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Hans-Jürgen Leersch
Die wundersame Rückkehr der Zombie-Banken

Mit Milliarden an Steuergeldern gerettete Institute werben um vermögende Kunden. Pleitehäuser zahlen Rekordzinsen

"IK was?", soll Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gefragt haben, als sie im Sommer 2007 vom drohenden Zusammenbruch der Deutschen Industriebank (IKB) erfuhr. Die Sache war nicht nur für den deutschen Finanzmarkt ein Problem: De facto stand die IKB aus Düsseldorf, die sich mit amerikanischen Ramsch-Papieren verspekuliert hatte, unter Kontrolle der staatlichen KfW-Bankengruppe, die knapp 40 Prozent (später mehr als 90 Prozent) an der IKB hielt. Im Verwaltungsrat der von der SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier geführten KfW saß damals das halbe Bundeskabinett. Im Aufsichtsrat der IKB befand sich mit Jörg Asmussen (SPD) ein führender Beamter des Berliner Finanzministeriums. Alle wussten angeblich von nichts.

Die Bankenaufsicht (BaFin) war über die US-Geschäfte der IKB informiert, ließ sich aber von der Bank hinhalten, die das Risiko als "äußerst gering" beschrieben habe, wie die Bundesregierung in einer Antwort (19/842) auf eine Anfrage der Grünen einräumen musste. Damit die Regierung diese Details herausrückte, mussten die Grünen erst das Bundesverfassungsgericht bemühen. In diesem Zusammenhang musste auch der Preis für den Verkauf der IKB durch die staatliche KfW an den US-Investor Lone Star mitgeteilt werden: 137 Millionen Euro. Der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle beklagte, "dass zwölf Milliarden Euro in Deutschland an Steuergeldern mal eben versenkt werden und niemand in der Regierung sagt, er trägt die Verantwortung". Nun, es waren nicht zwölf, sondern vermutlich 9,5 Milliarden Euro. Auch die deutsche Kreditwirtschaft hatte sich an der Rettungsaktion beteiligt.

Konkurrenz staunt Die Kreditwirtschaft staunte nicht schlecht, als die als "Zombie-Bank" verschriene IKB 2011 im Privatkundengeschäft, bisher eine Domäne von Sparkassen, Volksbanken und privaten Instituten, auftauchte. Als "IKB direkt" stellte das Institut eine Online-Abteilung (ohne Filialen oder Geldautomaten) auf die Beine, wo vermögende Kunden (Mindesteinlage 5.000 Euro) Tagesgeld anlegen konnten. Tagesgeld ist ein Konto, über dessen Guthaben der Inhaber ständig verfügen, dessen Verzinsung sich aber täglich ändern kann. Als Neuling im Markt lockte die IKB mit hohen Zinsen die bereits von sinkenden Zinsen anderer Banken geplagten Sparer in Scharen an.

Die Offerte war so erfolgreich, dass die IKB das Privatkundengeschäft ausbaute. Hinzu kamen Festgeldangebote. Festgelder werden für einen bestimmten Zeitraum angelegt, zum Beispiel für ein Jahr, fünf Jahre oder sogar zehn Jahre. Während dieser Zeit kann über sie nicht verfügt werden. Die Zinsen werden jährlich oder am Ende der Laufzeit ausgezahlt. Alle Angebote sind geschützt durch die Einlagensicherung wie bei jeder anderen deutschen Bank. Die Konkurrenz tobte: Erst musste man die IKB mitretten, und jetzt gruben ihnen die Düsseldorfer im Privatkundengeschäft (Kredite gibt es bei der IKB nur für Firmen) das Wasser ab. Die Aufregung hat sich trotz sinkender Zinsen, die auch die IKB zur Senkung ihrer Zinssätze zwang, nicht gelegt. Martin Eul, Vorstandschef der Dortmunder Volksbank, klagte noch Anfang des Jahres, das gerettete Institut locke mit Zinsen, von denen Kunden anderer Banken nur träumen könnten.

Pleitebank zerlegt Die IKB war nicht die einzige Zombie-Bank, die den Weg in das Privatkundengeschäft fand. 2009 musste der Bund die Hypo Real Estate (HRE), eine bis dahin im DAX notierte Bank, verstaatlichen. Es gab öffentliche Garantien von 124 Milliarden Euro und 7,7 Milliarden Euro direkte Finanzhilfen. Die Bank wurde schließlich aufgelöst und in Einzelteile zerlegt, zum Beispiel in die Deutsche Pfandbriefbank. Ebenso wie die IKB tauchte auch die Pfandbriefbank auf dem Privatkundenmarkt auf. Unter dem Namen "pbb direkt" sammelt der Immobilienfinanzierer Kundengelder in Euro und US-Dollar ein - ebenfalls mit Einlagenschutz.

Dritter im Bunde der Zombie-Banken ist die HSH Nordbank. Das den Ländern Schleswig-Holstein und Hamburg gehörende Institut hatte sich mit Schiffsfinanzierungen verspekuliert und Milliarden-Verluste angehäuft. Wie schon bei der IKB hatten die verantwortlichen Politiker von nichts gewusst. Kurz vor seinem Wechsel in das Bundesfinanzministerium vereinbarte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) mit seinem Kieler CDU-Kollegen Daniel Günther (auf Geheiß der EU) den Verkauf der Pleitebank an US-Finanzinvestoren. Zurück bleiben die Kosten für den Steuerzahler, die sich auf zehn bis 15 Milliarden Euro belaufen könnten. "So teuer wie 14 Elbphilharmonien", spottete der "Spiegel".

Mögen die Schiffsfinanzierungen untergegangen sein, auf dem Privatkundenmarkt hat das mit der Institutsgarantie der Sparkassen und gesetzlicher Sicherung versehene Institut Oberwasser: Über Internetplattformen wie "Zinspilot" lockt die in diesem Segment neu mitmischende HSH Nordbank etwa Tagesgeld-Kunden mit Zinsen von 0,74 Prozent. Da werden selbst IKB-Banker blass: Die Düsseldorfer bieten gerade noch 0,05 Prozent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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