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Franz Nestler
Fintechs statt Filialen

Die etablierten Kreditinstitute müssen umdenken und ihren Kunden neue, zeitgemäße Angebote machen. Die Gewinnmargen schmelzen dahin

Im Sommer 2007 war für die deutschen Banken noch vieles in Ordnung. Die Gewinne sprudelten, man war auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus Amerika. Die Deutsche Bank war an der Börse noch knapp 62 Milliarden Euro wert, die Commerzbank rund 24 Milliarden Euro. Doch die Finanzkrise veränderte alles: Als im September 2008 die Lehman Brothers Bank pleite ging, war die Finanzbranche schwer getroffen. Heute ist die Deutsche Bank noch 20 Milliarden Euro wert, die Commerzbank etwas mehr als zehn Milliarden Euro. Die Konkurrenz ist davongezogen, sowohl in den USA als auch in Europa: Die Deutsche Bank machte 2017 rund 500 Millionen Euro Verlust, während die Bank of America mehr als 18 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftete. Der Traum von einem lukrativen deutschen Investmentbanking ist tot: Niedrigere Handelsvolumina, härtere Kapitalanforderungen und eine zunehmende Dominanz der US-Banken machen es den Geldinstituten hierzulande schwer, Gewinne einzufahren.

Unzeitgemäße Filialen Sowohl die Deutsche Bank wie auch die Commerzbank sehen den Heimatmarkt als Schlüssel für künftige Erfolge. Doch diesen Markt wieder zu erobern, wird nicht leicht. Das Privatkundengeschäft leidet in Deutschland seit Jahren unter niedrigen Margen, hinzu kommt das Niedrigzinsumfeld. Es ist eine Herkulesaufgabe, gleichzeitig zu sparen und auf dem Markt zu wachsen. Die Banken haben dabei die Filiale entdeckt, sowohl als Sparinstrument wie auch als Wachstumsmittel. Aber viele klassische Bankfilialen sind heute nicht mehr zeitgemäß und versprühen einen Charme irgendwo zwischen Zahnarztbesuch und Behördengang. Die Deutschen meiden Bankbesuche. Das ist eigentlich absurd, denn zwei von drei Deutschen geben an, quer durch jede Altersgruppe, dass sie auf die Bank um die Ecke nicht verzichten wollen. Jedoch können immer mehr Bankgeschäfte im Internet erledigt werden, von der Kontoeröffnung über den Ratenkredit bis zur Hausfinanzierung. Wie passt das zusammen?

Beratung gefragt Für das Geldabheben braucht niemand mehr eine Filiale, aber bei komplexen Themen suchen Kunden gern ihre Hausbank auf. Zwar kann man seinen Immobilienkredit auch online beantragen, aber viele wollen dann doch bei der Hausfinanzierung dem Berater in der Niederlassung noch Fragen stellen. Deshalb versuchen die Banken den Spagat: Auf der einen Seite eine Filiale, die immer noch dem Kunden nahe ist und viele Dienstleistungen anbietet. Auf der anderen Seite soll diese aber nicht mehr so teuer sein wie bisherige Filialen.

Zum Beispiel hieß es lange Zeit von der Deutschen Bank, dass sie für jeden Euro, den sie mit ihren Filialen einspielt, mehr als 80 Cent für die Kosten aufbringen muss - viel zu viel. Mit Filialschließungen wurde das Netz schon deutlich ausgedünnt, quer durch alle Banken. Konkret sieht das so aus, dass in den vergangenen zehn Jahren von 46.444 Filialen mehr als 16.000 geschlossen wurden. Aktuell gibt es nur noch rund 30.000 Niederlassungen, und hier ist noch nicht das Ende erreicht. Eine Studie von Investors Marketing kommt zu dem Schluss, dass in den kommenden zehn Jahren weitere 9.000 Filialen wegfallen werden.

Neuer Charme Derweil versuchen die Institute, ihre verbliebenen Zweigstellen aufzumöbeln, im wahrsten Sinne des Wortes. Statt grauem Linoleum oder mit Teppich überdeckten Fliesen wird inzwischen edles Holz verbaut. Die Wände mancher Filiale könnte man als urbanen Schick bezeichnen: Ziegelsteine finden sich genauso an Wänden wie nichtverputzter Beton. Es gibt für die Kunden bisweilen sogar kostenlosen Kaffee.

Die Commerzbank teilt Regionen in große Flagship-Filialen und in kleinere City-Filialen ein. Es soll bis zu 100 der teuren Vorzeigefilialen geben und weitere 500 City-Filialen. Die restlichen 400 werden abgespeckte Flagship-Filialen oder aufgemotzte City-Geschäftsstellen. In den großen Filialen können alle Bankgeschäfte erledigt werden, in den kleineren nicht, dort arbeiten nur zwei Mitarbeiter. Die neuen Standorte sind für die Bank kostengünstiger. Auf weniger als 80 Quadratmetern können diese innerhalb eines Monats aufgebaut werden. Solch eine Filiale zu eröffnen kostet mit 150.000 Euro vergleichsweise wenig. Da die Commerzbank auch selbst nur Mieter ist, kann man notfalls schnell weiterziehen, wenn sich ein Standort doch nicht so gut entwickelt wie erhofft.

Doch das ist alles analog, die Banken führen hier eher Rückzugsgefechte. Digital müssen sie sich mit Vertretern wie der ING Diba, aber auch mit neuen Anbietern wie N26 herumschlagen. Auf diesem Feld tun sich die Banken schwer. Kleine, flinke Start-ups dringen in immer mehr Gebiete vor, die einst nur Domäne der hiesigen Geldinstitute waren.

Das jüngste Beispiel gibt aus Bankensicht Anlass zur Sorge wie auch zur Freude. So ist Wirecard im August zur wertvollsten deutschen Bank geworden und mittlerweile mehr wert als die Deutsche Bank oder die Commerzbank. Wirecard sieht sich selbst als "eines der weltweit führenden Unternehmen für elektronische Zahlungstransaktionen". Das Unternehmen hat konsequent wie kaum andere auf das Thema Zahlungsverkehr und Digitalisierung gesetzt und dabei großen Erfolg.

Digitale Konkurrenz Doch die Konkurrenz macht sich nicht nur beim Thema Zahlungsverkehr breit, auch im Einlagen- oder Kreditgeschäft und selbst auf dem Privatkundenmarkt sind immer mehr Spieler unterwegs. So hat zum Beispiel Auxmoney bereits eine Milliarde Euro Kredite an hunderttausend Menschen vergeben. Noch sind das nur "Peanuts" verglichen mit den Summen, welche deutsche Geldinstitute verleihen. N26 hat mehr als eine Million Kunden in 17 Ländern. Auch hier ist die Bilanzsumme noch klein. Doch die Wachstumsraten sind atemberaubend, während sie woanders schmelzen.

Die Banken reagieren verschieden auf diese neue digitale Konkurrenz. Die momentan beliebteste Lösung: Man kannibalisiert sich lieber selbst, als von einem solchen Fintech gefressen zu werden. Die Commerzbank hält sich mit der Comdirect schon länger eine Direktbank im eigenen Haus. Die Bayern LB hat mit ihrer Digital-Tochter DKB im ersten Halbjahr 2018 knapp die Hälfte ihres Vorsteuergewinnes erzielt. Dagegen verzichtet die Deutsche Bank auf eine eigene Internettochter.

Doch nicht jede Digitalidee muss zwangsläufig auch zünden. Das mussten die Sparkassen zuletzt auf die harte Tour erfahren. Sie setzten auf eine eigene Internetbank mit dem Namen "Yomo", was die Abkürzung für "Your money" ist. Das Projekt lehnt sich nah an der Digitalbank N26 an. Yomo ist gleichzeitig ein neues digitales Konto sowie eine App für das Smartphone, die sich vorrangig an junge Menschen unter 35 Jahren richtet.

Doch nach einem verheißungsvollen Start stagniert die Entwicklung der App, erste Institute haben sich bereits wieder zurückgezogen. Wie genau es mit Yomo weitergehen wird, ist unklar.

Auch an anderer Stelle waren die deutschen Banken nicht erfolgreich, wenn es um die Digitalisierung geht. Besonders das Thema Paydirekt taugt hier als Lehrbeispiel. Mit diesem Bezahldienst sollte dem Marktführer Paypal das Wasser abgegraben werden. Immerhin 40 Banken schlossen sich 2014 dafür zusammen. Doch Paydirekt ist kein relevanter Spieler auf dem Markt. Die Verantwortlichen gestehen das Scheitern ein. Lothar Jerzembek, Mitglied der Geschäftsleitung des Verbands öffentlicher Banken, warnte, der Kreditwirtschaft dürfe "kein zweites Paydirekt passieren". Georg Fahrenschon, ehemaliger Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, räumte ein: "Paydirekt ist bisher kein Erfolg, wir müssen bitteres Lehrgeld zahlen."

Dabei wird schnell vergessen: Viele Fintechs wollen keine Bank werden oder diese zerstören, im Gegenteil. Eine Studie der Beratungsagentur Roland Berger kam zu dem Schluss, dass 86 Prozent der Fintechs sogar darauf hoffen, mit Banken wie Versicherungen zusammenzuarbeiten. Dazu befragten die Unternehmensberater 248 Fintechs in 18 europäischen Ländern. Viele der kleinen Software-Schmieden arbeiten nur an einzelnen Lösungen für Probleme im Finanz- und Versicherungsgeschäft und hoffen auf Abnehmer. Damit ist es gar nicht möglich, die Bankbranche überflüssig zu machen. So sehen zwei Drittel der befragten Firmen nicht, dass die Etablierten in der Finanzbranche durch Fintechs ersetzt werden könnten.

Der Autor ist Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

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