen, dass die Feuerwehr kommt, sondern es liegt in unserer Verantwortung, einen Brand zu verhindern. In Europa muss zuerst für Brandschutz gesorgt werden.

Also die Zeit ist nicht reif?

So ist es.

Haben Sie vielleicht eine gute Nachricht für Sparer? Wann steigen die Zinsen wieder?

Eine Glaskugel habe ich nicht. Die EZB hat erste Signale gesetzt, dass ihr Anleihekaufprogramm auslaufen könnte. Aber von einer Normalisierung der Geldpolitik und damit des Leitzinsniveaus sind wir noch weit entfernt.

Das Gespräch führte Hans-Jürgen Leersch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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